an.sage: Zwischen Chips und Bier

Ein Kommentar von SILKE PIXNER

 

Es ist drei Uhr nachts. In der Ferne wummert der Bass, und ich bin genervt. Aber nicht vom Kopfweh, das ich langsam zu spüren beginne, sondern von dem Plakat der Beratungsstelle „Es gibt Alternativen”, das gefühlte zwei Zentimeter vor meinem Kopf auf der Klotür des „Shooters” klebt. „Abtreibung muss nicht sein” steht da, und wieder einmal wird Frauen mit dem „Post-Abortion-Syndrom” Angst eingejagt, denn schließlich hätten schon so viele ihre Entscheidung abzutreiben bald zutiefst bereut und ihr gesamtes Leben damit zerstört. Ich muss kotzen. Den gesamten nächsten Tag bleiben sowohl Kopfweh als auch Ärger meine treuen Begleiter. Denn das Plakat geht mir nicht aus dem Kopf, und so klicke ich mich durch die Homepage „www.es-gibt-alternativen.at”. Dort wird so richtig schön Panik gemacht: „Schreckliche Albträume quälen mich seither jede Nacht. Darüber darf ich aber nicht sprechen. Tote Kinder – wohin ich sehe” und „Das Trauma der Abtreibung zerstörte mein Leben” sind nur zwei der Stimmen, die sich dort unter der Rubrik „Ist nach der Abtreibung alles wie vorher?” finden. Die ganze Seite hat nur ein Ziel: Frauen durch das Schüren von Angst davon abzubringen, ihr Recht auf Abtreibung wahrzunehmen.

Auch auf der Straße tobt der Kampf um den Frauenbauch. „Leider ist es immer noch so, dass Abbruchskliniken und Informationen über Abbrüche viel einfacher zu finden sind als Schwangerenberatungsstellen”, behauptet Martina Kronthaler, Generalsekretärin von „aktion leben österreich”, auf deren Homepage. Doch die Realität sieht anders aus: Im Laufe eines Tages begegnen mir unterwegs drei Poster der „aktion leben” und zwei weitere Plakate meiner Klobekanntschaft. Ein einziges Sujet der Einrichtung „gynmed”, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt, weist aktiv auf die Entscheidungsfreiheit der schwangeren Frau hin, das Baby zu bekommen oder eben nicht. Ich wünsche mir mehr solche Plakate. Derzeit läuft in England ein Spot der Organisation „Marie Stopes International”, die in eigenen Kliniken auch Abtreibungen durchführt. Darin sind drei Frauen zu sehen, die sich offensichtlich wegen ihrer überfälligen Periode Sorgen machen, schwanger zu sein. Der Begleittext: „If you’re pregnant and you don’t know what to do – Marie Stopes International can help.” Kein einziges Mal fällt das Wort Abtreibung. Nichtsdestotrotz liefen „LebensschützerInnen” in Großbritannien Sturm.

Auch in Deutschland wird der Spot heftig diskutiert. Der Privatsender RTL bezog Position und zeigte in einem Bericht über den Werbespot, was er davon hält – nämlich nichts. Sichtlich entrüstet leitet die Moderatorin den Beitrag ein: „Stellen Sie sich vor, zwischen Chips- und Bier-Werbung läuft auf einmal ein Werbespot für Abtreibung.” Es folgt eine Reportage, in der bei einer Straßenbefragung nur Frauen zu Wort kommen, die den Spot ablehnen. „Für Abtreibung Werbung zu machen, finde ich schwachsinnig”, oder: „Es wird zu leichtsinnig mit dem Thema umgegangen. Es wirkt so, als würde man wie mit einem Schnupfen zum Arzt gehen und stattdessen einfach so zum Abtreiben zum Arzt gehen.” Die Reportage endet schließlich mit der Geschichte einer Frau, die es schwer bereut, abgetrieben zu haben. Sie kritisiert, dass in dem betreffenden TV-Spot nicht die möglichen psychischen Folgen einer Abtreibung angesprochen werden. Abgesehen davon, dass eine Studie der „American Psychological Association” mittlerweile das „Post-Abortion-Syndrom”, also einen Zusammenhang zwischen schweren Depressionen und einer vorangegangenen Abtreibung, widerlegt – wer klärt über die psychischen Neben- und Nachwirkungen auf, die das Aufziehen eines ungewollten Kindes mit sich bringt? Ein Hauptargument der „LebensschützerInnen” – eine „kaputte” Psyche nach einem freiwillig durchgeführten Schwangerschaftsabbruch – enttarnt sich also als Angstmacherei, mit der Frauen die Entscheidung für eine Abtreibung nicht nur aus moralischen, sondern auch aus gesundheitlichen Überlegungen erheblich erschwert wird. Mehr Werbungen wie jene von Marie Stopes Intl. würden dazu beitragen, dass Frauen eine reflektierte, vernünftige und nicht von Angst geleitete Entscheidung treffen können. Ich würde heute Abend zwischen Chips- und Bier-Werbespots gerne eine Werbung für Abtreibung sehen.

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