an.sage: Dürfen wollen

Ein Kommentar von VINA YUN

 

„Fuck the Diet!“ Klingt nach dem radikalen Claim von DickenAktivist_innen. Ist aber der jüngste Werbeslogan von „Du darfst“, der Light-Produktmarke aus dem Hause Unilever. „Das ist für die, die auf nichts verzichten, die sich satt essen, am prallen Leben, der wahren Liebe und allem, worauf sie gerade Lust haben“, tönt der TV-Werbespot, in dem glückliche Frauen lachend Pasta und Wurstbrote verdrücken. „Du hast keine Lust, Kalorien zu zählen? Dann lass es doch einfach!“ Im Making-of-Trailer zum Werbespot erzählen die Laienmodels, dass sie Diäten „wirklich Scheiße“ finden und Kalorien zählende Mädels einfach nerven. Sie kommen durchwegs glaubwürdig rüber.„Wir wissen, dass die Gedanken bei vielen Frauen häufig um Kalorien und Gewicht kreisen – richtig glücklich macht das nicht! Deshalb möchte ‚Du darfst‘ sich gegen den Diätenwahn stark machen“, heißt es auf der Facebook-Seite zur aktuellen Kampagne. „Dafür haben wir bewusst diese etwas drastischere Wortwahl gewählt, um eine Diskussion rund um das Thema Diäten anzustoßen.“ Dennoch: Nach einer Welle von Spott (falsches Englisch) und Kritik (Proteststurm gegen „überflüssige Anglizismen“) reagierte das Unternehmen prompt und ließ die Verbraucher_innen selbst über einen neuen Slogan abstimmen. Der da nun lautet: „Diät – ohne mich!“ Man könnte lange darüber diskutieren, wie es Unternehmen schaffen, sich emanzipatorisch-kritische Diskurse  einzuverleiben. Schon 1978 beschrieb die feministische Psychotherapeutin Susie Orbach den doppelten Charakter der Disziplinierung, wenn es um Gewicht und Frauenkörper geht: „Uns wird beigebracht, dass wir uns sowohl anpassen als auch auffallen sollen – eine wirklich äußerst widersprüchliche Erwartung an uns.“ Im Vorwort ihres Buchs „Fat Is A Feminist Issue“ (Deutsch: „Anti-Diät-Buch“) erzählt Orbach von einem Treffen von Feministinnen, die sich zum Thema Essgewohnheiten austauschen – allerdings ist es keine politische Diskussion über die weltweite Ernährungssituation oder die Profite der Lebensmittelindustrie, sondern über die Esssüchte der Einzelnen und die Sorge, zu dick zu sein.

In Orbachs Einleitung klingt etwas an, das in innerfeministischen Diskussionen äußerst selten angesprochen wird: Das zwiespältige Verhältnis von persönlicher Erfahrung und politischem Anspruch, sobald es um das Schlank- oder Dicksein geht. Fat Rights? Finden wir klasse. Selbst bei einer Fat-Rights-Gruppe aktiv werden? Da sind sich die meisten von uns nicht mehr so sicher. Dicke Frauen finden wir sexy – solange sie vor Selbstbewusstsein strotzen und nicht mit Selbstzweifeln nerven. „Es fällt auf, dass die Essproblematik viel eher in Unterredungen mit Frauen zur Sprache kommt, die mit Feminismus und Gesellschaftskritik nichts am Hut haben und im Freundinnenkreise gern über ihre Wunschträume vom Abnehmen und von Titten und Oberschenkeln à la Hollywood diskutieren. Mag diese Form der Auseinandersetzung auch wenig kritisch sein, mag sie mit dem Austausch von Rezepten und Diättipps einhergehen: Wenigstens gibt es einen Raum für die Artikulation individueller Gelüste und individuellen Leids“, beschreiben zwei Autorinnen in der feministischen Zeitschrift „Outside the Box“ das irritierende Schweigen unter Feministinnen. Auch wenn wir wissen, dass die Ambivalenz von Repression und Befreiung, wie sie jede von uns subjektiv erlebt, eben keine individuelle Angelegenheit ist, sprechen wir kaum darüber. Ich selbst könnte nicht genau sagen, wie ein „normaler“ Umgang mit Gewicht und Essen aussieht – dafür habe ich selbst zu lange mit meinem Gewicht gekämpft und andere dabei beobachtet, wie sie den massiven Erwartungshaltungen widerstanden. Es bleibt also nur die Offensive.

Ich bin 1,62 Meter groß, mein derzeitiges Kampfgewicht liegt bei siebzig Kilo. Meine „Problemzonen“ sind die drei „B“s (Busen, Bauch, Beine), die ich lieber kaschiere als offenherzig ausstelle, und ich habe das, was ich einen „koreanischen Flascharsch“ nenne. Letztes Jahr habe ich gute zwanzig Kilo abgenommen – zuerst Trennungskummer, dann Liebesstress, dazwischen Sport als Beschäftigungstherapie –, und noch nie habe ich so viele Komplimente erhalten, was mir bis heute etwas unheimlich ist. Trotzdem finde ich in Läden selten Kleidung, die mir wirklich passt. Ich besitze nur an ausgewählten Tagen das Selbstbewusstsein einer Beth Ditto. Und auch wenn ich mich über dicke Role-Models freue, frage ich mich, ob Beth denn auch mal in einem Gespräch unter Schwestern einfach drauflosjammern dürfte? Ich finde ja.

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2 Kommentare

  1. „Es gibt nichts in und an deinem Körper, wofür du dich jemals schämen solltest.“

    Den eigenen Körper lieben zu lernen und „das Selbstbewusstsein einer Beth Ditto“ zu entwickeln, erfordert meineserachtens eine bewusste Entscheidung, mit dem Hass auf den eigenen und auf anderer Frauen Körper aufzuhören. Das bedeutet nicht nur, keine Vergleiche, keine Bewertungen, keine neckischen Kommentare, sondern auch dem eigenen Körper liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken und das auch von anderen zu fordern.

    Ein feministischer Hintergrund bietet dafür sehr gute Voraussetzungen. Denn der Feminismus hat uns gelehrt, dass es nicht unser indivuelles Versagen ist, sondern dass der Frauenkörper an sich eine Problemzone im Patriarchat darstellt.

    Dass wir das alles nicht alleine schaffen müssen, hat uns der Feminismus auch gelehrt.

    Verbündet euch, Schwestern. Tut euch zusammen. Redet miteinander, liebt euch und wehrt euch.

    Danke für diesen Kommentar, Vina!

    dicke feministische Grüße
    Patricia
    http://argedickeweiber.wordpress.com

  2. Über diese unsägliche Du Darfst Kampagne hatte ich im April auch etwas geschrieben:

    http://maedchenmannschaft.net/scheiss-auf-diaeten-und-auf-heuchlerische-firmen/

    Lieben Gruß,

    Magda

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