No Oscar for Old Men

Das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund | Köln (IFFF)präsentiert nicht nur aktuelle Arbeiten von weiblichen Filmschaffenden, sondern versteht sich auch als Forum für den Austausch und die Weiterbildung für Frauen aus allen Bereichen der Filmproduktion. Gertraud Eiter sprach mit Festivalleiterin Silke J. Räbiger über die Arbeitsbedingungen für Frauen in der europäischen Filmbranche.

an.schläge: Gibt es Zahlen, wie viele Frauen in Deutschland eine Filmhochschule absolvieren und wie viele Filme hier jährlich von Frauen realisiert werden?

Silke J. Räbiger: Grundsätzlich haben Frauen in der Bundesrepublik gute Ausbildungsbedingungen, vor allem wenn dabei an die Bereiche Regie, Drehbuch, Ausstattung, Kostüm oder Produktion gedacht wird. Leichte Zuwächse gibt es in der Ausbildung von Bildgestalterinnen, wenig Erfreuliches gibt es hingegen von den Filmkomponistinnen zu berichten. Traditionell geringer ist die Ausbildungsrate bei technischen Berufen wie etwa Ton, Schnitt oder in der gesamten Postproduktion. Allerdings liegen hier keine konkreten Zahlen vor, ebenso wie zu den von Frauen realisierten Filmen. Alle mir bekannten Zahlen sind ca. zehn Jahre alt.

Wie schätzen Sie die Förderbedingungen von Frauen in der Filmbranche in Deutschland ein? In Frankreich beispielsweise stehen mehr öffentliche Gelder für Filmförderung zur Verfügung als in Deutschland oder Österreich. Inwieweit profitieren davon auch weibliche Filmschaffende?

Überall da, wo mehr Geld zu verteilen ist, profitieren auch Frauen davon. Ob sich das auch positiv auf die Vergabe der „großen” Budgets bei Spiel- oder Fernsehfilmprojekten für die Frauen niederschlägt, wage ich aber zu bezweifeln.

Welche Gegebenheiten sind für eine Karriere als Filmemacherin besonders hinderlich bzw. förderlich?

Hinderlich ist mit Sicherheit die scheinbare Unvereinbarkeit von Kindererziehung und Berufsausübung, was ja nicht nur das Filmemachen betrifft. Hier schlägt aber die besondere zeitliche Belastung der Frauen während eines Drehs zu Buche – daher auch unsere Podiumsdiskussion „Der Dreh mit dem Kind” beim diesjährigen Festival. In Deutschland sind vor allem individuelle Lösungen gefragt, Frankreich scheint da einen anderen Umgang mit berufstätigen Müttern zu pflegen.
Förderlich für Frauen sind offenbar ihre Fähigkeit zum „Multitasking” und ihre Teamfähigkeit, was auch die große Zahl an Produzentinnen, Agentinnen oder Redakteurinnen nahelegt.

In welchen Berufsgruppen innerhalb der Filmbranche orten Sie die größten Unterschiede, was die Arbeitsbedingungen angeht?

Die gravierendsten Unterschiede gibt es meines Wissens bei der Bildgestaltung und der Filmkomposition, ich überblicke aber nicht alle Professionen. Nach wie vor gilt auch in diesen Berufen, dass Frauen schlechter bezahlt werden.
Wir vom IFFF fragen nach, was für die Frauen in den unterschiedlichsten Filmprofessionen wichtig ist, und versuchen dementsprechend, Diskussionen auf dem Festival zu führen oder Weiterbildung anzubieten. 2005 haben wir begonnen, zu speziellen Fragen in den Bereichen Produktion, Recht, Filmmusik etc. Informationsveranstaltungen, Workshops und Werkstattgespräche anzubieten. Wir haben auch versucht, parallel zu den Schwerpunktthemen des Festivals zu arbeiten, zum Beispiel 2007 zum Thema Filmmusikkomposition oder 2008 zum Vergleich der Produktionsbedingungen in China und Deutschland. Erst seit dem letzten Jahr sind diese Angebote unabhängig von der thematischen Ausrichtung des Festivals gestaltet, so dass wir noch keine belastbaren Erkenntnisse haben, ob wir damit wirklich die Bedürfnisse der filmschaffenden Frauen bedienen. Daneben sind wir auch in der Filmbildung aktiv: Schulfilmprogramme, Film-Workshops für junge Frauen, eine internationale Ringvorlesung und Ähnliches.
Eine systematische Analyse kann das Festival aber nicht leisten, das ist eher eine wissenschaftliche Aufgabe.

Wie werden diese Angebote angenommen? Sind die Teilnehmerinnen eher professionelle Frauen in Filmberufen oder Studentinnen?

Diejenigen, die teilgenommen haben, waren durchaus begeistert. Das Verhältnis von berufstätigen Frauen und Studentinnen war etwa zwei Drittel zu einem Drittel.

Warum braucht es denn heute überhaupt noch ein Frauenfilmfestival?

Wir haben immer noch eine stark ausgeprägte Dominanz männlicher Protagonisten im Filmgeschäft und damit auch eine seit Beginn der Filmkultur bestehende männliche Sicht- und Rezeptionsweise. Es geht hier weniger um Handwerk – das haben viele Frauen genauso gut drauf wie Männer. Aber, um das bekannte Beispiel mal wieder zu bemühen: Nach 81 Jahren ging der erste Regie-Oscar an eine Frau – und zwar für einen gut gemachten, spannenden Kriegsfilm. (1) Das ist doch ein ziemlich männerdominiertes Genre, und selbst diese Regisseurin ist den Menschen kaum bekannt. Auch andere Oscar-Preisträgerinnen wie Caroline Link (2), Marleen Gorris (3) oder Andrea Arnold (4) kennen nur wenige. Diese Unsichtbarkeit auf Dauer zu durchbrechen, die breite Palette des weiblichen Filmschaffens präsent zu halten, ihre Themen, ihre Leistungen, und der große Spaß, den es macht, diese Filme anzuschauen – darum geht es nicht zuletzt bei einem Frauenfilmfestival. Noch zwei aktuelle herausragende Filmbeispiele möchte ich nennen: „Na Putu” von Jasmila Žbanic und „Nothing Personal” von Urzula Antoniak.

Sieht bzw. definiert sich das IFFF als feministisch?

Dazu fällt mir eine Gegenfrage ein: Wie wird Feminismus heute definiert? Eine grundsätzliche feministische Ausrichtung ergibt sich bei einem Frauenfilmfestival ja fast von selbst, zum Beispiel durch eingeladene feministische Filmwissenschaftlerinnen oder die Themen, die in den Filmen behandelt werden, vor allem wenn sie nicht aus den reichen Industrienationen kommen.
Unsere diesjährige Debatte „Der Dreh mit dem Kind” ist auch so eine klassische feministische Diskussion. Feministische Positionen zu vertreten ist nicht das Hauptanliegen des Festivals, aber sie werden selbstverständlich formuliert.
Es ist nach wie vor mühsam, ein Frauenfilmfestival zu organisieren, denn man bekommt schnell das Gefühl vermittelt, nur ein Frauenfilmfestival zu sein. Das manifestiert sich manchmal in weniger Geld, als es vergleichbare Festivals akquirieren können, und hat beispielsweise auch immer mit der geringen Bekanntheit der Filmemacher_innen zu tun. Frei nach dem Motto: Kennt ja eh keiner. Auf jeden Fall ist man immer im Rechfertigungsdruck.

1973 fand in Deutschland das „1. Internationale Frauenseminar” statt – eine Plattform für Austausch und Vernetzung von weiblichen Filmschaffenden, initiiert und organisiert von Filmemacherinnen. Welche Netzwerke von und für im Filmbereich tätige Frauen existieren heute in Deutschland?

In den 1990er Jahren gab es noch die European Coordination of Film Festivals, dort hatten die Frauenfilmfestivals Europas eine Untergruppe. Ende der 90er fand das erste Treffen der Frauenfilmfestivals in Europa in Dortmund statt und danach kleinere Treffen in lockerer Reihenfolge in Köln oder Créteil. Heute lädt das Frauenfilmfestival in Créteil regelmäßig zu internationalen Festivaltreffen ein. Die Filmschaffenden selbst haben neben den „klassischen” Berufsverbänden eher lokale Netzwerke wie beispielsweise die Golden Feminists in Berlin oder LaDoc, das Dokumentarfilmnetzwerk für Frauen in Köln.

Sind Veränderungen in der Partizipation weiblicher Filmschaffender in den letzten Jahrzehnten erkennbar? Wo liegt nach wie vor dringender Handlungsbedarf?

Insgesamt hat sich die Zahl der Studierenden und auch die Zahl der filmschaffenden Frauen in allen Bereichen etwas erhöht. Eine wichtige Aufgabe besteht für mich allerdings noch immer in der Erhöhung der Anzahl der weiblichen Lehrenden und jener Frauen, die in den Hochschulen verantwortliche Positionen einnehmen. Sie haben nach wie vor eine wichtige Vorbildfunktion.

Anmerkungen:
(1) Für „The Hurt Locker” erhielt Kathryn Bigelow den diesjährigen Oscar für „Beste Regie” und „Bester Film”.
(2) Die deutsche Regisseurin Caroline Link erhielt 2003 für ihren Film „Nirgendwo in Afrika” den Oscar für den „Besten fremdsprachigen Film”.
(3) Marleen Gorris wurde 1996 für „Antonias Welt” mit dem Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film” ausgezeichnet.
(4) Andrea Arnold, britische Regisseurin und Schauspielerin, erhielt für ihren Kurzfilm „WASP” 2005 den Oscar.

 

Silke J. Räbiger war von 1992-2006 Leiterin des Frauenfilmfestivals „femme totale“, seit 2007 leitet sie das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund | Köln.

Gertraud Eiter arbeitete mehrere Jahre beim Internationalen Film Festival Innsbruck mit. Sie ist Mitinitiatorin, Kuratorin und Organisatorin des feministischen Kinoprojekts „kinovi[sie]on“.

Das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund | Köln findet in jährlich wechselndem Rhythmus in den Städten Köln und Dortmund statt, heuer vom 14.-18. April 2010 in Köln.
www.frauenfilmfestival.eu