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„Ein sehr, sehr seltsames Terrain“ |
Der junge Billardspieler aus Murcia in Spanien hatte nicht mit Kameras gerechnet und auch nicht damit, dass auf ein YouTube-Video hin bald eine Gruppe Interessierter in seinem Schlafzimmer sitzen würde. Verantwortlich für diese Verwirrung ist Michelle Teran, diesjährige Preisträgerin des transmediale-Festivals für digitale Kunst. Mit ihrem Stadtprojekt „Buscando al Sr. Goodbar“ hat die von Berlin aus tätige Kanadierin ein Interface für hybrid menschlich-mediale Räume geschaffen: Dazu nutzte sie die Funktion „Geotagging“, mit der YouTube-Broadcaster seit 2007 ihre Videos geografisch lokalisieren und auf GoogleEarth verzeichnen lassen können. Sie kreierte damit eine Stadtwahrnehmungstour entlang heimproduzierter Bilder: Während sich ein Bus durch die Straßen bewegt, sind auf Bildschirmen lokale YouTube-Clips von Klavierspielern, Betrunkenen, jungen Akrobaten im Park und der jeweils aktuelle Standort auf Google Earth zu sehen. an.schläge: Hatten die Leute aus den YouTube-Videos, die ihr mit der Bustour in Murcia besucht habt, eigentlich Angst, ihre Anonymität zu verlieren? Michelle Teran: Nein, überhaupt nicht. Der Filter hat ja schon vorher angesetzt: Die, die Angst hatten, haben wahrscheinlich erst gar nicht auf meine YouTube-Nachricht reagiert. Das waren fünf von zehn. Die andere Hälfte, die mir geantwortet hat, hatte sich bereits auf das Abenteuer eingelassen. Ich habe die Leute bei diesem Projekt ja dezidiert um Erlaubnis gefragt und sie eingeladen, sich aktiv bei der Produktion eines Kunstwerkes zu beteiligen. Sie sind also Mitwirkende, die wissen, was sie tun. Du hast dich in den letzten Jahren viel mit Bildern von privaten Überwachungskameras beschäftigt und sie etwa in Oslo als interventionistisches Freiluftkino übertragen. Dabei ging es stark um Verfremdung. Zielst du jetzt mit „Buscando al Sr. Goodbar“ eher darauf ab, die mediatisierte Umgebung wieder vertraut zu machen? Mir geht es um Dekontextualisierung und Entwöhnungsprozesse. Menschen entwickeln bestimmte Einstellungen und Beziehungen zu dem, was sie tun. Man kann diese aber ein wenig untergraben – gar nicht im Sinne von Attacke, sondern mehr als kleine Verschiebungen. Diese Destabilisierung erlaubt andere Interpretationen und Gefühle in der Beziehung zwischen Medien und physischem Raum. Das ist ja ein sehr, sehr seltsames Terrain, so hybrid, fragmentiert und verflochten. Diese Erfahrung, simultan zwischen physischen und mediatisierten Situationen zu operieren, dieses Schwanken möchte ich beleuchten. Wie gehst du dabei vor, etwa beim Projekt „Buscando al Sr. Goodbar“? Zuerst habe ich zwei, drei Monate für mich alleine recherchiert. Habe auf Google Maps herumgesucht, YouTube-Kanäle gesichtet und begonnen Playlisten zu erstellen. In Murcia habe ich dann mit Irene Verdú, einer Schauspielerin aus der Stadt, zusammengearbeitet und mich mit ihr über die Videos und die Menschen darin ausgetauscht. Erst dann begannen wir durch die Stadt zu gehen. Was das für ein Unterschied ist, in einem Büro Videos zu sichten oder plötzlich in der Straße zu versuchen, sich zu orientieren! Das war eine unglaublich verwirrende Realitätsverschiebung. Du hast dich an eine gewisse Stadtansicht auf der digitalisierten Karte gewöhnt und plötzlich stehst du da und fragst dich: Wie komme ich jetzt dorthin? Ziemlich ekelerregend, beim ersten Mal fühlte ich mich zerknittert, und mir wurde übel. Warum denn? Auf einer Karte ist alles geordnet und in sich geschlossen. Auf der Straße sind die Distanzen aber anders, du weißt nicht, wo du lang sollst und musst dich erst eingewöhnen oder wieder eingewöhnen. Man muss sich die Beziehung zwischen der Karte und dem Geschehen vor Ort ansehen und das irgendwie zusammenbringen. Hat sich dadurch auch dein Blick auf die Karte verändert? Ja, absolut. Üblicherweise navigiert man ja mithilfe von Gebäuden und Zeichen, verschiedenen visuellen Hinweisen und nicht nach Straßennamen. Nicht „Biegen Sie auf Straße xy rechts ein und folgen Sie dem Streckenverlauf“. Schließlich kam noch der Busfahrer unserer Tour zu uns dazu. Der war natürlich Profi. So kamen verschiedene Einstiegsebenen zur Stadt zusammen. Oft werden Online-Netzwerke ja solchen in der greifbaren Wirklichkeit gegenübergestellt – als wären sie abgetrennt und würden die anderen Netzwerke verdrängen. Für mich ist das Interessante an der Arbeit mit diesen Technologien, dass es keine Entweder-Oder-Situation gibt. Das hat auch mit meinen eigenen Kollaborationen zu tun. Man arbeitet online zusammen, aber trifft sich auch im echten Leben. Die Beziehung bewegt sich immer wieder, betritt dieses unterschiedliche Terrain und verlässt es wieder. Das ist kein theoretisches Konzept, sondern die gegenwärtige Realität. An separate Online- und Offline-Gruppen zu denken, rationalisiert und stabilisiert bereits das Erlebnis. Was in Wirklichkeit passiert, ist hybrid. Wir sind sehr fragmentierte Individuen mit all diesen verschiedenen komplexen körperlichen und mentalen Erfahrungen, sozialen Interaktionen, kulturellen Transformationen und ästhetischen Erscheinungen. Zum Beispiel? Wenn jemand sagt, er/sie macht ein Video für dich, denkt man an eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung. Eigentlich ist es das aber nicht. Es ist Broadcast/Rundfunk, also leckt es überall. Du bekommst unbeabsichtigtes Publikum. Mit meinen urbanen Interventionen zu privaten Überwachungsbildern zeige ich diese Lecks und bringe das unbeabsichtigte Publikum ein. Du arbeitest auch mit großen Plattformen wie Google und YouTube. Welche Rolle spielt es für dich, wer diese Plattformen besitzt? Was ich mache, bezieht sich immer auf eine alltägliche Produktion von Bildern. Egal, ob sie beabsichtigt ist oder nicht. Ich arbeite also mit gefundenen Bildern und deshalb dort, wo diese entstehen – das sind nun mal kommerzielle Plattformen. Ich sehe darin aber keine große Veränderung. Es wurde immer auch schon in kommerziellen Kontexten gearbeitet, zum Beispiel bei der Schnappschuss-Fotografie mit Kodak. Was sich ändert, betrifft die Produktion von Daten und deren Vernetzung. … womit viele kritische Punkte verbunden sind. Siehst du hier einen Bewusstseinswandel? Es gibt viel Diskussion über digitale Arbeit und Datenschutz, die sehr wichtig und komplex ist. Mich interessiert aber vor allem, über Agency zu sprechen, über Handlungskompetenz und Übertragbarkeit von Daten. Wer interpretiert die Bilder, und wer gibt ihnen Bedeutung? Welche Verantwortung haben Firmen gegenüber den Menschen, die diese Umgebungen online mitgestalten und die sich mit ihren selbstproduzierten Medien zum Beispiel aktiv an solchen Karten beteiligen? Ich rede nicht von Entlohnung, aber sie müssen doch etwas zurückbekommen. Firmen können große Datenmengen nach Belieben einfach löschen, das Interface ändern oder bestimmte Angebote streichen. Das Beispiel Facebook zeigt, dass hier aber auch Petitionen entstehen können, Information weitergegeben und auch von Mainstream-Medien aufgenommen wird und schließlich Einfluss auf Entscheidungen möglich ist. Gab es einen Punkt, wo sich dein Interesse für Distanz/Nähe verschoben hat, als du begonnen hast mit Live-Video, Telepräsenz und Performance zu experimentieren? In der Tschechischen Republik, Anfang der 1990er, hatte ich erstmals die Gelegenheit, mit geografischem Bezug zu arbeiten, und begann über das Verhältnis von Information und Ort nachzudenken. Information wie Architektur, im Verhältnis zu Geschichte und Politik. Gleichzeitig zeigte mir die Zusammenarbeit mit tschechischen und russischen KünstlerInnen das Performative des Raums und die vielen Schichten, die ihn ausmachen. Das hat mich geprägt, genauso wie später das Arbeiten in Netzwerken mit KünstlerInnen aus Ost- und Westeuropa, Kanada und den USA. Links zum Projekt „Buscando al Sr. Goodbar“ von Michelle Teran: |