an.sage: Gefährliche Kooperationen

Ein Kommentar von LEONIE KAPFER

 

Im Kampf um das weibliche Selbstbestimmungsrecht war er noch Hauptanliegen früherer Frauenbewegungen – heute findet er sich jedoch kaum mehr in feministischen Debatten: der Schwangerschaftsabbruch. Nach Scheinlegalisierungen mittels Fristenlösung wird das „A-Wort“ mittlerweile fast nur noch von den Gegner_innen des Abbruchs benutzt. Feminist_innen scheinen beim Thema Abtreibung wenig Redebedarf zu haben.

Angesichts der starken Lobby der Abtreibungsgegner_innen ist dies völlig unverständlich. Hinter Namen wie ProLife oder Human Life International verbergen sich fundamentalistisch-christliche Riesenfirmen, deren einziges Ziel es ist, Abtreibungen zu kriminalisieren. Und sie besitzen außerordentlich viel Macht: Unterstützt von Politiker_ innen und finanzkräftigen Spender_innen haben diese Konzerne genügend Einfluss und Kapital, um medienwirksame Kampagnen zu schalten, Veranstaltungen abzuhalten und massenweise Propagandamaterial zu drucken. War ein derart aggressives Antiabtreibungsengagement früher nur aus den USA bekannt, drängen die selbst ernannten Lebensschützer_innen in den letzten Jahren vermehrt nach Europa.

Fruchtbaren Boden finden sie hier allemal. Denn selbst im sich gern als liberal bezeichnenden Europa ist das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung nicht verwirklicht. Sowohl in Deutschland als auch in Österreich ist Abtreibung eine Straftat, in Irland und Polen gar verboten. Dass Frauen hierzulande straffrei und auf sicherem Wege eine Schwangerschaft beenden können, verdanken wir der hart umkämpften Fristenlösung. Mit dieser können Frauen einen Abbruch ohne strafrechtliche Konsequenzen vornehmen, solange er in einem festgelegten Zeitraum – bis zur 12. Schwangerschaftswoche – durchgeführt wird. Von einem tatsächlichen Recht auf Abtreibung kann aber nur geträumt werden. Dieser Luxus wird bisher einzig Frauen in Spanien zuteil: Dort hat (noch) jede Frau laut Verfassung das Recht, ihre Schwangerschaft zu beenden. Die österreichische Fristenlösung war zwar ein wichtiger Schritt, aber nicht das Ziel!

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Von einem Zustand realer reproduktiver Selbstbestimmung sind wir global betrachtet auch heute noch weit entfernt. Weltweit wurden in den letzten zwanzig Jahren liberale Abtreibungsgesetze gekippt. Sechzig- bis achtzigtausend Frauen sterben jährlich an den Folgen unsicherer, da illegaler Abtreibungen. Dennoch: Militante Abtreibungsgegner_innen sind auch in Europa in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Neuerdings kooperieren selbst Unternehmen wie die Deutsche Bahn, die Raiffeisenbank oder die deutsche Krankenversicherung BKK mit ProLife-Aktivist_innen. Damit sie in der deutschen Hauptstadt gegen das Selbstbestimmungsrecht demonstrieren können, bot z.B. die Deutsche Bahn im Juni dieses Jahres allen Teilnehmer_innen des „1.000 Kreuze Marsches“ vergünstigte Fahrkarten nach Berlin an. Auch die BKK IHK fiel diesen Februar durch eine Kooperation mit ProLife Deutschland auf. Die Krankenkasse bot nach Absprache mit ProLife jeder Versicherten, die ein Kind zur Welt bringt und zuvor zusicherte, nie einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen, dreihundert Euro an. Auch in Österreich liebäugelt die Raiffeisenbank mit den Abtreibungsgegner_innen. Mit der Einführung des „Raiffeisen-Ethik-Aktien-Fonds“ sollen Anleger_innen die Möglichkeit bekommen, ihr Kapital nur in solche Unternehmen zu investieren, die sozial-, natur- und kulturverträglich sind. Firmen, die im Bereich Schwangerschaftsabbruch oder Embryonenforschung arbeiten, erfüllen diese Kriterien laut Raiffeisenbank nicht und werden folglich vom Kapitalfluss ausgeschlossen.

Klingt beängstigend? Ist es auch. Hoffentlich beängstigend genug, um die Stimme umso lauter für reproduktive Selbstbestimmung zu erheben.

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