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Der „normale“ Missbrauch |
an.schläge: Wie erlebt ihr die aktuelle Diskussion über sexuelle Gewalt in der Kirche in den Medien? Stefanie Vasold: Dass das Thema diesen Umfang in den Medien bekommen hat, ist positiv, da man bei sexueller Gewalt immer mit Tabuisierung und fehlender Berichterstattung zu tun hat. Betroffene werden ermutigt sich zu melden, und die kirchlichen Strukturen geraten ins Blickfeld: Es wird diskutiert, inwieweit autoritäre Erziehungsstrukturen sexuelle Gewalt begünstigen und deren Aufdecken erschweren oder verhindern. Welche Differenzierungen wären hier wichtig? So zu tun, als würde sexuelle Gewalt nur in kirchlichen Institutionen stattfinden, ist eine Verengung, denn sie findet großteils im sozialen Nahraum und in den Familien statt, die aber nur zum Teil als geschlossene Systeme analog zu kirchlichen Strukturen thematisiert werden. Auf der Homepage der Ombudsstelle der Katholischen Kirche steht in einer Erklärung von Kardinal Schönborn, dass MissbrauchstäterInnen oft psychisch gestört seien, aufgrund ihrer persönlichen Entwicklung Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl hätten und daher zur Befriedigung ihrer Sexualität auf Schwächere ausweichen. Ist das ein Rückschritt im öffentlichen Diskurs? Diese Verknüpfung mit dem Ausleben des Sexuellen tut der Sache nichts Gutes, denn übrig bleibt, dass Männer, die nicht die Möglichkeit haben, ihre Sexualität auszuleben, gezwungen sind, auf Kinder auszuweichen. Sexualität wird als etwas Triebhaftes und nur bedingt Steuerbares dargestellt. Natürlich gibt es hier auch psychische Störungen, aber die Gefahr solcher Aussagen ist, dass man so tut, als sei es ausschließlich eine psychische Krankheit und man könne sich nicht entscheiden, was man macht. Missbrauchstäter erzählen häufig, dass sie selbst missbraucht worden sind, oft steht die Geschichte der Täter mehr im Zentrum als die Tat selbst. Hinzu kommt, dass Frauen permanent in der Schusslinie sind: entweder als Ehe- In der erwähnten Erklärung kommt auch der Begriff der „Schwächeren“ als Positionsbeschreibung für Kinder vor. Beschäftigt ihr euch mit der Rolle der Kinder in der Gesellschaft? Das gehört zu unserem Verständnis von Prävention: Wir machen in erster Linie Projekte, die auf professionelle ArbeiterInnen mit Kindern abzielen, also LehrerInnen, KindergärtnerInnen, auch Eltern. Es reicht nicht, Kinder nur das Nein-Sagen zu lehren. Im schlechtesten Fall erzeugt man damit nur noch mehr Schuldgefühle, wenn sie sich nicht wehren oder wehren können. Um sexuelle Gewalt wirksam zu verhindern, braucht es ein wachsames Erwachsenenumfeld, ein in den Blick Nehmen der gesamtgesellschaftlichen Struktur, das Erkennen der Verschränkungen von Diskriminierungen und die Erkenntnis, dass sexuelle Gewalt mit anderen Angriffsflächen verknüpft ist, die Kinder erleben. Wenn Kinder nichts zu sagen haben und lernen zu tun, was man ihnen sagt – wie sollen sie in der Gewaltsituation erkennen, dass es plötzlich nicht mehr in Ordnung ist zu machen, was der Erwachsene sagt? Besteht bei der Thematisierung anderer Gewaltformen nicht die Gefahr, dass die Abgrenzung zwischen sexueller und anderer Gewalt schwammig wird und die unterschiedlichen Mechanismen nicht mehr differenziert werden? Tatsächlich werden bei sexueller Gewalt andere Mechanismen wirksam, die es gilt, im Blick zu behalten. Zum Beispiel besteht im Gegensatz zu physischer Gewalt eine ganz andere Geheimhaltungsdynamik. Sexuelle Gewalt passiert auch nicht einfach, sondern ist immer geplant, während physische Gewalt häufig als Affektreaktion aus einer Überforderung resultiert. Kinder wissen hier sehr genau, dass dies ein Übergriff ist, der nicht o.k. ist, und können ihn eher einordnen. Bei sexueller Gewalt kommt es hingegen zu einer Verwirrung der Gefühle, sodass es Kindern schwer fällt einzuschätzen, was in Ordnung ist und was nicht. Es ist ihnen auch peinlich, denn Sexualität ist nicht thematisierbar, sie ist eine unbekannte Angriffsfläche. All das macht die Intervention schwieriger und eine Differenzierung notwendig. Die Gewaltvorfälle werden medial oft sehr voyeuristisch dargestellt. Lässt sich sexuelle Gewalt überhaupt in den Medien vermitteln? Es ist schwierig, da Bilder sehr viel an Vorstellungen produzieren, und diese wirkungsstarken Bilder stehen per se in Widerspruch zu einer differenzierten Sichtweise. Gerade bei sexueller Gewalt sieht man immer wieder, dass es so etwas wie eine Täterfaszination gibt. Man beschäftigt sich mit diesem Menschen als spannende Herausforderung – die Verantwortlichkeit und das Benennen der gewaltvollen Handlungen gerät aus dem Blick und weicht einer Faszination des Bösen. Werden die exzessiv beschriebenen Geschichten von Betroffenen nicht auch zu Idealgeschichten und wirken dadurch nochmals tabuisierend, weil andere Betroffene den Eindruck erhalten, dass sie nicht derart Gewaltvolles erlebt haben und ihr Erlebnis deshalb „nicht so schlimm” ist? Ja, das stimmt. Je schlimmer die Geschichten sind, desto schwieriger wird es für betroffene Kinder einzuordnen, was ihnen passiert ist. Denn je mehr der Täter ein „Monster” außerhalb der Gesellschaft ist, desto weniger kann es der eigene Vater sein oder desto weniger findet sich in diesem Bild der „normale” Missbrauch. Kinder erfahren sexuelle Gewalt häufig durch einen Menschen, der ihnen viel Aufmerksamkeit geschenkt hat, der vermeintlich emotional nahe ist. Im eigenen Erleben hat das wenig mit einem Monster zu tun. Es war ein Fortschritt im Diskurs der letzten zwanzig Jahre, den Fokus vom „unbekannten Täter” wegzubringen und die Familie ins Blickfeld zu nehmen. Stefanie Vasold ist Sozialwissenschaftlerin in Ausbildung und Trainerin bei Selbstlaut. Maria Pohn-Weidinger ist Soziologin und arbeitet derzeit an ihrer Dissertation zu biografischen Bearbeitungsstrukturen von sogenannten „Trümmerfrauen“. Selbstlaut – gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen, Vorbeugung – Beratung – Verdachtsbegleitung, Berggasse 32/4, 1090 Wien, T. 01/810 90 31, office@selbstlaut.org Literatur: |