an.sprüche: Schokolade und Surplus

Muss politische Arbeit bezahlt werden, damit sie überhaupt leistbar ist? Oder ist politisches Handeln prinzipiell unbezahlbar? DANIELA KOWEINDL und BIRGE KRONDORFER diskutieren.

 

Daniela Koweindl: Soll politische Arbeit bezahlt werden? Soll gemeinnützige Arbeit bezahlt werden? Soll Pflege- und Betreuungsarbeit bezahlt werden? Und Hausarbeit? Auch die eigene? Aber klar doch! Und nicht zu knapp. Und natürlich nicht, weil Arbeit geleistet wird, sondern weil wir alle – gleichgültig ob fleißig oder faul, ob politisch aktiv oder nicht – von etwas leben müssen. Existenzsicherung lautet daher die Devise, bedingungsloses Grundeinkommen ist dabei ein verlockendes Versprechen. Monat für Monat, unabhängig von irgendeiner (Bedarfs-)Prüfung oder Staatsbürger_innenschaft, ohne Arbeitszwang oder anderen zwielichtigen Kompromissen. Das Rundumangebot an Gesundheitsversorgung nach Wahl, kultureller Teilhabe, gratis U-Bahn-Fahren usw. bitte gleich mit dazu. Und ja, es darf ein bisschen mehr sein.

Ist erst einmal geklärt, woher das Geld für die nächste Miete kommt, wer bei Bedarf die Kinder gut betreut oder wie auch morgen wieder Schokolade auf dem Speiseplan stehen kann, lässt es sich gleich viel freier und unbeschwerter nicht nur von neuen Utopien träumen, sondern auch für diese kämpfen. Über Selbstausbeutung bei der politischen Arbeit in Form von Stress, Schlafmangel, fehlenden längeren Erholungsphasen können wir dann immer noch selbst entscheiden. Und wer will über die eigene Zeit nicht am liebsten selbst bestimmen? Deshalb gilt es, nicht länger vereinzelt gegen die Mühlen der Prekarisierung von Arbeit und Leben anzutreten, sondern der Zersplitterung einen Strich durch die Rechnung zu machen: Organisieren wir uns! Zum Beispiel, wenn es dieses Jahr auch in Wien wieder heißt: Mayday! Mayday! Auf zur Parade der Prekären am 1. Mai. Denn: Noch zu warten ist Wahnsinn. Her mit dem schönen Leben!
Treffpunkt für die Mayday!-Parade 2011 in Wien ist um 14.00 am Wallensteinplatz im 20. Bezirk. Infos unter www.mayday-wien.org

Daniela Koweindl macht politische Arbeit – bezahlt und unbezahlt, Ersteres macht Letzteres leichter möglich.

Politische Arbeit
Illustration: Bianca Tschaikner

 

Birge Krondorfer: Staaten schmeißen das Geld der BürgerInnen der Großfinanz hinterher, und das Jahr der Freiwilligenarbeit wird proklamiert. Was für ein Zufall. Schwierig also, für ehrenamtliches politisches Engagement zu optieren. Auch Realpolitik muss bezahlt werden, dies soll vor Käuflichkeit schützen, auch wenn Korruption „grasseriert“.

Mein Plädoyer für unbezahlbares politisches Tun gilt Orten, die in ihrem Selbstverständnis der Kritik und Alterität verpflichtet sind – und hier besonders den feministischen.
Ein heikles Terrain, denn Frauenarbeit ist unterbezahlt und ihre Gratisarbeit wird in häuslichen, kirchlichen etc. Gemeinden nach wie vor still-geschwiegen angenommen. Das traditionell männliche Ehrenamt ist nach wie vor (ausrangierten) Potenzträgern – oft versehen mit Aufwandsentschädigung und/oder öffentlichem Ansehen – vorbehalten. Die Frauenbewegung hat die weibliche Zuarbeit infrage gestellt – wird dafür nun kompensatorisch Bürgerengagement großgeschrieben? Der Frauenprojekte-Szene gilt es als Errungenschaft – und das ist es ja auch –, dass Frauen(sozial)arbeit bezahlt wird. Doch sobald Subventionen entzogen werden, verschwindet das betroffene Projekt. Auch zählt dort heute wie überall Professionalisierung (Totalisierung des Geld- und Zertifizierungsmaßstabs) als Standard; dessen Effekte sind unreflektiert. Die neoliberalistische Durchdringung der Welt- und Selbstwahrnehmungen wird nicht mehr kritisiert, jegliche Sinnproduktion ist dem monetären Tauschwert gewichen. Doch darf das Surplus des Politischen nicht zu einem Job wie jeder andere verkommen. Handeln ist nach Hannah Arendt mit wirtschaftlichen Abhängigkeiten unverträglich, will sich die Freiheit zu Neuem bewahren. Auch das Argument der Selbstausbeutung kann in eine Ego-überschreitende Verausgabung (nach Georges Bataille ein Mehrwert, der nicht ökonomistisch ins homogenisierende System zurückgespeist wird) umgeschrieben werden. Darin stecken der Wunsch nach Heterogenität und das Motiv der Gabe: Unabhängiges politisches Handeln ist möglich durch eine Haltung der Großzügigkeit.

Birge Krondorfer ist Philosophin, Lehrende, feministische Aktivistin.

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