lebenslauf: Feministische Dirndln

auch feministinnen altern

Als Kind hatte ich eine Lederhose. Für meinen Bruder und mich war sie das Spielgewand. Ich habe die Lederhose geliebt und wie eine zweite Haut ständig, nicht nur zum Spielen, getragen. Diese Vorliebe wurde auch auf Fotos, auf denen wir beide Lederhose und rot-weiß karierte Hemden tragen, festgehalten. Während die Tracht in Kindertagen integraler Bestandteil meiner Garderobe war, habe ich in der Pubertät Lederhose und Dirndl selbstverständlich abgelehnt. Das Distinktionsbedürfnis war zu groß und Tracht absolut uncool und politisch unkorrekt, weil sie immer von den Falschen (den TraditionalistInnen und Burschenschaftern) aus den falschen Gründen (beim Tirolerabend für die TouristInnen) getragen wurde.
Eine Wiederaneignung meinerseits erfolgte erst in der Adoleszenz, und ich ging – Subversion durch Affirmation – ab und zu in Dirndl. Dann kam die Seppi Bar in München, in der die Chicks on Speed die Klubnächte im Dirndl-Outfit bestritten. Und natürlich Vivienne Westwood mit ihrer Interpretation von Tracht. Forthin wurde sie auch in hippen Kreisen getragen. Und dennoch herrscht im gesamten FreundInnenkreis eine einmütige Ablehnunggegenüber der Tracht – das Thema wird nicht einmal kontroversiell diskutiert. Daran ändert selbst der Hinweis auf Anna Freud im Dirndl bzw. Gertrude Stein und Alice Toklas in trachtigen Kleidern nichts.
Auch der Einwand, dass die üppig ausgestellten Reifröcke, Goldhauben sowie die kanarigelben Lederhosen und mit bunten Federn geschmückten Filzhütchen der Appenzeller Sennentracht als Camp gelesen werden könnten, treibt die Debatte nicht voran. Geschweige denn trägt jemand Dirndl oder Lederhose. Deshalb bleibt meine Begeisterung heimlich, und ich teile sie lediglich mit zwei Freundinnen. Eine hat sich in einigen Kollektionen mit Trachten-Elementen dekonstruktivistisch auseinandergesetzt. Die andere besitzt ein eigenes Dirndl. Vielleicht sollten wir uns voll ausstaffiert beim nächsten Dyke March outen.

Kolumne Lebenslauf

Illustration: Nadine Kappacher

Christiane Erharter ist 38 und spielt heimlich noch immer in der Lederhose.

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