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Some Grrrls are Ladies |
Irgendwie war das Ganze wie ein Traum: Sechs Tage lang eine Stadt erobert, sie gemeinsam mit mehr als tausend anderen Frauen und Mädchen gewissermaßen in Beschlag genommen. Jeden Tag Workshops, Konzerte, Veranstaltungen, neue Bekanntschaften. Klingt, als wären wir Fanatikerinnen des Bildungsurlaubs. Oder aber auf einem globalen PfadfinderInnen-Treffen gewesen. Waren wir aber nicht. Wir waren beim Ladyfest, in Olympia, Washington, im Nordwesten der USA, jenem Teil des Landes, der schon einmal als Geburtsort eines Musikstils hergehalten hat, der die Welt erobern sollte: Grunge. Doch keine Angst, das Ladyfest wird nicht zu einem neuen Mode-/Trenddiktat führen. Irgendwie schade, eigentlich. Aber das Ladyfest war eben auch nicht der Beginn eines neuen Stils, sondern vielmehr die Bestandsaufnahme und der Neubeginn einer Bewegung: der Riot Grrrls. Who’s that grrrl? Anfang der 1990er-Jahre entstand aus der Auflehnung gegen die männerdominierte, sexistische Indie-/Rock-Musik-Szene die Riot-Grrrl-Bewegung. Ziel war es, das Vorurteil, Frauen könnten nur lahme Songs auf der Gitarre schreiben, umzustoßen und stattdessen selbst ein kraftvolles, neues Image zu entwickeln: Frau/Mädchen mit elektrischer Gitarre, Texte singend/rausschreiend über Dinge, die sie wirklich betreffen. Und aus den wenigen in Olympia entstand bald ein US-weites Netzwerk. Ein typischer Tag beim Ladyfest. Gegen Mittag starteten die ersten Workshops (von denen fast alle, wie auch die übrigen Veranstaltungen, ebenso Männern zugänglich waren, auch wenn diese, meist nur eine Handvoll, eher nur zu Konzerten gingen), die von „basic car repair” über „rather be fat than brainwashed” die verschiedensten frauenbezogenen Themen abdeckten. Ab 13 Uhr fanden die ersten Konzerte statt, zeitgleich wurden Dokumentar- oder Kurzfilme gezeigt, Ausstellungen und Spoken-Word-Performances abgehalten. Konzerte bildeten den Abschluss des Tages. Wie die Workshops war auch das musikalische Programm äußerst breit gestreut: Neben Gitarrenmusik gab es HipHop, einen Country-Abend und Stand-Up-Comedians. Es traten Bands auf, die schon seit Anfang der 90er im Riot-Grrrl-Umfeld aktiv waren – Bratmobile etwa nutzten die Gelegenheit und feierten eine bejubelte Reunion –, Bands, die von der Riot-Grrrl-Bewegung beeinflusst worden waren wie Sleater-Kinney, The Bangs oder The Butchies, aber auch Frauen, die aus ganz anderen Kontexten stammen, wie z.B. Cat Power. In dieser einen Woche haben wir so viele Shows gesehen wie sonst nicht in einem ganzen Jahr. Warum Lady? Immer wieder haben wir uns gefragt, warum der Name „Grrrl”, der aus einer Neu-Definition und Aneignung von „Girl” entstanden ist, in der Namensgebung des Festivals durch „Lady” ersetzt worden war. „Ich sehe mich selbst als Lady”, meinte die Fotografin und Videokünstlerin Tammy Rae Carland, „ich fühle mich durch Grrrl nicht angesprochen.” Und Sarah Dougher (Cadillaca) fügte hinzu: „Viele der Frauen, die in den Anfängen von Riot Grrrl engagiert waren, sind nun in ihren Dreißigern – und nennen sich selbst ‚Ladys’”. Überhaupt: Girl Power – „I’m so over Girl Power!” „A Call to arms …“ Das Ladyfest wurde von der ersten Generation der Riot Grrrls veranstaltet. „Wir wollten den Leuten zeigen, dass feministische Organisationen und kulturelle Produktionen von Frauen immer noch existieren und einen wichtigen Stellenwert einnehmen – trotz des gegenwärtigen Höhepunkts misogyner Aussagen der Musik-Szene in den USA”, sagte Sarah Dougher. Ein halbes Jahr haben die Vorbereitungen gedauert, etwa dreißig Frauen waren beteiligt, um das sechstägige Festival auf die Beine zu stellen. „Das Ladyfest war und ist wichtig, um wieder neue Bündnisse zu schließen – die einzelnen Beteiligten haben sich seit Jahren nicht mehr über politische und kulturelle Inhalte ausgetauscht. In Olympia haben jetzt wieder alle zusammengefunden”, so Carrie Brownstein, ihres Zeichens Sängerin und Gitarristin bei Sleater-Kinney und Mitorganisatorin des Festivals. „Let’s do it smarter this time!“ „Schließlich”, so Sarah Dougher weiter, „können wir jetzt bei nationalen Magazinen anrufen und sagen, dass wir ein Festival organisieren, worüber sie zu berichten haben – und sie werden kommen!” Die Machtverhältnisse zwischen Medien und Riot Grrrls haben sich verändert – durch die Erfahrung im Umgang mit medialen Mechanismen können diese nun gezielter für die eigenen Zwecke instrumentalisiert werden. Und so hat das „Time Magazine” Olympia aufgrund des Ladyfests, eines Festivals von Frauen für Frauen, zur coolsten Stadt der USA erkoren. Vor zehn Jahren wäre das nicht möglich gewesen. Ute Hölzl arbeitet bei FM4 und legt Platten auf für Quote und FMqueer. * Dieser – geringfügig überarbeitete – Text erschien erstmals in „nylon. KunstStoff zu Feminismus und Popkultur”, Heft 2, im Herbst 2000 und stellt den wahrscheinlich ersten deutschsprachigen Bericht über das Ladyfest in Olympia dar. |