Siebenmeilen-Sneakers

Von der Dyke-Bar über die Großraumdisco in die retrofuturistische Galaxie: Silke Graf und Vina Yun sind startklar.

Mit roter Naht und einem Klettverschluss versehen trudelte vor kurzem das „handmade” Album Planewreck von elcassette in der an.schläge-Redaktion ein. Sowas mögen wir! Die elf Nummern des Münchner Duos (Maria Cincotta und Elke Brams) lassen Riot-Grrrl-Gefühle und D.I.Y.-Enthusiasmus aufkommen: Mit einfachen Mitteln schaffen es die beiden, kleine Ohrwürmer zwischen Indie-Punk und Old-School HipHop („Dyke Bar”!) mit Folk-Ausflügen zu komponieren. Gesungen wird unter anderem über Sex, die Wichtigkeit, eigene Wege zu gehen, aber auch über häusliche Gewalt. Die CD wird von den beiden Musikerinnen selbst vertrieben und kann über ihre Myspace-Seite bestellt werden.

In der queer-feministischen Szene Wiens und andernorts treiben sich seit fast acht Jahren First Fatal Kiss herum. Nun gibt es endlich auch ein Album: Danke Gut (Zach Records). Illustratorin Dana Krusche verewigte die drei FFKs (Renée Winter, Maria Reisinger, Birgit Michlmayr) liebevoll mit mürrischen Gesichtern im Tierkostüm oder mit Augenbinde auf dem Cover. It’s Queer-Kitsch-Punk – mit viel Augenzwinkern und cleveren Inhalten. Neben eigenem Material finden sich Cover-Versionen von F.S.K., Die Nuts und Snakkerdu Densk. Auch wenn die legendäre Nummer „Mädchen” („Ich glaub, ich bin ein bisschen rosa”) leider auf dem Album fehlt, dieser „Schweinerockjazzpunk” sollte in keiner feministischen Plattensammlung fehlen.

… und der MC ist weiblich: Rapperin Sookee repräsentiert die etwas andere HipHop-Seite Berlins. Quing (Springstoff) ist der Titel ihres zweiten Solo-Albums und zugleich Konzept: „Weder Queen noch King und sowohl Queen als auch King.” Grenzen pushen, Machtverhältnisse skandalisieren, den Dingen einen neuen Namen geben – Sookee zeigt, wie’s geht: „Quing zeigt sich solidarisch mit dem Regenbogen/Pro Homo/Soll doch die ganze Szene toben!” Frei nach dem Motto „Kopf, Herz, Arsch” („mitdenken, mitfühlen, mitmischen”) und mit jeder Menge positiver Energie. Ein linguistischer Triumph!

Auch Kelis „I’m bossy” Rogers wartet mit einer neuen Platte auf und beschreitet mit Flesh Tone (Interscope/Universal) neue Wege: Willkommen in der Großraumdisco! Mit Support von Promi-Producern wie David Guetta, will.i.am, Boyz Noise, Diplo, Switch und anderen lässt die New Yorker Sängerin, die die Scheidung von Ex-Gatte und Rapper Nas sowie die Geburt ihres ersten Kindes hinter sich hat, R&B und „Milkshakes” endgültig hinter sich und regiert knappe vierzig Minuten lang über pumpende Beats, fluffige Melodien und Nebelmaschine – mehr gefällig als raffiniert, aber durchaus effektiv.

Sie wirbelt derzeit die Musikwelt auf: Janelle Monáe. Selbst Missy Elliott ist begeistert: „Janelle ist Feuer!” Ihr Debütalbum The ArchAndroid (Bad Boy/Atlantic/Warner) ist nicht nur ein von Fritz Langs „Metropolis” inspiriertes, mehrteiliges Konzeptwerk (file under: Rebellion der Androiden), sondern auch ein Kaleidoskop an Genres, Stilen und Zitaten epischen Ausmaßes: Streicherorchester, klassische Soul-Anleihen, HipHop-Grooves, Funk-Rock, Folk-Melodien, Punk, 80er New Wave – you name it! Aus der US-Hauptstadt des „neuen Südens”, Atlanta, steuert Monaé in Kollaboration mit Outkasts Big Boi ihre musikalische Karriere. Mit Rock’n’Roll-Afro-Tolle und Männer-Sakko tanzt und singt die 24-jährige Musikerin ihre Vorbilder Prince, James Brown, David Bowie und Lauryn Hill glatt an die Wand – ein Phänomen!

Viel Getöse herrscht aktuell auch um M.I.A. und die Veröffentlichung ihres dritten Albums Maya (XL/Edel). Dank des Hits „Paper Planes” in die Elite der Musikstars befördert, sah sich die britische Sängerin mit srilankischen Wurzeln durch einen Artikel in der „ New York Times” mit dem Vorwurf konfrontiert, eine prätentiöse Polit-Provokateurin mit reichem Ehemann zu sein. Wäre aber auch seltsam gewesen, hätte sich M.I.A. ohne Wellen in den Pop-Mainstream eingliedern lassen. Die Turbulenzen klingen auch in „Maya” an (abermals mit prominentem Support von Switch, Diplo und Rusko): Das Album ist sperriger als sein Vorgänger „Kala”, lässt stilistisch nichts aus (nicht mal Auto-Tune), ist aber auf jeden Fall eine (Abenteuer-)Reise wert.

Links:
www.myspace.com/elcassettemusic
www.firstfatalkiss.net
www.sookee.de
www.iamkelis.com
www.jmonae.com
www.miauk.com