zeitausgleich: Scheitern (auf hohem Niveau)

arbeitsfragen in allen lebenslagen

Ich habe in den letzten Nächten interessante Träume. Sie betreffen meine berufliche Zukunft. Ein Thema, das sonst kaum Eingang in mein während des Schlafs zu verarbeitendes Unbewusstes findet. Letztes Wochenende wurde ich im Traum zur Lokführerin umgeschult und habe am vorübergehend stillgelegten Westbahnhof Waggonverschieben geübt. Davor war der Traumberuf Zuckerbäckerin. Ich tänzelte wie in einem Disney-Film zwischen meterhohen weißen Hochzeitstorten umher und formte Marzipanrosen und war überhaupt eine weltweit gefragte Patissière, die von der Oscar-Verleihung bis zum saudiarabischen Königshaus alle belieferte und gleichermaßen entzückte.
Diese kindlichen Berufsfantasien – übrigens gerade schnell nach Jobangeboten für LokführerInnen gegoogelt: so wenig gibt’s da gar nicht und Umschulung scheint in der Branche gang und gäbe zu sein –, also diese innerlichen Ausflüge ins Reich der Kinderfantasie-Berufe scheinen mein Umgang zu sein mit dem Scheitern. Ich hab‘s nämlich gerade wieder mal nicht geschafft.
Ich bin eine, die gerne in der letzten Runde von Jobgesprächen, Auswahlverfahren o.ä. rausfliegt. Ich komme unter die letzten zwei oder drei, das Ziel schon direkt vor der Nase und dann doch nix. Das würde ja per se noch nicht viel heißen, denn grundsätzlich muss frau ja nicht jedes Gespräch oder Verfahren für sich entscheiden, sondern nur eines. Bloß bei mir habe ich ein Muster entdeckt: Ich bekommen oft zu hören, dass inhaltlich, qualifikationsmäßig, ja sogar persönlich eh alles „total gepasst“ hätte. Aber halt: „Wir haben das Gefühl, du machst grad so viel“, „Dieser Job scheint derzeit aber nicht dein Hauptziel zu sein“, und ganz lustig auch: „Ich kann die Leidenschaft für Sportklamotten-Verkaufen leider nicht erkennen.“ Letzteres bei der Bewerbung als Aushilfskraft in einem trendy Sportgeschäft. Aber auch die anderen Vorstellungsgespräche waren meist für Teilzeitjobs, oft nicht einmal angestellt und dementsprechend schlecht bezahlt, und ich frage mich, was sich die anbietenden Menschen eigentlich vorstellen. Wie verlogen ist denn die Annahme, dass ich bei einem mies entlohnten 20-Stunden-Job trotzdem unbegrenzt zur Verfügung stehe und natürlich kein anderes Ziel im Leben verfolge? Also da sag mir doch bitte noch eine, dass Lokführerin oder eine Lehre bei Sacher keine Option ist!

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Illustration: Nadine Kappacher

Irmi Wutscher ist in Konkurrenzsituationen zu sozial und dafür im persönlichen Gespräch zu wenig „nett“. Sonst hat sie aber alles total drauf.

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