zeitausgleich: Boulevard

arbeitsfragen in allen lebenslagen

Die österreichische Region, für deren Regionalausgabe ich arbeite, ist mehrere hundert Kilometer von meinem Arbeitsort entfernt. Viele Orte, über deren Unfälle, Feuerwehreinsätze, Volksfeste oder Krimi­nalfälle ich schreibe, kenne ich nicht einmal vom Namen her. Die erste Tat in der Früh besteht bei diesem Job daher darin, Polizeimeldungen durchzugehen. Erscheint eine interessant, heißt es möglichst schnell bei der entsprechenden Dienststelle anrufen, um den diensthabenden Beamten noch zu erwischen – das heißt ihn möglichst unvorbereitet zu erwischen, damit er etwas über die Geschehnisse erzählt, das über die offizielle Meldung hinausgeht. Etwas, was die BeamtInnen eigentlich nicht dürfen.
Neben Chronikalem und Menschelndem (Weinköniginnen, hundertjähri­ge Mütterchen, Familien mit zwölf Kindern …) ist das wichtigste The­ma das Wetter. Wird es schneien, und wenn ja, wie viel? Wird die Son­ne scheinen, und wie lang noch? Denn wenn es schneit, gibt es vielleicht Unfälle und Stau, und das gibt wieder Geschichten für die Chronik. Und außerdem hängt einer der wichtigsten heimischen Wirtschaftszweige am Wetter: der Tourismus. Einen Sprecher eines Tourismusverbandes rufe ich wöchentlich an, um mich nach Buchungs- und Nächtigungszah­len zu erkundigen. Bis der entnervt sagt: „Frau Wutscher, wir aktuali­sieren nicht täglich unsere Statistik. Abgerechnet wird zu Saisonende.“ Mir ist das glasklar, nur der rotgesichtige, rundbäuchige Choleriker in der Redaktionsmitte sieht das nicht so. Auskunftspersonen kooperieren nicht? Na dann machen wir uns unsere Zahlen halt selber! Sagen wir, wir wissen, dass in einem Skiort bereits soundso viele Nächtigungen ge­meldet wurden. Na, dann rechnen wir das halt Pi mal Schnauze für alle anderen Orte in dem Bundesland hoch und schon haben wir eine prima Zahl. Und die Überschrift, die ohnehin schon genau wie der Inhalt vor der Recherche feststand (nämlich von oben diktiert), lautet: „Gastwirte jubeln über Nächtigungsplus“.

Illustration: Nadine Kappacher

Irmi Wutscher hat ein paar Monate lang bei einer Boulevardzeitung gearbeitet – und viel dabei gelernt.

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