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Eigentlich wollte ich diesen Kommentar „Unkeusche Gedanken beim Einkleben der Panini-Sticker” nennen. Seit 1970 bringt der italienische Panini-Verlag Stickerhefte zu Fußball-Großereignissen heraus, die man entweder dadurch voll bekommt, indem man Unmengen an Stickern kauft oder aber Leute zum Tauschen findet. Während sich die Profis beim Tauschen nur noch die Nummern der Sticker zurufen, geht es mir mehr um den Inhalt, sprich: die Spieler. Von jedem der 32 Teams gibt es 17 Spieler-Sticker, dazu kommen noch Embleme, Stadien, Pokal, Maskottchen usw. – insgesamt braucht mensch 638 Sticker. In meinen Augen wäre jedenfalls ein Franzose locker zwei Amis wert und ein Südafrikaner mindestens drei Dänen. Sympathien und Ästhetik (sowohl der Spieler als auch der Spielweise) sind dabei zentral. Dementsprechend würde ich die gesamte deutsche Mannschaft gegen einen einzigen Brasilianer eintauschen.
Aber jetzt hab ich mich total verplaudert. Denn zunächst überkamen mich starke Zweifel daran, wie abendfüllend dieses Thema überhaupt werden kann, also absolvierte ich eine kurze Google-Recherche. Prompt verging mir die Lust an den „unkeuschen Gedanken”. Ich fand eine Facebook-Gruppe mit dem Namen „Männer stehen auf Fußball, Frauen auf Fußballer”. Das „gefällt” mittlerweile mehr als 23.000 UserInnen.
Da fällt es schwer zuzugeben, wie gerne ich die Sticker von Morgan Gould, Giovani dos Santos, Sidney Govou, Andre Ayew, Yoshito Okubo, Alexandre Song, Fernando Torres und Luis Ramos betrachte oder wie sehr mich das misslungene Foto des süßen Thierry Henri ärgert, während ich David Beckham sogar unrasiert noch geil finde. Apropos: Wirklich ärgerlich sind jene angeblichen Fußballkenner, die Beckham seit seiner Wandlung in einen sogenannten metrosexuellen Mann jegliches fußballerische Können absprechen. Verächtlich betrachteten sie seine guten Frisuren, maßgeschneiderten Anzüge und Diamantohrstecker und behaupten seither, außer seinen berühmten Freistößen habe er noch nie was gekonnt. Diese Typen haben – wie es am Platz so schön heißt – Tomaten auf den Augen und sind einfach nur homophob.
Aber zurück zu den Suchergebnissen. Ich wollte wissen, ob es auch Frauentauschbörsen für die Panini-Sticker gibt und stieß dabei auf ein Pro & Kontra im „Züricher Tagesanzeiger”: „Panini-Sammlerei: witzig oder peinlich”. Während die Autorin von Nostalgie, Sammelsucht und Tauschecken am Schulhof schreibt, ist es dem Autor besonders wichtig zu betonen, dass Frauen die Sammlerei „etwa so gut steht wie ein Oberlippenbart”: „Klar, sie wollen halt auch dazugehören. Doch Anbiederung über ein Panini-Album ist der falsche Weg.” Vor allem wenn das Stickern mit Debatten über den erotischsten Fußballer ende. Dabei scheint er die Hosen (anstatt sein Album) voll zu haben vor Frauen, die sich mit Fußball beschäftigen und womöglich auch noch durchschauen, was bei so einer WM alles an nationalistischer, machistischer und rassistischer Katharsis abläuft.
Unterdessen hat die Hersteller-Firma von „Tipp-Kick”, einem ziemlich nervigen Spiel, bei dem man auf einem ewig verrutschenden Grün mit gusseisernen Fußballer-Figürchen, deren eines Schussbein durch einen „Tipp” auf den Kopf bewegt wird, versucht, den (eckigen) Ball in die Plastiktore zu bringen, die von Figuren gehütet werden, die sich mit ständig hoch erhobenen Armen rechts und links hinlegen können – diese Firma hat also nach 85 Jahren nun eine Torhüterin und eine Feldspielerin auf den Markt geworfen. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung” interviewte dazu eine jener 15 Frauen unter 800 Männern, die in Deutschland professionell Tipp-Kick-Turniere spielen. Diese befand, dass die Torhüterin „eine deutlich sichtbare Taille” habe, die Feldspielerin allerdings „zu wenig Oberweite”. Auch würden die neuen Figuren Mädchen nicht ansprechen, da diese eh nur über ihre Brüder zum Spiel kämen.
Ganz ohne brüderliche Hilfe spielte ich im letzten Winter mit einem kleinen Mädchen in der besetzten Aula der Akademie für Bildende Kunst das alte Tipp-Kick, als zwei andere Mädchen zu uns stießen. Die eine schaute sich das kurz an, stemmte dann die Hände in die Hüften und sagte: „In dem Spiel gibt’s ja gar keine Frauen!” – „Und einer der Männer hat nur ein Bein”, fügte ich fröhlich hinzu. |