Fair Wear für EinsteigerInnen & Fortgeschrittene

Kritisch konsumieren und fair produzieren. NICOLE KORNHERR gibt einen Überblick über die vielen Möglichkeiten, ab sofort etwas anders zu machen.

 

Viele grauenvolle Fakten über die Schattenseiten der globalen Bekleidungsindustrie haben die meisten von uns zumindest schon mal gehört. Denn immer mehr schockierende Details über eine Elend und Armut verursachende globalisierte Profitgier, die gegen internationale Gesetzgebungen und jede Moralvorstellung verstößt, finden inzwischen auch den Weg in die großen Medien. Doch selbst wenn der Wille da ist: Für kritische Konsument_innen ist es oft schwer zu entscheiden, welche Alternativen im Alltag eigentlich bestehen und welche wirklich sinnvoll sind. Mir selbst wurden erstmals während meines ehrenamtlichen Praktikums bei der Clean-Clothes-Kampagne im Jahr 2005 die Augen über die Brutalität des kapitalistischen Ausbeutungssystems in der Modewelt geöffnet. Doch auch ich habe bisher keine befriedigende Lösung gefunden, auf individueller Ebene mit diesem Wissen ideal umzugehen. Ich bin immer wieder hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl der Ohnmacht, scheinbar ohnehin nichts bewirken zu können, und dem Wunsch, dennoch aktiv werden zu wollen. Doch es gilt, sich immer wieder aufs Neue zu motivieren und sich dabei durch das Engagement anderer inspirieren zu lassen. Selbst wenn dabei wohl akzeptiert werden muss, dass auch im Bekleidungssektor die Revolution nicht von heute auf morgen vonstatten gehen wird. Doch auf dem schrittweise zu bewältigenden Weg zu einer ethisch verantwortungsvollen Modewelt ist mensch gar nicht so einsam. Es gibt schon viele MitstreiterInnen, die erkannt haben, dass Mode, für deren Herstellung Menschen ausgebeutet wurden, niemals trendig sein kann, und die überzeugend vorleben, dass es durchaus Handlungsoptionen gibt:

Kritische KonsumentInnen. Menschen, die ihre individuellen Kaufmuster reflektieren und diese nachhaltig ändern. Was inzwischen auch deutlich leichter fällt, denn das Angebot nachhaltiger und fair produzierter Mode steigt stetig und beschränkt sich erfreulicherweise schon lange nicht mehr auf Jutesack und Birkenstock. Sehr hilfreich, um sich in der Flut an einschlägigen Informationen für KonsumentInnen zurechtzufinden, sind vor allem Gütesiegel wie z.B. GOTS u.a. Auch einschlägige Blogs wie z.B. jener der deutschsprachigen Fair-Fashion-Ikone Kirsten Brodde (www.kirstenbrodde.de) sowie das aufstrebende Schweizer Networking-Portal www.getchanged.net verschaffen einen guten Überblick. Für Österreich sind vor allem der „wear fair Shopping Guide“, die Kampagne des Lebensministeriums (www.bewusstkaufen.at) sowie die Wien-spezifische Version „die Sicherheitsnadel – your guide for sustainable fashion“ (www.die-sicherheitsnadel.at) relevant.

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Treches steht für urbane Streetwear, produziert wird nachhaltig und fair. www.treches.com
Foto: Goodyn Green www.goodyngreen.com

Aktivismus. Mittels Petitionen, Social-Media-Aktionen oder Mail-Ketten kann international die Verbesserung von Arbeitsrechten gefordert werden. Die Clean-Clothes-Kampagne und viele andere setzen sich seit Jahren für diese Reformen ein und sind auf Unterstützung angewiesen. Kleinere Fortschritte sind immer wieder zu verbuchen, etwa wenn es gelingt, im Rahmen der sogenannten Urgent Actions (www.cleanclothes.at/de/take-action) einzelne Aktivist_innen in den Produktionsländern zu unterstützen oder dafür zu kämpfen, dass nach Betriebsbränden Entschädigungsfonds oder Ähnliches eingerichtet werden. Aktuell kann dort eine Petition unterschrieben werden, in der gefordert wird, dass der österreichische Staat bei der öffentlichen Beschaffung von Produkten auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen achten muss.
Als relativ erfolgreich einzustufen ist auch die aktuelle Detox-Kampagne (www.greenpeace.de/detox), die große Modemultis wie Levis oder ZARA dazu bringen möchte, auf gefährliche Chemikalien in der Textilherstellung zu verzichten. Die Erfolge der „play-fair-olympia“-Kampagne (http://play-fair.org), die seit den Sommerspielen in Athen 2004 Fair Play auch bei der Produktion von Sportbekleidung und Merchandise fordert, sind hingegen bisher eher dürftig und bleiben weitgehend auf Lippenbekenntnisse beschränkt.

DIY. Doch selbst im eigenen kleinen Rahmen kann viel bewegt werden: Die Organisation fairer Modeschauen etwa – wie in Wien z.B. jene der Modeschule Herbststraße mit der RedUse-Kampagne von Global 2000, bei der alte Uniformen zu Haute Couture redesigned wurden – kann Alternativen aufzeigen und den Handlungsspielraum für KonsumentInnen vergrößern. Mode kann überdies secondhand erworben, kollektiv recycelt oder wiederverwendet werden, etwa durch die Gründung eines Kleidertausch-Zirkels, von Kost-nix- oder Vintage-Läden. Und wer sich dazu berufen fühlt, kann natürlich auch wieder einmal selbst etwas nähen, stricken oder häkeln …

DIY advanced. Werde zur Fair-Fashionista-ProduzentIn: Im Nahrungsmittelbereich hat sich der faire Handel schon deutlich stärker etabliert, nun legt er erfreulicherweise auch im Modesektor zu. Doch die Frage „Wie werde ich nachhaltige Fair-Fashion-Produzentin?“ ist ziemlich komplex. Oft fühlt man/frau sich anfangs ziemlich einsam und überfordert mit der Informationsflut zu ökofairer Kleidungsproduktion. Mein Tipp: Viele Probleme können besser kollektiv als alleine gelöst werden! Schaut euch um, informiert euch und fragt auch direkt bei bereits aktiven fairen Labels nach. Grundlegende Dinge, die unbedingt zu beachten sind (und die zum Teil auch von Menschen beherzigt werden können, die sich einfach hin und wieder selbst etwas nähen wollen):

Rohstoffe und Herkunft. Bereits bei der Auswahl der Materialien ist darauf zu achten, ob entlang der gesamten Wertschöpfungskette einerseits menschenwürdig und andererseits möglichst umwelt- und ressourcenschonend gearbeitet wurde. Vertrauenswürdige Gütesiegel, die vor allem transparent und umfassend sein müssen, geben darüber Auskunft. Einen guten Überblick über die verschiedenen Gütesiegel gibt die Südwind-Initiative „WearFair – Österreichs Messe für ökologische und faire Mode“: http://wearfair.at/index.php?id=87. Die Gütesiegel GOTS und Fairtrade decken die meisten der relevanten Kriterien ab. Bei den Bezugsquellen sind aktuell Fairtrade und GOTS in Kombination eine der zuverlässigsten Empfehlungen beim Stoffkauf, da dadurch sowohl der Anbau als auch die weiteren Verarbeitungsschritte inkludiert sind.

Arbeitsbedingungen. Wenn ihr beschließt, produzieren zu lassen, solltet ihr den Aufbau einer ethischen ZulieferInnenkette anstreben. Dazu sind vier Schritte nötig: Die Einführung eines Verhaltenskodex, die Umsetzung des Kodex, die Einbeziehung der Zivilgesellschaft (z.B. NGOs und andere Stakeholder) sowie Organisationsfreiheit und Kollektivvertragsverhandlungen. Details findet ihr unter: www.cleanclothes.at/media/common/uploads/download/vier-schritte-zu-einer-fairen-zulieferkette/4_Schritte.pdf

 

Vernetzungsmöglichkeiten innerhalb der Szene. Networking und Austausch sind auch in der fairen Modewelt ein absolutes Muss, um am Ball zu bleiben. Es gibt verschiedene empfehlenswerte Messen und Plattformen.

FWF Young Designer Programme
Die Fair Wear Foundation (FWF) startete 2012 das Pilotprojekt als Plattform und Lernprogramm für all jene, die sich der öko-sozialen Mode verschreiben und einen geringeren Jahresumsatz als 250.000 Euro haben. (www.fairwear.org)

Ethical Fashion Forum – SOURCE
Source ist das weltweit größte Portal der nachhaltigen Modewelt. Es wurde 2011 vom Ethical Fashion Forum (EFF) in London gegründet. Das EFF ist das Gremium der Industrie für nachhaltige Mode und versteht sich als vielfältige Plattform, auf der Erfahrungen, Wissen und Dienstleistungen geboten werden. www.ethicalfashionforum.com/source

GET CHANGED! The Fair Fashion Network
Im deutschsprachigen Raum ist es als nachhaltiges Modelabel absolut erstrebenswert in dieser Nachhaltigkeitsdatenbank aufgenommen zu werden. Deren Ansprüche sind zwar sehr hoch (www.getchanged.net/de/kriterien/fairness-kriterien), aber dafür ist dieses aufstrebende Netzwerk in der Szene aufgrund der gebotenen Transparenz hoch angesehen.

Nicht zuletzt ist die Präsentation des eigenen Labels auf Messen ein idealer Schritt, um sich einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren:
WearFair Messe – Linz: www.wearfair.at
Ethical Fashion Forum (EFF) – London: www.ethicalfashionforum.com/source-expo
Ethical Fashion Show – Paris/ Berlin: www.ethicalfashionshow.com
fairfair – Wien: www.fairfair.at
Edelstoff – Wien: www.edelstoff.or.at
FESCH’MARKT – Wien: www.feschmarkt.at

 

Nicole Kornherr studierte Internationale Entwicklung sowie Politikwissenschaft und schreibt derzeit für Wear Fair am „Ethical Fahion Guide“, einem Leitfaden für ethische Produzent_innen, der ab März auf www.wearfair.at heruntergeladen werden kann. Sie ist außerdem Mit-Inititiatorin von „Die Sicherheitsnadel – your sustainable fashion guide“ (www.facebook.com/pages/Die-Sicherheitsnadel): Weil es 2011 noch keinen umfassenden Guide für „faire Mode“ in Wien gab, machte sich ein Team aus sechs jungen Frauen selbst an die Arbeit. Im Rahmen der ehrenamtlichen Initiative entstand als Diplomprojekt: ein gedruckter Guide inklusive übersichtlichem Stadtplan mit allen Shops, eine informative Webpage und ein kleiner Werbefilm. Langfristig ist es das Ziel, eine selbstverwaltete Plattform für nachhaltigen Mode in Wien aufzubauen.

 

Bezugsquellen von Ökostoffen und -garnen sowie Zubehör

Österreich

International

  • Anita Pavani Stoffe (www.naturstoff.de): Biobaumwolle, Jute, Hanf, Wolle, Seide, Brennnessel und Leinen, Borten, Bänder, Nähgarn
  • Ars + Natura (www.ars-et-natura.de): Baumwolle, Wolle, Hanf und Leinen als Stoffe und Strickgarne, teilweise pflanzengefärbt, teilweise kbA, kbT
  • Astarte Naturtextilien (www.astarte-textil.de): bedruckte Stoffe, kbA
  • Bett und Tuch (www.bett-und-tuch.de): teilweise biologische Bettwäsche, Frotteewaren, Vorhänge, Meterware, Baumwolldecken
  • BioRei Garne – Remei AG (www.remei.ch/produkte/fasern-garne): Garne und Fasern aus kontrolliert biologischer Biobaumwolle und Wolle, FLO-CERT überprüft bioRe, BSCI, SA8000
  • BioSeidentraum (www.bio-seide.de): Bioseide und Bionähgarne, GOTS
  • BioTissues (www.biotissues.com): Jersey, Nicky, Batist, Satin oder Samt, GOTS
  • Bishopston Trading Company (www.wholesale-bishopstontrading.co.uk): Handgewebte Stoffe, Babycord, Denim, Kaliko, Samt, Fairtrade
  • Bo Weevil B.V. – organic cotton (www.boweevil.nl): T-Shirts, Shirts, Sweaters, Hoodies, Bademäntel und Handtücher aus Biobaumwolle, überprüft von der Control Union (ehemals Skal International), EKO Label
  • clothhouse (www.clothhouse.com): Baumwolle, Leinen, Latex, Hanf, Denim, Seide, Khadi
  • eleather (www.eleathergroup.com): ökologisches Leder recycelt aus Leder-Verschnitten
  • Florence – Naturstoffe (www.florence.de): Stoffe aus Naturfasern wie Leinen, Seide, Schurwolle, Baumwolle und Hanf, Jersey, Strick, Zubehör und Knöpfe, teilweise kbA Stoffe
  • Frau Tulpe (www.frautulpe.de): bedruckte Biobaumwollstoffe, Borten, Bänder, Zubehör
  • Gossypium (www.gossypium.co.uk): Biobaumwolle aus fairem Handel, Fairtrade
  • greenfibers (www.greenfibres.com): Ökologischer Stoffanbieter, Meterware, Rohmaterial, Strickgarnwolle, Knöpfe, Schleifbänder, Faden, teilweise Fairtrade, GOTS, organic cotton > Control Union (formerly SKAL)
  • Hanfhaus (www.hanfhaus.de): Hanfstoffe
  • Hema-Wollversand (www.hema-wollversand.de): Handstrickgarne aus Biobaumwolle, GOTS zertifiziert
  • Hempfabric (www.hempfabric.co.uk): Hanf, Biobaumwolle, Bambus – ungefärbt, ISO bzw. Soil Association zertifiziert
  • hempfabrics (www.hempfabric.co.uk): Hanf, BioBW, Faden, Bambus, Meterware, ISO
  • Ideen (www.ideen.com/de/Stoffe/bioBaumwolle): bunte Bio-Baumwollstoffe, GOTS zertifiziert
  • Immertreu (www.immertreu-stoffe.de): Ökostoffen aus Biobaumwolle
  • kbA Stoffe/Bio Stoffe (www.kbastoff.com): große Auswahl an Biostoffen, Web-, Strickstoffe, Velours, Watte und Vlies, kbA, GOTS zertifziert
  • Lebenskleidung – GOTS zertifizierte Textilagentur (www.lebenskleidung.com/bio-stoffe): Web- und Strickstoffe aus Bio-Baumwolle, pflanzlich gefärbte Wildseiden, Einkaufsgemeinschaften und Auftragsproduktionen für gewerbliche KundInnen, GOTS zertifiziert
  • Lichtschatz – Internationale Textilfaser- und Agrarprojekte (www.lichtschatz.com): Leinen, Baumwolle, Jersey, Plüsch, Frottee, Demeter-Schurwolle, farbig gewachsene Bio-Baumwolle Projekte GmbH, kbA
  • Lillestoff (www.lillestoff.de): Stoffe in skandinavischem Design, GOTS zertifiziert
  • Mathias Versand (www.mathias-versand.ch): Stoffe am Laufmeter, Fairtrade
  • Meterweise (www.meterweise-stoffe.de): Stoffe aus Naturfasern, teilweise biologisch
  • Meterwerk (www.meterwerk.de): Hanf, Leinen, Baumwolle, Seide, GOTS, kbA
  • natureally organic leather (www.natureally.co.uk): luxuriöses Bio-Leder von britischen Rindern
  • nearseanaturals (www.nearseanaturals.com): ökologische Stoffe aus Baumwolle (hauptsächlich aus den USA), Seide, Hanf, Flachs, Knöpfe, Schleifbänder, Garn, Sustainable Cotton Project
  • Nelly-Morelly – ökologische Textilwerkstatt Leipzig (www.nelly-morelly.de/DaWanda_Shop.html): Stoffe und Spitzen ökologisch zertifiziert und fair produziert, GOTS
  • offset warehouse (www.offsetwarehouse.com/ethical-directory): Stoffe, Spitze, Knöpfe, Fäden, GOTS
  • Orimpex (www.orimpex.com.tr/en): manufacturer of organic and bamboo clothing, Organic Exchange, GOTS, OE 100 Standard
  • Sew Natural (www.sewnatural.eu): Bio-Nähgarne, Biobaumwollstoffe, Hanfstoffe aus den Niederlanden
  • shared talent india (www.sharedtalentindia.com): Online Sourcing Toolkit
  • Siebenblau (www.siebenblau.de): Bio-Nähgarne und öko-faire Stoffe aus Bio-Baumwolle, Bio-Leinen, Bio-Hanf, Bio-Wolle, GOTS, kbA, kbT, Fairtrade zertifizierte Stoffe
  • Soko-kenya (www.soko-kenya.com): Stoffe + full CMT process, arbeitet mit Kooperativen in Kenya zusammen, Arbeitsprojekte zur Armutsminderung
  • Stoffe-Zanderino (www.stoffe-zanderino.de/BIO-Stoffe:::754_1211_1213.html): BIO-Stoffe, IVN zertifiziert
  • Stoffkontor Kranz AG (www.nettleworld.com): Biobaumwolle, Biobrennessel, Bioleinen
  • Volksfaden (www.volksfaden.de): Garne, Borten, bunt und ausgefallen designte Bio-Patchworkstoffe, Knöpfe, Zubehör
  • Westfalenstoffe AG (www.westfalenstoffe.de): Biobaumwolle und Plüsch, kbA
  • wholesale-bishopstontrading (www.wholesale-bishopstontrading.co.uk): Stoffe und Bekleidung (Großhandel), Fairtrade

Informationsquellen

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1 Kommentar

  1. Thanks for this. Very comprehensive and detailed. Birch Fabrics also has a very nice selection

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  1. Anschläge aufs/ins Postkastl | Ein Jahr ohne Kleiderkauf - [...] bitte nicht noch mehr Arbeit als eh schon und so. Wens interessiert (da sind nämlich andere tolle Artikel…
  2. Fair Wear für EinsteigerInnen und Fortgeschrittene: Super Artikel in An.schläge | Romys Senf - [...] wenns um unsere Bekleidung geht.  Ein sehr informativer Artikel. Wärmste Leseempfehlung: http://anschlaege.at/feminismus/2013/02/fair-wear-fur-einsteigerinnen-fortgeschrittene/ Gefällt mir:Gefällt mir [...]

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