Pflegevater-Pflegemutter-Kind

Ein Großteil der Kinder wächst bei den Baatombu nicht bei ihren biologischen Eltern auf, sondern bei Pflegeeltern. In ganz Westafrika ist die Ansicht weit verbreitet, dass die Erziehung durch andere sehr förderlich für die Kinder ist. Von ERDMUTE ALBER

 

Wer hat keine eigenen Erinnerungen an das Rollenspiel „Vater-Mutter-Kind“, bei dem Kinder nachspielen, wie sie die Welt der Familie erleben oder sich eine heile Familienwelt vorstellen. Europäische Kinder spielen bei „Vater-Mutter-Kind“ fast stets Szenen aus vollständigen, zusammenlebenden und meist friedlichen Kleinfamilien nach. Sie verbringen den Alltag gemeinsam, nur das Kind, das den Vater spielt, steht irgendwann auf und geht zur Arbeit. Als ich ein Kind war, wollte ich meistens den Vater spielen, der seine Aktentasche nehmen und gehen konnte.
Dieses Familienbild wird, allen tiefverwurzelten Vorstellungen und Erwartungen zum Trotz, früher wie heute nicht von allen Menschen gelebt. Mein Blick über den europäischen Tellerrand hinweg nach Westafrika zeigt, dass dort andere Familienmodelle seit Jahrhunderten existieren. Sie waren für die Menschen ebenso selbstverständlich wie das Vater-Mutter-Kind-Modell des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa. Und wie dieses sind auch die anderen Familienmodelle Wandlungsprozessen unterworfen, die oftmals langsamer verlaufen als eine sich schnell verändernde gelebte Realität.

Bei anderen als den leiblichen Eltern aufwachsen. In Westafrika gehört die Vorstellung, dass Kinder möglichst bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen sollen und nur im Krisenfall weggegeben werden, nicht zu den grundlegenden Elternschaftsvorstellungen. Vielmehr wird das Weggeben eines Kindes an andere, für eine Zeit oder für viele Jahre, als selbstverständlich und durchaus normal angesehen. Wenn ein Kind in einer anderen Familie aufwächst, so die Vorstellung vieler, kann es Dinge lernen, die es zuhause nicht lernt. Es kann dort besser erzogen werden, Zugang zu Schulen haben, oder es kann dadurch auch einfach eine besondere Beziehung zwischen den sozialen Eltern – den Pflegeeltern – und den leiblichen Eltern des Kindes aufgebaut werden.
Und schließlich wird die Zuständigkeit für Kinder als die wichtigste Aufgabe der sozialen Gemeinschaft angesehen – weswegen Onkel und Tanten als ebenso berechtigt zur Erziehung der Kinder gelten wie die leiblichen Eltern.
Aus diesen und anderen Gründen ist die Kindspflegschaft in Westafrika besonders weit verbreitet. Zwischen zehn und dreißig Prozent der Kinder wachsen je nach Land, Region, Geschlecht und Ethnie nicht bei ihren biologischen Eltern auf. Diese Praxis wird nicht als negativ für die Kinder, ihre Entwicklung und ihren weiteren Lebensweg angesehen; weit verbreitet ist die Ansicht, dass die Pflegschaft bei anderen als den biologischen Eltern der Erziehung der Kinder förderlich sei.

Um ein Kind bitten. Die Baatombu in Nordbenin sind eine Gruppe von Ackerbauern, die innerhalb des westafrikanischen Kontinuums einen Extrempunkt darstellen. Bei ihnen war die Kindspflegschaft bis vor wenigen Jahrzehnten nicht nur eine Möglichkeit unter mehreren, sondern das vorherrschende Modell von Elternschaft: Fast alle Baatombu-Kinder wuchsen nicht bei den biologischen Eltern auf, sondern bei Pflegeeltern.
Die meisten Kinder kamen in der Zeit zwischen dem Abstillen und dem siebten Lebensjahr zu ihren Pflegeeltern (meist Onkeln bzw. Tanten oder die Großeltern, sowohl mütter- als auch väterlicherseits). Zu dieser Norm der frühen Übergabe gehörte die Vorstellung, dass ein Kind idealerweise gar nicht die Namen seiner leiblichen Eltern kennen sollte. Es hielt also die Pflegeeltern für die „richtigen“ Eltern. Mädchen wurden von Frauen zu sich genommen, Jungen von Männern. Die soziale Mutter oder der soziale Vater erfüllte dabei nahezu alle Funktionen von Elternschaft (z.B. Erziehung, Essen, Kleidung).
Charakteristisch für diese Beziehung ist die Vorstellung (die noch heute im dörflichen Kontext weit verbreitet ist), dass die biologischen Eltern nicht das Recht haben, ihre Kinder für sich zu beanspruchen. Ein weiteres zentrales Merkmal der sozialen Elternschaft bei den Baatombu ist, dass die biologischen Eltern nicht die sozialen Eltern für ihre Kinder auswählen, sondern dass diese selbst um ein Kind bitten. Vergleichbar ist dieser Vorgang mit der Bitte um die Hand einer Tochter, nur dass er mit weniger Gaben und Gütertransfers verbunden und auch insgesamt weniger ritualisiert ist. Ähnlich wie bei der Heirat ist mit der sozialen Elternschaft die Übergabe von bestimmten Verfügungsrechten verbunden: hier ist es die Verfügung über ein Kind, über dessen Arbeitskraft, seine Zukunftschancen, seine potenziellen Versorgungsleistungen, sowie die Übernahme der Pflicht, das Kind in das Erwachsenendasein zu begleiten und ihm dafür die notwendigen Qualifikationen zu geben.
Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Annahme von Jungen durch Männer und der von Mädchen durch Frauen: Soziale Elternschaft ist für die Frauen wichtig, um ihre Position im Ehegehöft zu stärken und um jemanden aus der „eigenen“ Familie bei sich zu haben. Da Frauen in den Gehöften ihrer Ehepartner als „Fremde“ leben und ihre biologischen Kinder ihnen nicht gehören, sind die angenommenen Kinder Garanten von Loyalität, aber auch von gestärkten Verwandtschaftsbeziehungen zur Herkunftsfamilie. Aus diesem Grund halten Frauen wesentlich stärker als Männer an der sozialen Elternschaft im traditionellen Sinne fest.

Wandlungsprozesse. Die soziale Elternschaft existiert im dörflichen Kontext der Baatombu heute als eine von mehreren Formen von Kindheit, hat sich jedoch im Laufe der Kolonisierung und der post-kolonialen Entwicklung stark verändert. Die sozioökonomische Grundlage der sozialen Elternschaft war, dass die Lebenschancen von Kindern nicht davon abhingen, bei wem sie aufwuchsen. In Nordbenin wurden Land und andere Produktionsmittel der bäuerlichen Wirtschaft nicht vererbt, sondern standen nahezu unbegrenzt zur Verfügung. Dadurch war für den ökonomischen Erfolg von Menschen relativ unwichtig, bei wem sie ihre Kindheit und Jugend verbrachten.
Mit der Möglichkeit, durch schulische Bildung alternative Laufbahnen einzuschlagen und sozial aufzusteigen, hat sich dies grundlegend geändert. Für den wirtschaftlichen Erfolg von Erwachsenen ist wichtiger geworden, welche Bildungseinrichtungen ein Kind besucht – und damit begannen innerfamiliäre Auseinandersetzungen, wer über diese Zukunftschancen entscheidet. Unter dem Einfluss von christlichen Kolonialherrn und französischer Verwaltung, die das europäische Familienmodell favorisierten, setzte sich auch in den Dörfern mehr und mehr der Gedanke durch, dass die Lebenschancen der Kinder von den biologischen Eltern mitbestimmt werden sollen. Da jedoch auch viele vorkoloniale Praktiken und Regelungen beibehalten wurden, entstand eine Vielzahl von Meinungen zur Elternschaft.  Ein massiver Wandlungsprozess der sozialen Elternschaft, der zur Herausbildung neuer Formen geführt hat, die alte und neue Elemente integrieren, setzte jedoch nicht so sehr innerhalb der dörflichen Bevölkerung ein, sondern zwischen Dorf und Stadt. Seit etwa vierzig Jahren werden Kinder aus der Stadt nicht mehr von DorfbewohnerInnen angefragt. Allgemein wird davon ausgegangen, dass Stadtkinder durch Schulbildung Zugang zu den neuen Aufstiegsmöglichkeiten haben, und ihre städtischen Eltern ein Familienbild bevorzugen, bei dem die biologischen Eltern für ihre Kinder sorgen.
Im Verhältnis zwischen Stadt und Land geht der Austausch von Kindern heutzutage in eine Richtung: Nur die Menschen in der Stadt bekommen Landkinder angeboten oder fragen nach ihnen. Diese Kinder gehen in der Stadt zur Schule oder machen dort eine Ausbildung und arbeiten zugleich in den städtischen Haushalten mit. Diese Aufnahme von Kindern in der Stadt hat für beide Seiten Vorteile: Die ländlichen Haushalte können ihren Kindern Zugang zu Bildungseinrichtungen besorgen, die städtischen haben Arbeitskräfte.
Manchen städtischen Haushalten, die Kinder aufnehmen, wird jedoch auch nachgesagt, dass sie sie nehmen, um Arbeitskräfte zu haben – womit sie sie letztendlich ausbeuten. Daher gibt es inzwischen auch Institutionen, die die soziale Elternschaft als eine Form des Kinderhandels ansehen und Eltern davor warnen, ihre Kinder wegzugeben. Zugleich werden auch im städtischen Kontext manche alten Normen beibehalten. So sind StädterInnen wie DorfbewohnerInnen fest davon überzeugt, dass es gut für Kinder ist, nicht ausschließlich bei den biologischen Eltern aufzuwachsen. Jahrelange, aber gleichwohl temporäre Abwesenheiten der Kinder wegen Schulbesuch, Ausbildung oder nur, „um Erfahrungen zu machen“, werden von allen Beteiligten gutgeheißen. Die europäische Vorstellung, dass der Wechsel von Bezugspersonen Schaden anrichten könne, wird nicht geteilt.
Im Zuge dieses Wandlungsprozesses sind Kindheiten in Nordbenin heutzutage vielfältiger geworden, und es wird gerade auch über die sich wandelnden Normen unablässig gestritten und verhandelt. Dass Baatombu-Kinder „Vater-Mutter-Kind“ spielen, habe ich jedoch nie beobachtet, nicht einmal bei denen, die mit ihren leiblichen Eltern aufwachsen.

Erdmute Alber ist Professorin für Sozialanthropologie an der Universität Bayreuth Erdmute und erforscht Prozesse gesellschaftlicher Veränderungen vor allem in Westafrika.

 

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