Mal in Scheiben, mal am Stück

Dieser Herbst kann alles – von großartigem Songwriting über moderne Klassik und spätsommerlichen Club-Pop bis zu introspektiver Klavierträumerei. Von Sonja Eismann

„Ich muss immer an dich denken, mal in Scheiben, mal am Stück”, singt die größte lebende deutschsprachige Songwriterin, und diese unbeschreibliche Mischung aus schnoddriger Nonchalance und tiefster Depression am Anfang einer Platte, vorgetragen mit diesem schönen süddeutschen Akzent, lässt keinen Zweifel: Hier singt Christiane Rösinger herself, früher bei den unsterblichen Lassie Singers, dann bei den melancholischen Britta, jetzt endlich mit einer Soloplatte am Start. Die heißt, in Anlehnung an Leonard Cohen, Songs of L. and Hate (Staatsakt/Rough Trade), und auch das Titelbild macht klar, dass der männliche Musik-Kanon ordentlich aufgemischt wird: Gemeinsam mit Ja, Paniks Andreas Spechtl, der die Platte mit der in Berlin lebenden Musikerin in schönster Songwriting-Tradition eingespielt hat, wird hier Bob Dylans Cover von „Bringing It All Back Home” nachgestellt. Nur ist Rösinger der Songwriter-Checker im Vordergrund, während Spechtl die laszive Lady in Red im Hintergrund gibt. Das Album ist eine Wundertüte aus beißend ironischen Songs wie „Berlin”, in dem die Berliner Boheme ordentlich durch den Kakao gezogen wird, empathischen Mitschrei-Hymnen wie „Desillusion” und zutiefst verzweifelten (Anti-)Liebessongs wie „Verloren”, in dem mit einem „verbitterten, verknitterten, verzitterten” Gegenüber ausschließlich mit „ver”-Attributen abgerechnet wird. Wer sich dieses Jahr nur eine Platte zulegt: Diese muss es sein.

Eine weitere interessante deutsche Songwriterin, die sich nach sechsjähriger Auszeit mit einer neuen Platte zurückmeldet, ist Elena Lange von Stella. Die Überraschung auf Fukui (Snowhite/Universal) ist jedoch groß. Dass die Hamburger Gruppe mit jedem Album frappierende Stilhaken schlägt, mit denen sie den KollegInnen meistens weit voraus ist, ist programmatisch. Dass aber die Japanologin Lange jetzt auf fast allen Stücken Japanisch singt und damit, zumindest für ihre deutschsprachigen HörerInnen, keine nachvollziehbaren politischen Aussagen mehr trifft, verwundert zunächst. Dem ästhetischen Genuss tut dies aber keinen Abbruch: Die eleganten, wie moderne Klassik oder zeitgenössische elektroakustische Komposition klingenden Tracks mit viel Klavier und reduzierten Beats sind anders als alles, was derzeit produziert wird – und dabei doch seltsam eingängig.

Mit seinem schwelgerischem Clubpop will das Florenzer Duo We Love, das gerade sein erstes, selbstbetiteltes Album (bei Bpitch/Trost) veröffentlicht hat, die Tanzflächen erobern. Giorgia Angiuli und Piero Fragola taten sich erst vor gut einem Jahr als Produktionsteam zusammen, nachdem Giorgia Ellen Alliens Album „Berlinette” geschenkt bekommen hatte. Für die klassische Akustikgitarristin eine Revolution – danach habe sie einen neuen Laptop und eine Soundkarte gekauft und sei bis heute nicht von der Aura elektronischer Musik losgekommen. Wenn man die zehn Stücke auf „We Love” hört, kann man sich kaum vorstellen, dass Giorgia und Piero angeblich stets in romantischen Roboterkostümen auftreten, so wenig überkandidelt wirkt ihre von breiten Synthieflächen und den wimpy Girl-Boy-Vocals umflutete Musik. Zweifelsohne ein spannender Kontrast zum unterkühlten und doch emotionalen Elektropop, der in der Tat an den Sound von Bpitch-Labelchefin Ellen Allien erinnert.

Ein neues Musikprojekt namens Zazie von einem anderen Stern, mit einem Debütalbum, das den Titel Regen:Tropfen (Drifting Falling) trägt – das klingt fast zu cute, um es zu ertragen. Die erste Platte von Neo-Berlinerin Maike Zazie Matern ist vielleicht soft und verträumt, aber nicht naiv. Das hat sicherlich damit zu tun, dass Matern eine klassische Klavierausbildung absolviert hat, dabei vor allem von Chopin und der französischen Popsängerin Zazie geprägt wurde und so einen experimentell-kompositorischen Ansatz verfolgt, der sie davor bewahrt, langweiliges Popsongwriting zu betreiben. Auf „Regen:Tropfen” finden sich neben unglaublich melancholischem Klavierspiel atmosphärische Soundschnipsel aus Vögelgezwitscher, knarzenden Türen, plätscherndem Wasser und menschlichen Stimmen. Maike Zazie Materns Album, auf dem sie auch selbst singt und sich mit Glockenspiel und synthetischen Sounds begleitet, ist extrem introspektiv – und damit genau das Richtige für verregnete Herbsttage, an denen man sich nur noch unter der Decke verkriechen möchte.

Links:
www.single-generation.de/pop/christiane_roesinger.htm
www.myspace.com/stellaband09
www.myspace.com/welove-welove
http://maikezazie.de/bio.html