„Die Frauen kommen! Die Frauen!“

Der Internationale Frauentag wird hundert. Und blickt auf eine aufregende Geschichte zurück. Von GABI HORAK und LEA SUSEMICHEL

„Eine neue, ungewohnte Erscheinung. Frauen ziehen hinter roten Fahnen her! Ernst und schweigsam. Der ganze Zug atmet die Würde des Augenblicks. Dieser große, gewaltige Zug und doch erst im Anfang – ein Anfang freilich von eindrucksvoller Größe. Tausende, viele Tausende sind es, die im Sonnenglanz des warmen Vorfrühlingstages dahinschreiten (…). ‚Die Frauen kommen!‘ Man sagte nicht: ‚Die Demonstration kommt!‘, nicht: ‚Der Zug ist da!‘ Nein, man raunte sich nur zu: ‚Die Frauen kommen! Die Frauen!‘“

So steht es am 20. März 1911 in der österreichischen „Arbeiter-Zeitung“. Am Tag zuvor, dem 19. März 1911, wurde in einigen europäischen Ländern und den USA erstmals der Internationale Frauentag begangen. Auch in Wien zogen 20.000 Menschen den Ring entlang bis zum Rathausplatz. Es waren großteils Arbeiterinnen, die sich zu diesem Aufsehen erregenden Aufmarsch zusammengeschlossen hatten, um für die politische Gleichberechtigung von Frauen und Männern auf die Straße zu gehen.

Das Datum jährt sich heuer zum hundertsten Mal. Anlässlich dieses Jubiläums wieder die Massen zu mobilisieren, das hat sich die „Plattform 20.000 Frauen“ zum Ziel gesetzt. Sie ruft Frauen* und feministische Initiativen zu einer breiten Allianz und gemeinsamen Demonstration auf, „ohne Differenzen und Vielfalt zu leugnen“. „AUS. Aktion.Umsetzung.Sofort“ nennt sich die Aktion, die auf ihrer Homepage außerdem aktuelle Forderungen von Feminist_innen und Frauenorganisationen sammelt und veröffentlicht.(1) Denn auch wenn das zentrale Anliegen von 1911 – „Heraus mit dem Frauenwahlrecht!“ – inzwischen erfüllt ist, andere Forderungen sind es bis heute nicht: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ etwa war schon vor 100 Jahren auf den Plakaten zu lesen.

Politik der Geschichtsschreibung. Manche Slogans hätten sich überhaupt nicht geändert, bestätigt auch die Historikerin Johanna Zechner, die gemeinsam mit Heidi Niederkofler und Maria Mesner ein Forschungsprojekt des Wiener Kreisky-Archivs zum Frauentag in Österreich durchgeführt hat. Eine wichtige Motivation für den Start des Projekts vor drei Jahren war, dass „es bisher ganz wenig Wissenschaftliches zum Frauentag gibt, sowohl in Österreich als auch international. Es gibt sehr wenige Publikationen“, so Heidi Niederkofler. Das Forschungsinteresse: „Den Frauentag als Institution zu erforschen, seine Veränderungen und seine Akteurinnen. Was waren die wichtigen Themen, wie wurde er gefeiert und warum?“
Eine erste wesentliche Frage dabei ist wohl: Feiern wir 2011 wirklich 100 Jahre Frauentag? Und wieso wurde der feministische Feiertag schlussendlich auf den 8. März gelegt? „Wir stützen uns auf die Jahreszahl 1911, sagen aber gleichzeitig, dass sie umstritten ist“, erklärt Niederkofler. Weshalb sie strittig ist, ist auch Thema der Publikation zum Forschungsprojekt, die pünktlich zum diesjährigen Frauentag erscheinen wird und einen Betrag leisten soll, die Forschungslücke zu schließen. In der Einleitung heißt es: „Es gibt kaum einen Zeitungsartikel zum Frauentag oder eine Fernsehsendung, die nicht seine Gründung im Jahr 1911 erwähnen. Wie darauf Bezug genommen wird, sagt wiederum viel über die politische Position derer aus, die da sprechen: Berufen sie sich auf die Sozialdemokratin, die Kommunistin oder die Feministin Clara Zetkin als Initiatorin des Frauentags? Wird sie als alt-ehrwürdige oder als junge Frau dargestellt? Soll der Textilarbeiterinnenstreik, an den mit dem Frauentag angeknüpft wurde, in St. Petersburg oder in New York stattgefunden haben? Wird das Datum des 8. März mit den kommunistischen Frauen verknüpft oder mit der UNO? (…) Anlässlich des Frauentags wird also oft die Geschichte angerufen. Wie das geschieht, sagt viel über die jeweilige Gegenwart.“(2)

Ursprungsmythen. Der 19. März 1911 war zweifellos ein wichtiges Datum: An diesem Tag wurde erstmals gemeinsam in vielen europäischen Ländern der Frauentag als politische Veranstaltung begangen, und nicht nur in Wien gingen tausende Frauen und Männer auf die Straße. Allerdings wurde in Österreich schon 1893 der erste „Frauentag“ gefeiert, getragen von bürgerlich-liberalen Frauen. Um 1900 wurden oft „Frauentage“ veranstaltet, wenn auch nicht mit der politischen Bedeutung, die diese heute haben – die Bezeichnung umfasste alles vom „Hausfrauen-Frauentag“ bis zum „katholischen Frauentag“. „Es war einfach eine gängige Bezeichnung für Veranstaltungen für Frauen“, erläutert Heidi Niederkofler.

International gibt es noch weitere Ursprungsmythen wie etwa den 8. März 1857, als in New York eine spontane Demo von Textilarbeiterinnen gegen niedrige Löhne und Ausbeutung von der Polizei blutig niedergeschlagen worden sein soll. Gesichert ist, dass der 19. März 1911 auf Initiative von Clara Zetkin entstand, die auf der 2. Sozialistischen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen die Einführung eines internationalen Frauentages vorschlug. Doch in der Zeit des starken Antikommunismus in den 1950er Jahren berief man sich beispielsweise weit lieber auf den erwähnten Textilarbeiterinnenstreik in den USA. 1921 legten die Kommunistinnen bei ihrer internationalen Frauenkonferenz den 8. März als ihren Frauentag fest. Schließlich erklärten die Vereinten Nationen 1977 den 8. März zum Internationalen Frauentag. So war es nun auch den bürgerlichen Frauen in Österreich möglich, den Frauentag zu begehen, „weil er nicht mehr im kommunistischen, sozialistischen Eck war, sondern von der UNO abgesegnet“, berichtet Heidi Niederkofler. Auch für die autonome Frauenbewegung war diese Festlegung von großer Bedeutung, weil der Frauentag damit endgültig von jeglicher parteipolitischen Vereinnahmung befreit war.

FACTBOX: Kunst zum 8.3.

Einen Monat lang wird entlang der Route der ersten Frauentagsdemonstration täglich demonstriert. Auf einer Straßenbahn-Garnitur der Linie 2 werden Fotografien der Künstlerin Lisl Ponger zu sehen sein, die inszenierte Demonstrationsszenen zeigen. In der Arbeit „Repair Democracy. Ein Demonstrationszug zu 100 Jahre Frauentag“ sind es nun aber vor allem Migrant_innen, die noch offene Forderungen haben.

Pongers Beitrag ist einer von insgesamt drei künstlerischen Projekten, die parallel zur Ausstellung im Wiener Volkskundemuseum realisiert werden und auch in den öffentlichen Raum und auf die Straße vordringen sollen. Stefanie Seibold entwirft eine Gratiszeitung, die Bildmaterial der Ausstellung enthält und am 8. März in einer Auflage von 100.000 Stück verteilt wird.

Magda Tóthová hat mit einer Schulklasse ein Jahr lang zu den Themen Feminismus und Frauenbewegung gearbeitet. Ein Film zeigt die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen, zur Ausstellungseröffnung gibt es außerdem eine Performance mit den Schüler_innen. (les)

Ausstellung:
4.3.–30.6., „FESTE. KÄMPFE. 100 Jahre Frauentag“, Eröffnung 3.3., 18.00, Österreichisches Museum für Volkskunde, 1080 Wien, Laudongasse 15–19,
Di-So, 10-17.00, Mo geschlossen außer an Feiertagen, www.volkskundemuseum.at. Führungen mit den Kuratorinnen: 6.3., 15.00; 8.3., 16.00; 20.3., 15.00.

Buchpräsentation:
18.3., 18.00, „Frauentag! Erfindung und Karriere einer Tradition“ von Heidi Niederkofler, Maria Mesner, Johanna Zechner (Hg. innen), Österreichisches Museum für Volkskunde, 1080 Wien, Laudongasse 15–19, www.volkskundemuseum.at

Demos:
8.3., Treffpunkt 14.00 Europaplatz, Innere Mariahilferstraße/Ecke Gürtel
19.3., AUS! Aktion. Umsetzung. Sofort. Demonstration für Frauenrechte am Wiener Ring, Treffpunkt 14.00 Schwarzenbergplatz, Abschlusskundgebung 16.00 Parlament, http://zwanzigtausendfrauen.at

Frauentage in Österreich. Seit der Großdemonstration am 19.3.1911 war es in Österreich Tradition, dass Sozialdemokratinnen und bürgerlich-liberale Frauen (und Männer) gemeinsam den Frauentag begingen. Die zentrale Forderung war das Frauenwahlrecht, seine Einführung im Jahr 1918 führte allerdings auch zur ersten großen Lücke in der Geschichte der Frauentage in Österreich. Erst im Laufe der Zwischenkriegszeit wurde die politische Arbeit auf der Straße wieder aufgenommen – mit neuen Forderungen wie etwa jener nach sozialer Absicherung in allen Lebensbereichen oder der Abwehr faschistischer Tendenzen. Von da an gingen auch die Akteurinnen unterschiedliche Wege: Während die Kommunistinnen den 8. März als „ihren“ Frauentag fixiert hatten, feierten die Sozialdemokratinnen jedes Jahr zu einem anderen Termin, irgendwann im ersten Halbjahr. Bald musste die nächste große Hürde genommen werden: der Austrofaschismus und das nationalsozialistische Regime. Von 1933 bis 1945 waren die sozialistische und die kommunistische Partei verboten.
Höchstwahrscheinlich wurde der Frauentag weiter gefeiert, jedoch im Untergrund und nur vereinzelt, wenn sich die Gelegenheit bot. Es gibt schriftliche Erinnerungen an den Frauentag 1939, als kommunistische Spanien-Kämpferinnen in Frankreich im Lager feierten, ebenso wie an den Frauentag 1941, als sich in London Sozialdemokratinnen aus ganz Europa zu einer Feier versammelten, und an den Frauentag 1945 im KZ Ravensbrück.
Nach 1945 wurden die Frauentage rasch wieder aufgenommen, und zu den bestehenden Forderungen kam eine weitere zentrale dazu: Frieden. Die von der größten und (an Ressourcen) stärksten Trägerorganisation SPÖ veranstalteten Frauendemos waren bis in die 1960er Jahre regelrechte Massenveranstaltungen. Zehntausende Frauen und Männer wurden jährlich mobilisiert und mit Bussen aus den übrigen Bundesländern nach Wien gebracht, wo der Frauentag zunächst noch zentral abgehalten wurde. Ähnlich wie am 1. Mai marschierten die Bezirksorganisationen auf, sämtliche Teilnehmer_innen bekamen Abzeichen. Johanna Zechner wundert sich: „Diese Massenveranstaltungen sind aus dem öffentlichen Gedächtnis erstaunlicherweise fast völlig verschwunden.“

Allianzen und Spaltungen. Ab den 1980ern nahm sich die autonome Frauenbewegung des Frauentags an, teilweise wurde gemeinsam mit den Kommunistinnen gefeiert, die ihrerseits auf Bündnisse angewiesen waren. Die Sozialdemokratinnen bewerben weiterhin und zusätzlich ihre eigenen Veranstaltungen – nicht zuletzt, um Mitglieder und WählerInnen zu mobilisieren. Die längste Zeit waren bei den Frauentags-Demos Männer dabei. Erst seit der jüngsten Vergangenheit gilt bei der autonomen Frauendemo die Regel: women only. Rückblickend waren die frühen 1980er die bislang einzige Phase, in der unterschiedlichste Akteur_innen gemeinsam auf die Strasse gingen. Später kam es wieder zu stärkeren Fragmentierungen. Wiederholt gab es Solidarisierungen auch über Parteigrenzen hinweg, daraufhin folgten unweigerlich neue Spaltungen. Innerhalb der autonomen Frauenbewegung etwa entlang der Frage, ob Transgender-Personen oder gar Männer mitdemonstrieren dürfen, oder ob breite Bündnisse auch mit konservativeren Frauenorganisatorinnen gewünscht sind.. Auch diese Teilungen zeichnen die Geschichte des Frauentages aus.
Die ÖVP-Frauen tauchen übrigens erst in den 1990er Jahren als Akteurinnen bei Frauentagen auf, mit vereinzelten Pressekonferenzen und Veranstaltungen. Auch sie wollen auf den „Markt“ rund um den Frauentag nicht verzichten.

„Viel Flachware“. Die konkrete Arbeit für das Forschungsprojekt des Kreisky-Archivs bestand häufig aus mühevoller Recherche: Zeitungen und andere Medien wurden durchforstet, die unterschiedlichsten Organisationen abgeklappert und deren Archive gesichtet. Eine Auswahl des dabei angehäuften Materials wird nun in der Ausstellung „Feste. Kämpfe. 100 Jahre Frauentag“ zu sehen sein, die im Rahmen des Projekts organisiert wurde. In der Schau im Museum für Volkskunde in Wien werden beispielsweise Frauentagsplakate, die nahezu für den gesamten Zeitraum vorhanden sind, zu einer Timeline arrangiert, die durch das letzte Jahrhundert führt. „Das Material der Parteien besteht hauptsächlich aus Schriftstücken. Es gibt also viel ‚Flachware‘. Die Aussendungen zur Mobilisierung haben aber oft auch grafischen Charakter und sind deshalb gut ausstellbar“, sagt Johanna Zechner.
Prinzipiell war es den Kuratorinnen ein Anliegen, Dokumente der autonomen Frauenbewegung und der Parteien möglichst ausgewogen zu präsentieren, „was aber nicht leicht war, weil die Unterlagen von den Parteien einfach besser – wenn auch ebenfalls nicht lückenlos – archiviert wurden“. Trotzdem kam es immer wieder zu Überraschungen, „wo und wie die Dinge auftauchen. Wir hätten nicht gedacht, dass es oftmals Privatpersonen sind, von denen wir die interessantesten Objekte bekommen“, so Zechner. Neben Flugblättern, Transparenten oder Demoschutzmasken sind das kuriose Artefakte wie etwa „Mehlstäuberinnen“, mit deren Hilfe Männer, die stören wollten, bestäubt und so markiert wurden. Ein T-Shirt, dessen Aufschrift den Ausschluss von Trans-Personen anprangert, findet sich ebenso im Fundus wie eine Frauentags-Petition zur Überwindung der geschlechtlichen Zwangsordnung oder eine lila Strickmütze mit Frauenzeichen, die extra zum feministischen Feiertag angefertigt wurde.

Vor allem von den Sozialdemokrat_innen ist viel Fotomaterial erhalten. So gehören alljährlich angelegte SPÖ-Frauentagsalben mit Bildern, Abzeichen und Eintragungen zu den wenigen „Objekten“, die in der Ausstellung zu sehen sind. Sie vermitteln einen guten Eindruck, welch ungeheuer aufwändige Organisation der Frauentag in seiner Blütezeit erfordert hat. Auch Filme, die zwischen 1947 und 1960 von den Frauentagsaufmärschen gemacht wurden, dokumentieren die Massenveranstaltungen dieser Periode eindrücklich.

Fußnoten:

(1) Siehe auch Kommentarseite „an.sprüche“
(2) Heidi Niederkofler, Maria Mesner, Johanna Zechner (Hg.innen): Frauentag! Erfindung und Karriere einer Tradition, Löcker Verlag 2011 Frauentagsdemonstration am 19. März 1911 in Wien © Kreisky Archiv

Initiationsritus. Heidi Niederkofler hat für die Ausstellung auch einen eigenen Dokumentarfilm produziert, für den sie Zeitzeug_innen und Akteur_innen der österreichischen Frauenbewegung aus unterschiedlichen Kontexten und Generationen interviewt hat. Zwei der darin Porträtierten sind mittlerweile tot: die legendäre österreichische Frauenministerin Johanna Dohnal und die Sozialistin und Antifaschistin Jenny Strasser.

So unterschiedlich der Frauentag im Laufe des letzten Jahrhunderts auch begangen wurde, eines hat sich nicht verändert, er war zu allen Zeiten für viele Feminist_innen ein zentrales Initiationserlebnis, erinnert Niederkofler: „Am Frauentag manifestiert sich ganz konkret Frauenbewegung. Aber der Frauentag war auch immer total aufregend und belebend für ganz viele Frauen – und ist es auch in der Gegenwart.“

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