neuland: Das R-Wort

entdeckungen im alltag

„Weißt Du, bei Denzel Washington fällt gar nicht auf, dass er schwarz ist.“ Ein entgeisterter Blick, hochgezogene Augenbrauen und ein extra lauter Seufzer meinerseits folgen. „Findest Du nicht auch? Wenn ich ihn ansehe, fällt mir wirklich nicht auf, dass er schwarz ist.“ Auch die Wiederholung dieses ungeheuren Blödsinns macht es in meinen Ohren nicht besser, aber schlussendlich raffe ich mich noch zu einem „Und was genau soll das heißen?“ auf. „Na ganz einfach. Er wirkt einfach total seriös. Richtig staatsmännisch.“ – „Aha, und dieses Staatsmännische und Seriöse ist für dich also das krasse Gegenteil von Schwarz, oder wie?“ Mittlerweile hab ich meinen Mittagssnack von mir weggeschoben. „Das nicht. Aber verstehst Du wirklich nicht, was ich meine?“ – „Nein. Und ich will es auch gar nicht verstehen, weil das einfach ein riesiger Schwachsinn, vermischt mit einem guten Schuss Rassismus ist.“ So, jetzt ist es raus, das gefährliche R-Wort.
Bin ich unsichtbar? Nein, ich werde gerade unsichtbar gemacht: Denn was soll es sonst bedeuten, wenn mir weiße Menschen sagen, dass es ihnen bei mir oder sonst irgendwelchen Schwarzen Menschen gar nicht auffällt, dass sie schwarz sind? Im Klartext heißt das doch: „Meiner Meinung nach sind alle schwarzen Menschen so und so, aber du bist die leuchtende Ausnahme. Eigentlich wärst du fast wie wir, wenn nur diese Hautfarbe nicht wäre, die mir in deinem Fall gar nicht auffällt.“ Und einen Gedanken weiter heißt das dann auch: „Und ich bin überhaupt ein ganz flotter Käfer, weil ich auf so was wie Hautfarben nicht achte. Im Gegenteil, mir ist das gar nicht wichtig, daher fällt es mir auch gar nicht auf.“
Wie es weiterging? Ich erspar es euch. Nur so viel: Es ging noch um Will Smith – ebenfalls staatsmännisch und seriös – und die angeblichen Gegenteile (50 Cent, Kanye West etc.): „Die sind einfach wirklich too much.“ Was mir too much ist? Genau diese Art immer wiederkehrender Gespräche. Ab jetzt esse ich mittags alleine. Ist einfach ungefährlicher.

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Illustration: Nadine Kappacher

Belinda Kazeem ist freie Autorin und lebt in Wien.

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