Frauen als Hilfslehrerinnen

CLAUDIA SCHNEIDER vom Verein EfEU* plädiert für eine radikale Änderung des Bildungssystems. Ein Interview von LEA SUSEMICHEL
 

an.schläge: Wie beurteilst du die aktuellen Bildungsdebatten in Österreich? Setzen sich gewisse Einsichten mittlerweile durch, etwa die, dass Bildungserfolg etwas mit sozialer Herkunft zu tun hat? Oder dominieren weiterhin reaktionäre Bildungskonzepte wie das der ÖVP?

Claudia Schneider: Nicht nur die ÖVP, auch große Teile der LehrerInnengewerkschaft nehme ich in den Debatten als blockierend wahr. Gleichzeitig bin ich aber auch durchaus positiv überrascht von Entwicklungen wie dem Bildungsvolksbegehren, bei dem ja auch führende Funktionäre der Standesvertretungen entschieden für die Ganztagsschule eintreten. Dennoch ist die Ideologie der vermeintlichen Wahlfreiheit aber weiterhin sehr wirkmächtig. Doch was für eine Wahlfreiheit hat eine Familie mit migrantischem Hintergrund, in der der Vater Hilfsarbeiter ist und die Mutter kaum Deutsch spricht? Alle internationalen Studien belegen, dass das österreichische Schulsystem im Vergleich mit anderen europäischen oder internationalen Schulsystemen sozial sehr stark selektiert.

Das Bildungsniveau ist in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen, die Bildungsgerechtigkeit hat insgesamt aber nicht zugenommen: Welche Ausbildung jemand hat, hängt immer noch in erster Linie vom Bildungsstand der Eltern ab.

Ja, es ist für den Sohn eines Universitätsprofessors weiterhin viel wahrscheinlicher, ein Studium zu beginnen, als für die Tochter einer kroatischen Verkäuferin. Aber die Mädchen- und Frauenbildung hat in der Kreisky-Ära durchaus einen ungeheuren Aufschwung erlebt. Das war ja ein wichtiges politisches Postulat, dass das Arbeitermädel oder die Bauerstochter vom Land jetzt auch ins Gymnasium und auf die Uni gehen kann. Doch als etwa die Studiengebühren eingeführt worden sind, ist der Frauenanteil an den Universitäten wieder gesunken. Daran merkt man, wie gefährdet solche Errungenschaften immer noch sind.

Sind denn die Forderungen des Bildungsbegehrens auch feministisch?

Aus feministischer Perspektive ist die Forderung nach Ganztagsschulen wesentlich. Denn das Pflichtschulsystem in Österreich mit der Halbtagsschule baut darauf, dass es am Nachmittag so was wie Hilfslehrerinnen gibt. Und das sind in erster Linien die Mütter. Oder es sind Tagesbetreuungen, die in aller Regel auch von Frauen geleistet werden. In jedem Fall aber wird vonseiten der Schule erwartet, dass die Hausaufgaben in dieser Zeit gemacht und betreut werden. Und alle Kinder, die diese nachmittägliche Betreuung nicht haben, weil die Eltern berufstätig sind oder sich das aus anderen Gründen nicht leisten wollen oder können, haben letztlich weniger Schule. Das ist eine große Ungleichheit und Ungerechtigkeit, nicht nur auf Genderebene, sondern auch im Zusammenhang mit sozialer Schicht, mit Sprachkompetenz, Bildungsaffinität usw. Deswegen muss das Bildungssystem meiner Meinung nach radikal geändert werden, es muss eine Ganztagsschule für alle geben, ohne Selektion bis zum Ende der Pflichtschule. Das sind ganz grundlegende bildungspolitische Forderungen, sie sind aber auch ganz klar feministisch.

Was fehlt in der aktuellen Debatte an feministischen Überlegungen? Was sind Forderungen von EfEU, die nicht auftauchen?

Eine wichtige Forderung von EfEU ist das verpflichtende Verankern von Genderkompetenz als Bestandteil der Curricula in der pädagogischen Ausbildung. Diese Forderung gibt es seit dem Bestehen von EfEU, doch weder in der Grundschulnoch in der Sekundarschulausbildung ist das bislang verankert. Jede pädagogische Hochschule in Österreich kann da tun, wie sie will, bzw. obliegt es der einzelnen Lehrkraft, die die Pflichtschullehrenden ausbildet, ob sie das Thema behandelt. Du kannst also heute Lehramt studieren und dein ganzes Studium nichts von geschlechtssensibler Pädagogik gehört haben. Ich habe am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Wien einen Lehrauftrag zu Gender- und Diversity- Kompetenz, das ist ein Seminar im zweiten Abschnitt, und für viele Studierende ist es eine der letzten Lehrveranstaltungen, die sie machen müssen. Da kommen Lehramtsstudierende der unterschiedlichsten Unterrichtsfächer, und einige haben tatsächlich in ihrem ganzen Studium vorher noch nie was zum Thema Gender gemacht.

EfEU gibt es seit 25 Jahren.Wie hat sich eure Arbeit im Laufe dieser Zeit verändert? Wird eure Expertise inzwischen ernster – und auch häufiger in Anspruch – genommen?

Die Geschichte von EfEU ist durchaus eine Erfolgsgeschichte. Angefangen hat der Verein mit drei oder vier ehrenamtlich in ihren Wohnzimmern arbeitenden Lehrerinnen. Inzwischen bekommen wir einigermaßen verlässlich Subventionen, haben uns entsprechend institutionalisieren und professionalisieren können und sind eine im deutschsprachigen Raum – und wahrscheinlich auch in ganz Europa – einzigartige Organisation. Dennoch sind wir immer noch recht klein, wir teilen uns zu dritt eine nicht mal 40-Stunden- Anstellung. Beauftragt werden wir etwa für Genderexpertisen bei Lehrplannovellierungen, zuletzt für den Lehrplan der Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik, davor aber etwa auch schon anlässlich einer Novellierung für die Sekundarstufe. Außerdem gab es vom Unterrichtsministerium beauftragte Evaluierungen von Wiener Schulprojekten zum Thema Gender. In den letzten Jahren wurden vom Ministerium sogenannte „Gender-Kompetenz-Schulen“ beratend unterstützt, da waren wir dabei.

Es gibt von feministischer Seite ja auch viel Kritik an der Koedukation. Wie ist da die Position von EfEU? Ich bin dafür, die Koedukation immer wieder aufzuheben und in unterschiedlichsten Gruppensettings zu arbeiten, um den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, sich in verschiedenen Konstellationen auszuprobieren. Und es kann eben zum Beispiel eine geschlechtshomogene Gruppe sein, in der dieses Ausprobieren stattfindet. Denn trotz meiner queeren Überzeugung und obwohl ich mich als Dekonstruktivistin verstehe: Es ist Realität, dass wir als Männer oder Frauen wahrgenommen werden und dass sich entsprechend diesen Erwartungen auch Kinder als Mädchen und Buben verhalten. Deshalb kann ein Experimentieren mit unterschiedlichen Gruppensituationen unter der Anleitung von feministisch geschulten Pädagoginnen sehr wichtige Lernprozesse in Gang setzen: Welche Rollen nehme ich in welchem Kontext ein usw.

Sind diese geschlechtshomogenen Settings nicht auch deshalb wichtig für Mädchen, weil sie eine andere Form von Förderung brauchen und Dinge kompensieren müssen? Bekanntlich schneiden Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern durchschnittlich immer noch schlechter ab.

Ich würde nicht die Begriffe „Förderung“ und „Kompensieren“ benutzen, weil das ein Defizit impliziert. Ich denke, dass das für alle spannend und gewinnbringend ist – auch für die Buben! Viele Studien legen den Schluss nahe, dass die Mädchen erst im Laufe ihrer Schulzeit, sprich mit fortschreitendem Alter, das Interesse an naturwissenschaftlichen Fächern verlieren. Untersuchungen bei Volksschulkindern zeigen keine signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern, beispiels weise bei den Mathematikleistungen. Das ist einerseits natürlich ein gesamtgesellschaftliches Problem, das heißt, gesellschaftliche Vorstellungen davon, welche Themen als weiblich und welche als männlich gelten, tragen stark zu dieser Entwicklung bei. Andererseits muss sich aber auch die Schule fragen, was sie dazu beiträgt, durch – oft auch unbewusstes – „Doing Gender“.

Und wenn im Physikunterricht Beispiele aus dem Alltagsleben genommen werden, dann interessiert das nicht nur die Mädchen stärker, sondern alle Kinder. Aber Mädchen profitieren davon eben besonders. Buben, die Dreier oder Vierer in Physik haben, hindert das nicht daran, an die HTL zu gehen, während für Mädchen die Hemmschwelle viel größer ist. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Mädchen schon ins Zweifeln kommen, wenn sie nur einen Zweier haben. Das hat vor allem mit dem Vertrauen in die eigene Leistung zu tun.

Haben alternative Schulmodelle aus feministischer Perspektive anderen Schulen etwas voraus?

Ich erlebe Alternativschulen schon als überdurchschnittlich aufgeschlossen, was Gender-Themen anbelangt. Was vermutlich einfach damit zu tun hat, dass diese Schulen häufig aus Elterninitiativen entstanden sind, die ihre Kinder nicht auf die Regelschule schicken wollten und deren Selbstverständnis eher ein gesellschaftskritisches und emanzipatorisches ist. Natürlich gibt es aber auch da, wie überall, blinde Flecken. Wir bekommen auch von Alternativschulen immer wieder Aufträge für kleinere Projekte. Jetzt starten wir zum Beispiel an der WUK-Schule eine einjährige Schulung für LehrerInnen, BetreuerInnen und interessierte Eltern.

Claudia Schneider hat an der Universität Wien Europäische Ethnologie studiert; ihre Arbeitsschwerpunkte sind Beratung, Training und Forschung zu Gender und Diversity Management mit Schwerpunkt Bildungsorganisationen.

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