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Der Welt liebste Power-Pop-Zwillinge, Tegan & Sara, geben ihren vielen glühenden Fans endlich wieder neue Nahrung: Sainthood (Warner) ist das bereits sechste Studioalbum der queeren Kanadierinnen mit dem bombensicheren Händchen für Ohrwurm-Melodien. Tegan und Sara Quin, vor knapp dreißig Jahren in Calgary geboren und mit bereits zehn Jahren Bühnenerfahrung auf den schmalen Buckeln, treiben hier, wieder mit Unterstützung von Chris Walla von Deathcab for Cutie als Produzenten, das weiter, was sie so perfekt beherrschen: Herzschmerz-Texte zu kraftvollen, ebenso rockigen wie poppigen Balladen, die sogar all jene bis auf die Knochen erweichen, die sonst bei der Erwähnung von „Ballade“ mit Übelkeitsanfällen kämpfen. Fast noch ein wenig glatter und synthiepoppiger als die beiden überaus erfolgreichen Vorgängeralben „The Con“ und „So Jealous“, erscheint „Sainthood“ beim ersten Hören beinahe trivial, bis einen die Magie des abwechselnden, sehnsuchtsvollen Gesangs der Schwestern dann doch wieder kriegt.
Auch aus Kanada, und zwar aus Vancouver, kommt die Singer/Songwriterin Olivia Fetherstonhaugh, die sich für die Veröffentlichung ihres Debütalbums Dark Eyes (Mint) dankenswerter Weise für den etwas weniger komplizierten Namen Fanshaw entschieden hat. Ganze fünf Jahre hat sich die Musikerin, die sich in der Presseinfo auf Anais Nin als Inspirationsquelle beruft, für die neun Songs mit vagem Retro-Country-Flair und schmelzendem Gesang Zeit gelassen – und an einigen Stücken angeblich sogar bis zu einem Jahr gefeilt. Es wird sich zeigen, ob sich die Geduldsarbeit der Perfektionistin tatsächlich gelohnt hat, wenn die zart verhaltenen Songs über traurige Lieben es schaffen, aus der Flut der Veröffentlichungen weiblicher Singer/Songwriter dauerhaft herauszustechen.
Mit dem Hervorstechen haben Scream Club noch nie ein Problem gehabt – dafür sind die Bühnenoutfits und die Performances des queeren Duos aus Olympia, Washington, das jetzt in Berlin residiert, einfach viel zu aufregend. Für ihre gemeinsame Remix-Platte (auf Rock Machine Records) mit Electrosexual, die eine Vorbotin des im Sommer erscheinenden neuen Albums ist, haben sich die beiden Electro-Rapperinnen für einen clubbigeren Sound entschieden, der weitgehend mit der Dominanz der spaßigen bis derben Raps, für die man Cindy Wonderful und Sarah Adorable früher kannte, bricht. Break You Nice ist mit seinen stampfenden Beats und schrillen Synths-Effekten fast Gay-Großraumdisko tauglich, und Screaming And Crying, die B-Seite, für die auch Shunda K. von Yo Majesty als Gast-Rapperin verpflichtet werden konnte, bewegt sich in Richtung einer Deep-Trance-Hymne mit Spoken-Word-Einlagen.
Optisch extravagant gibt sich auch eine junge Künstlerin aus Manchester, die bekleidungstechnisch wie auch musikalisch den Blick zurück in die 1980er Jahre wirft. Julie Campbell aka Lonelady sieht sich auf ihrem in einer verfallenden Fabrikhalle aufgenommenen Debüt Nerve Up (Warp) von geografischen wie mentalen NachbarInnen wie Joy Division, The Fall oder ESG beeinflusst. Die individualistische Platte, fast komplett im Alleingang eingespielt, ist mit ihrem kalt-metallischen Sound und dem scharfen, markanten Gesang zu scheppernder Gitarre, Drums und Synth-Sounds aber nicht die x-te Emulation der Vergangenheit, sondern beweist sich im Gegenteil als ausreichend denk- und merkwürdig, um für sich selbst zu bestehen.
Zu guter Letzt noch der Hinweis auf eine neue Serie des stets so verdienstvoll um weibliche Artists bemühten Berliner Labels Monika Records: Nachdem dessen Betreiberin Gudrun Gut vor einigen Jahren bereits die Reihe „4 Women No Cry“ mit je vier internationalen Produzentinnen pro Platte aus der Taufe gehoben hat, agiert sie jetzt lokal und stellt in City Splits je zwei Musikerinnen aus einer Stadt vor. Den Anfang machen zwei Wahl-Berlinerinnen: Theresa Stroetges aka Golden Diskó Ship mit ihrer melodiösen Rumpel-Raschel-Elektronik und Jasmina Maschina (eigentlich Jasmine Guffond aus Australien), die elektronische Improvisationselemente ebenso wie melancholisches Songwriting in ihre oft mit „found sound“-Quellen versetzten Tracks einfließen lässt. Auch beim nächsten Trip der City Splits bleibt es spannend – der führt nach L.A. und zeigt ganz sicher, dass die Klischees der männerdominierten Rock-City ausgedient haben. |