Some Grrrls are Ladies

Olympia, Washington. Dort, wo die Labels K-Records, Kill Rock Stars und Chainsaw ihren Sitz haben, nahm die Riot-Grrrl-Bewegung ihren Ausgang. Ein Jahrzehnt später, im Sommer 2000, wurde die 40.000-Seelen-Stadt südlich von Seattle eine Woche lang erneut zum Mittelpunkt der Welt – für manche zumindest. Ute Hölzl, Sushila Mesquita und Iris Weißenböck packten damals ihre Koffer und reisten zum Frauen-Kunst-Festival Ladyfest.*

Irgendwie war das Ganze wie ein Traum: Sechs Tage lang eine Stadt erobert, sie gemeinsam mit mehr als tausend anderen Frauen und Mädchen gewissermaßen in Beschlag genommen. Jeden Tag Workshops, Konzerte, Veranstaltungen, neue Bekanntschaften. Klingt, als wären wir Fanatikerinnen des Bildungsurlaubs. Oder aber auf einem globalen PfadfinderInnen-Treffen gewesen. Waren wir aber nicht. Wir waren beim Ladyfest, in Olympia, Washington, im Nordwesten der USA, jenem Teil des Landes, der schon einmal als Geburtsort eines Musikstils hergehalten hat, der die Welt erobern sollte: Grunge. Doch keine Angst, das Ladyfest wird nicht zu einem neuen Mode-/Trenddiktat führen. Irgendwie schade, eigentlich. Aber das Ladyfest war eben auch nicht der Beginn eines neuen Stils, sondern vielmehr die Bestandsaufnahme und der Neubeginn einer Bewegung: der Riot Grrrls.

Who’s that grrrl? Anfang der 1990er-Jahre entstand aus der Auflehnung gegen die männerdominierte, sexistische Indie-/Rock-Musik-Szene die Riot-Grrrl-Bewegung. Ziel war es, das Vorurteil, Frauen könnten nur lahme Songs auf der Gitarre schreiben, umzustoßen und stattdessen selbst ein kraftvolles, neues Image zu entwickeln: Frau/Mädchen mit elektrischer Gitarre, Texte singend/rausschreiend über Dinge, die sie wirklich betreffen. Und aus den wenigen in Olympia entstand bald ein US-weites Netzwerk.
Riot Grrrl war nicht nur Musik, auch wenn das neben der Kleidung jenes Merkmal ist, worauf die Rezeption von außen beschränkt blieb. Als sich die Mainstream-Medien auf die Bewegung stürzten, blieb wenig übrig von Riot Grrrl. Die vielfältigen politischen Inhalte gingen in dieser Wahrnehmung verloren, lediglich die eindimensionale Reduktion auf modische und sexuelle Aspekte wurde überliefert. Dabei wurde unterschlagen, worauf sich die Bewegung bezog: Im neu aufkeimenden repressiven, höchst reaktionären Klima Anfang der 1990er, das geprägt war von wachsender Prüderie, Homophobie und Rassismus, traten die Riot Grrrls vehement für die Rechte von Frauen und Mädchen ein. Entgegen den gängigen Schweigemechanismen thematisierten sie lautstark Missbrauchserfahrungen, kritisierten Schönheitsideale und boten vor allem jungen weißen Frauen Alternativen zu den vorherrschenden Identitätskategorien. Durch die Medien mutierte „Grrrl Style Revolution Now” zu „Girl Power” – ein leicht verdauliches Sammelsurium konsumentInnenfreundlicher Slogans: Aus den Riot Grrrls waren die Spice Girls geworden.
Corin Tucker, Sängerin und Gitarristin von Sleater-Kinney und ehemals Mitglied bei Heavens to Betsy, formulierte es folgendermaßen: „Die Mainstream-Medien trivialisierten die ganze Bewegung zu einem Mode-Statement. Dabei ist der Punkt an Riot Grrrl, dass wir damit fähig waren, Feminismus für das 21. Jahrhundert neu zu schreiben. Wir nahmen die Ideen und übersetzten sie in unsere eigene, für uns verständliche Sprache. Das sind die eigentlichen wichtigen Errungenschaften – in den Medien war davon jedoch nicht mehr die Rede.” Doch Riot Grrrl existierte weiter, wenn auch abseits der breiten Medienöffentlichkeit, aufrechterhalten von alternativen Kommunikationsstrukturen, die abgelöst vom Mainstream funktionierten.
Das Ladyfest, von Frauen für Frauen organisiert, folgte der Tradition der Riot Grrrl Conventions, die seit den frühen 1990ern in den USA und auch in Europa (vor allem in Großbritannien) stattgefunden haben – Festivals, bei denen nicht nur Musik im Vordergrund steht, sondern es auch Workshops, Ausstellungen, Filmvorführungen, Diskussionen und vieles andere gibt.

Ein typischer Tag beim Ladyfest. Gegen Mittag starteten die ersten Workshops (von denen fast alle, wie auch die übrigen Veranstaltungen, ebenso Männern zugänglich waren, auch wenn diese, meist nur eine Handvoll, eher nur zu Konzerten gingen), die von „basic car repair” über „rather be fat than brainwashed” die verschiedensten frauenbezogenen Themen abdeckten. Ab 13 Uhr fanden die ersten Konzerte statt, zeitgleich wurden Dokumentar- oder Kurzfilme gezeigt, Ausstellungen und Spoken-Word-Performances abgehalten. Konzerte bildeten den Abschluss des Tages. Wie die Workshops war auch das musikalische Programm äußerst breit gestreut: Neben Gitarrenmusik gab es HipHop, einen Country-Abend und Stand-Up-Comedians. Es traten Bands auf, die schon seit Anfang der 90er im Riot-Grrrl-Umfeld aktiv waren – Bratmobile etwa nutzten die Gelegenheit und feierten eine bejubelte Reunion –, Bands, die von der Riot-Grrrl-Bewegung beeinflusst worden waren wie Sleater-Kinney, The Bangs oder The Butchies, aber auch Frauen, die aus ganz anderen Kontexten stammen, wie z.B. Cat Power. In dieser einen Woche haben wir so viele Shows gesehen wie sonst nicht in einem ganzen Jahr.

Warum Lady? Immer wieder haben wir uns gefragt, warum der Name „Grrrl”, der aus einer Neu-Definition und Aneignung von „Girl” entstanden ist, in der Namensgebung des Festivals durch „Lady” ersetzt worden war. „Ich sehe mich selbst als Lady”, meinte die Fotografin und Videokünstlerin Tammy Rae Carland, „ich fühle mich durch Grrrl nicht angesprochen.” Und Sarah Dougher (Cadillaca) fügte hinzu: „Viele der Frauen, die in den Anfängen von Riot Grrrl engagiert waren, sind nun in ihren Dreißigern – und nennen sich selbst ‚Ladys’”. Überhaupt: Girl Power – „I’m so over Girl Power!”
Wird nun „Lady” „Grrrl” als Begriff ersetzen? Wahrscheinlich nicht. Lady fungiert wohl eher als Persiflage auf Grrrl und was daraus wurde. In Lady schwingt eine starke Klassenzuschreibung mit – die bürgerliche Konnotation des Begriffs enthebt ihn somit einer unreflektierten Aneignung. Aus diesem Grund hat es auch großen Widerstand gegen den Begriff gegeben. Nicht alle können sich damit identifizieren, zusätzlich kommt auch noch die Variable „Alter” mit ins Spiel. Eine 15-Jährige wird sich eher als Grrrl fühlen denn als Lady. Und „Lady Power” wird als Verkaufsstrategie nicht funktionieren, denn es gibt keine neue dissidente Schreibweise für den Begriff, was einschlägige Assoziationen verhindert und ihn damit schwer identifizierbar macht – zudem stellt man sich unter „Lady” immer noch eine ältere, der höheren Schicht angehörige „Dame” vor. Der Begriff wird – bis jetzt jedenfalls – vor allem von jenen verwendet, die sich, altersbedingt, eben nicht mehr als Girl respektive Grrrl sehen.

„A Call to arms …“ Das Ladyfest wurde von der ersten Generation der Riot Grrrls veranstaltet. „Wir wollten den Leuten zeigen, dass feministische Organisationen und kulturelle Produktionen von Frauen immer noch existieren und einen wichtigen Stellenwert einnehmen – trotz des gegenwärtigen Höhepunkts misogyner Aussagen der Musik-Szene in den USA”, sagte Sarah Dougher. Ein halbes Jahr haben die Vorbereitungen gedauert, etwa dreißig Frauen waren beteiligt, um das sechstägige Festival auf die Beine zu stellen. „Das Ladyfest war und ist wichtig, um wieder neue Bündnisse zu schließen – die einzelnen Beteiligten haben sich seit Jahren nicht mehr über politische und kulturelle Inhalte ausgetauscht. In Olympia haben jetzt wieder alle zusammengefunden”, so Carrie Brownstein, ihres Zeichens Sängerin und Gitarristin bei Sleater-Kinney und Mitorganisatorin des Festivals.

„Let’s do it smarter this time!“ „Schließlich”, so Sarah Dougher weiter, „können wir jetzt bei nationalen Magazinen anrufen und sagen, dass wir ein Festival organisieren, worüber sie zu berichten haben – und sie werden kommen!” Die Machtverhältnisse zwischen Medien und Riot Grrrls haben sich verändert – durch die Erfahrung im Umgang mit medialen Mechanismen können diese nun gezielter für die eigenen Zwecke instrumentalisiert werden. Und so hat das „Time Magazine” Olympia aufgrund des Ladyfests, eines Festivals von Frauen für Frauen, zur coolsten Stadt der USA erkoren. Vor zehn Jahren wäre das nicht möglich gewesen.
Das Ladyfest war ein Rückblick. Aber auch ein neuer Anfang. „Wenn nur eine Person von hier mit neuer Inspiration und Motivation, die Dinge zu verändern, weggeht, dann, denke ich, haben wir gewonnen”, so Carrie Brownstein. Eine Woche in Olympia fühlte sich an wie true life und heaven zugleich. Das Aufwachen zwei Tage später in der realen Welt – in einer Shopping Mall in Seattle – war für uns dafür umso ernüchternder. Die Welt hat sich nicht verändert, was bleibt, ist die Erinnerung – oder war es doch nur ein Traum?

Ute Hölzl arbeitet bei FM4 und legt Platten auf für Quote und FMqueer.
Sushila Mesquita ist Philosophin und verstrickt in diverse queer-feministische Projekte.
Iris Weißenböck ist als freie Lektorin für feministische und andere Medien tätig.

* Dieser – geringfügig überarbeitete – Text erschien erstmals in „nylon. KunstStoff zu Feminismus und Popkultur”, Heft 2, im Herbst 2000 und stellt den wahrscheinlich ersten deutschsprachigen Bericht über das Ladyfest in Olympia dar.