an.sage: Doch kein Sommermädchen

Ein Kommentar von FIONA SARA SCHMIDT

 

Die Japanerinnen sind absolut verdient Weltmeisterinnen geworden, Fukushima-Mitleidsbonus hin oder her. Auch wer sonst mit Fußball nicht viel am Hut hat, konnte die Spannung des Endspiels greifen, das japanische Team überzeugte mit starken Nerven beim Elfmeterschießen und spielte auf höchstem Niveau.

Doch wie sieht die Bilanz nach der WM aus? Hat das Turnier dafür gesorgt, Frauenfußball für die breite Masse populär zu machen? Immerhin wird eingestanden, dass er schön aussieht, technisch und taktisch anspruchsvoll und zum Zusehen auch für Frauen und Kinder bestens geeignet, ja sogar ein „Familienfest“ sei. Gleichzeitig haben sich viele Schreiber und „Experten“ gegenseitig darin überboten zu erklären, warum sie Frauenfußball nicht mögen. So etwa der deutsche Formel-1-Darling Nico Rosberg, der die WM mit den Paralympics verglich und nicht verstand, was die Aufregung danach sollte. Nein, meinen andere, es habe nichts damit zu tun, dass Frauen nicht spielen könnten, im Gegenteil sei das Niveau ja stetig gestiegen. Doch SZ- Kolumnist Axel Hacke ist eben „damit aufgewachsen, dass Fußball Männersache ist“, und findet es gut, dass es so geblieben ist, weil er so schöne Erinnerungen an seinen Vater pflegen kann. Es ist also nicht der Umstand, dass Frauen Fußball spielen können, der etwa „Klartext“-Blogger Matthias Heitmann Bauchschmerzen bereitet. Es ist die Tatsache, dass die mit Frauen und dem Frauenfußball verbundenen Werte in die Offensive gehen und „der Fußball“ Gefahr läuft, sowohl als Sport als auch als kulturelles Massenphänomen „entmannt“, ein „emotionsloses Abziehbild“ des kulturellen Phänomens Fußball zu werden, „einem der letzten Refugien von Freiheit und emotionaler Ausgelassenheit in einer ansonsten immer stärker geregelten und kontrollierten Gesellschaft“. Seltsam, eigentlich wird Emotionalität doch Frauen zugeschrieben? Doch plötzlich sind es weibliche Werte, die in der Gesellschaft überhand genommen haben, der Männerfußball die letzte Erholung davon. Wenn selbst ARD-Moderator Michael Antwerpes doch tatsächlich zur Eröffnung in die Kamera sagt, „Fußball-WM der Frauen ist, wenn man trotzdem Spaß hat“, zeigt das, was viele insgeheim gedacht haben: Noch mal Männer-WM wäre viel schöner gewesen. Medial verordnete Ekstase, kollektive Fußballeuphorie als Zwangsmaßnahme gab es trotzdem. In Deutschland war schon Wochen vor dem Termin Frau, Klischee und Fußball allerorten: 16 Kandidatinnen traten bei der Wahl zur Miss WM im Trikot des jeweiligen Nationalteams an. Die ARD zeigte einen unerträglichen „Tatort“ mit kickender Star-Muslima. Im „Playboy“ „zum Sommermärchen 2011“ dann „Weltmeisterlich! So schön sind Deutschlands Fußball-Nationalspielerinnen“. Dass es sich dabei um U20- und U17-Weltmeisterinnen handelte, war eigentlich egal, die Spielerinnen kennt ja eh niemand. Die Playmates wollten „das Klischee von den Mannweibern im Frauenfußball widerlegen“. Und auch von offizieller Seite sollte die Nationalelf als Ansammlung attraktiver, junger, moderner und heterosexueller Frauen präsentiert werden. (Drei französische Nationalspielerinnen antworteten darauf, indem sie sich ebenfalls für ein Magazin auszogen. Allerdings bedeckten sie ihre Brüste mit den Armen und versa-hen das Foto mit der Überschrift: „Is this how we should show up before you come to our games?”)

Für die echten Fans waren ohnehin andere Themen wichtiger als Nacktfotos und Fahnenschwenken: Die nigerianische Trainerin Ngozi Uche hatte im Vorfeld lesbische Spielerinnen aus dem Team geworfen. Im Gegensatz zur FIFA, die das Transparent „Fußball ist alles – auch lesbisch“ einkassieren ließ, hat sich der DFB als einigermaßen engagiert gegen Homophobie erwiesen. Erfreulich auch die Antwort der deutschen Torfrau Nadine Angerer auf die Frage nach Lesben in ihrem Sport: „Ich persönlich bin da offen, weil ich der Meinung bin, dass es nette Männer und nette Frauen gibt, und weil ich eine Festlegung generell total albern finde.“ Außerdem gab es den Abschied von Birgit Prinz, die Taktiken der Teams, theatralische Brasilianerinnen, lustige Wortspiele mit dem Namen der deutschen Trainerin Silvia Neid und die coolen Frisuren der Japanerinnen zu diskutieren. Eigentlich gibt es also nach der WM nur noch einen Grund, die „neue Sportart“ abzulehnen. Irgendwo im Netz ist zu lesen: „Mir persönlich ist Frauenfußball zu schwul.“

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