Aber bitte mit alles!

Zwischen Arbeitsutopien und politischen Kämpfen sucht eine junge Dichterin nach dem Eigenen. MICHÈLE THOMA erinnert sich an die Siebziger- und Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts.

 

Hörsäle, in denen es kein richtiges Leben gibt, wo bitte ist das? Und dann kurz Frauenhaus besetzen, und mit dem Speculum ins Innere des Leibes des Weibes schauen, sehr schön. Aber im Frauenhaus sind immer nur Frauen und keine strengen Genossen mit gnadenlosen, randlosen Brillen. Die halten Kapital-Schulungen ab. Dann stehen wir in grünen Parkas, auf die es schneit, vor Fabriktoren, um das Proletariat zu erlösen, und das Proletariat geht an den verschneiten Weihnachtsmän- nern und Weihnachtsfrauen vorbei und sagt nicht mal hallo. Mir reicht es, ich werde mich selber erlösen, bin ich nicht Dichterin? Was brauch ich eine Germanistik, Vollversammlungen und diese Arbeiterklasse, die mir beim Schreiben über die Schulter schaut und die es nicht einmal gibt? Der Ausdruck meiner spätbürgerlich dekadenten Befindlichkeiten bringt den Klassenkampf sowieso um keinen Millimeter weiter. Ich soll eine Fließbanddichterin werden, eine echte Werktätige, oder dem Volk wenigstens realistische Werke schenken, da gibt es genaue Rezepte, lies mal Lukacs! Ich lese aber Henry Miller, ich lese Ingeborg Bachmann, ich lese Else Lasker-Schüler, ich lese William Burroughs, ich lese Jack Kerouac, ich lese Hermann Hesse, ich muss mal auf die Straße, ich kann mich nicht mehr um die Arbeiterklasse kümmern, die mit umhäkelten Klopapierrollen gen Süden rollt, statt die Diktatur zu übernehmen. Während ich an der Straße stehe und warte und stehe und warte. Ein Schiff wird kommen.

Fahren, fahren, fahren, auf der Autobahn und auch daneben, und plötzlich im Dörflein Rosmarin rupfen, wau, was für ein Weib! Oder durch große, böse Städte stapfen, neben großen, bösen Männern, auch sehr netten, und allerhand erleben. Es ist alles so abwechslungsreich und geht ziemlich schnell von „heaven“ nach „hell“. Leichenwäscher sein, Tankwart, so steht es in den Biografien der Schriftsteller. Landarbeiter. Das ist das richtige Leben, das auch weh tut. Klofrau mindestens. Oder sich auf Sklavenmärkten verdingen, in der schönen Provence z.B., dort, wo allerlei Schönes wächst, was man pflücken oder klauben kann, im Staube kriechend. Was das mit den feministischen Arbeitsutopien zu tun hat? Vielleicht gar nichts, die sind momentan kein Thema, aber vielleicht doch, weil ich genau das tue, was ich will, wenn ich auch nicht weiß, was es ist. Schreiben geht irgendwie nicht, wann denn, jetzt lebe ich mal, und Henry Miller schreibt Anaïs Nin, Tagebuch wäre nicht das Wahre, irgendwann würde das ganze Erlebte Erliebte Erlittene ausbrechen in einen Roman, einen großen.

Schreiben ist auch irgendwie so out, die richtigen Menschen machen Käse oder ritzen indianische Zeichen in Leder. Die Kelten haben auch nicht geschrieben, die wirklichen Weisen können höchstens bis drei zählen, schau dir nur die zahnlosen, tibetischen Omis an mit ihren glücklichen Runzeln. Die erzählen alles. Mehr gibt es nicht. So eine tibetische Poster-Omi will ich auch werden, obschon ich nicht so gut in Käse bin und auch nicht im Weben und im Töpfern. Und die Brotbackerinnen und Spinnerinnen, mit denen ich immer wieder Herd und Hof teile, mir Komplexe machen. Johanniskrautöl! Löwenzahnwurzelsuppe! Aber ich kann ja mal ein paar Schafgarben legen und das I Ging befragen. Ist es förderlich, zum Brunnen zu gehen? Oder nach New York? Ich bin ein bisschen reif, exakt dreißig. Bald wird ein kleiner Mensch da sein, alles ist so schrecklich sinnvoll, plötzlich. Und noch ein kleiner Mensch und noch ein kleiner Mensch und noch ein kleiner Mensch. Die feministische Arbeitsutopie hätte sicher wertvolle Hinweise für mich parat. Es ist leider gerade keine feministische Arbeitsutopistin in meiner Nähe, die Lust auf Windelwechseln hat. Und wo liegen denn ihre Bücher, wo liegen überhaupt Bücher? Ich komme nicht wirklich dazu, sie zu lesen. Jetzt stille ich mal.

Michèle Thoma ist Au!-Torin mit luxemburgischem Migrationshintergrund und lebt seit 25 Jahren in Wien. Letzte Buchveröffentlichung: „Wie ich die georgische Mafia suchte und Charlie Chaplin, Buddha und Bambi fand“, Ultimomondo, Luxemburg 2009

 

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