bonustrack: Rocken am Spielplatz. Notizen zur Festivalsaison.

Ja, es ist Sommer! Ab ins Kongressbad. Schwimmen bringt die Seele in Fluss. Und seit ich neuerdings diese Altdamenrückenprobleme (sog. Gitarrenschulter, von der einseitigen Belastung) habe, gäbe ich mein letztes Hemd für ein schönes Sportbecken. Schade nur, dass es mir nicht möglich ist, unter Wasser zu musizieren. Auch die Musik bringt doch die Seele zum Fließen, und alles auf einmal zu haben, muss göttlich sein! Dabei stehe ich der Verbindung von Sommervergnügen und Konzertwesen seit jeher skeptisch gegenüber. Ich bin retrospektiv gesehen ungemein froh darüber, dass ich z.B. nicht in Woodstock war. Da wird eine Magie beschworen, an die ich nicht glaube. Nennt mich altmodisch. Bei Musik unter freiem Himmel denke ich an Grillenzirpen unterm Sternenzelt, duftenden Orchester-Tanz beim Fliederbusch, knarzende Mariachi-Kapellen auf der Holzveranda, Bluesgesänge im Schaukelstuhl, Surf-Romanzen bei Sonnenuntergang, Secret-Agent-Thrills im silbernen Mondenschein, Big-Band-Glamour und Noise-Explosionen, Betörung, Ballklei-der, bunte Lampions in den Bäumen.
Es muss vor allem immer Nacht werden, in der Dämmerung, im Zwielicht kommt es heran. An einem heißen Tag im Schatten geht gerade mal Bossa Nova. Aber doch nicht Frontalbeschallung! Zwischen weißen Partyzelten im grellen Sonnenschein, vor oder auf wie gewaltige schwarze Burgen ins Gras drapierten Bühnen, deren powervolle Anlagen aus wurstigen, sich über die Wiese schlängelnden Kabeln gespeist werden, bei schalem Bier aus halbherzig gekühlten Dosen oder mit Werbung bedruckten Plastikbechern, auf denen ein Euro Pfand ist, komme ich nicht recht in Stimmung. Mein schönstes Festivalerlebnis? Der Stromausfall beim „Bock Ma’s“ in der alten Burgruine in Timelkam, als Nachts oben auf dem Berg im Wald ein mächtiges Gewitter losbrach: Es wurde dunkel, und siehe da, es kam Stimmung auf, apokalyptisch-romantisch-magisch. Dagegen: Rock’n’Roll und Sonnenschein, das will mir nicht ins Hirn hinein!

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Illustration: Lina Walde

Vera Kropf ist Gitarristin und Sängerin in den Bands Luise Pop (Wien) und Half Girl (Berlin) und würde sich als Nachtmensch bezeichnen.

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