Fakten zertrümmern Mythen

Der österreichische Frauenbericht ist eine Fundgrube an Fakten und Zahlen – allesamt geeignet, diverse Scheinargumente gegen Frauenförderung zu demaskieren. Mythos: Frauen sind eh schon gleichberechtigt. Fakt ist: Sie sind es nicht!
Von Gabi Horak

Mythos: Frauen arbeiten nur Teilzeit, weil sie das so wollen. Fakt ist: Rund vierzig Prozent der Frauen in Teilzeit geben an, dass dies aufgrund von Betreuungspflichten notwendig sei. Fast zehn Prozent aller erwerbstätigen Frauen wünschen sich längere Arbeitszeiten. Bei den Männern wünschen sich das nur knapp drei Prozent, wobei über siebzig Prozent ohnehin schon vollzeitbeschäftigt sind. Außerdem findet jede fünfte Frau, dass ihre Tätigkeit nicht ihrer Qualifikation entspricht.
Mit einer Teilzeitquote von 41,5 Prozent liegen Frauen in Österreich deutlich über dem EU-Durchschnitt von 31 Prozent. In den vergangenen zehn Jahren ist die Vollzeiterwerbstätigkeit bei Frauen zurückgegangen, dafür hat Teilzeitarbeit massiv zugenommen. Gesetzliche Neuerungen haben das Problem verschärft: Nach der Novelle des Arbeitszeitgesetzes 2007 – wonach die tägliche/wöchentliche Arbeitszeit weiter ausgedehnt werden kann – wurde es für Frauen noch schwerer, Vollzeitjob und Familie zu vereinbaren.

Mythos: Frauen verdienen nur deshalb weniger, weil sie öfter Teilzeit arbeiten. Fakt ist: Selbst wenn das Lohngefälle um Effekte wie geringere Beschäftigung, Segregation, Alter und Ausbildung bereinigt wird, verdienen Frauen immer noch um 18 Prozent weniger – ohne ersichtlichen Grund. Auch vollzeiterwerbstätige Frauen verdienen nur 78 Prozent des Einkommens der Männer.
Insgesamt (nach EU-Berechnung) liegt der Bruttostundenverdienst von Frauen sogar 25 Prozent unter dem der Männer. Der EU-Durchschnitt: 18 Prozent. Die Gründe: Branchen mit niedrigem Einkommen haben einen besonders hohen Frauenanteil, aber auch innerhalb der Branchen und Berufe verdienen Frauen deutlich weniger als ihre Kollegen, besonders Arbeiterinnen. Zwar sind Frauen immer besser gebildet, allerdings ändert das nichts an der Einkommensdiskriminierung – bei Berufseinsteigerinnen hat diese seit 1995 sogar noch weiter zugenommen.

Mythos: Frauen sind deshalb nicht in Führungspositionen, weil sie schlechter ausgebildet sind. Fakt ist: Frauen sind mittlerweile besser ausgebildet als Männer. Berufliche Weiterbildung müssen sie im Gegensatz zu Kollegen jedoch öfter in der Freizeit absolvieren – trotzdem tun sie es häufiger als Männer. Nicht zuletzt führt die hohe Teilzeitrate bei Frauen dazu, dass sie die Karriereleiter nicht hinaufkommen. Insgesamt benötigen Frauen ein besseres Bildungsniveau, um bestimmte Positionen zu erreichen, die von Männern auch mit geringerer Qualifizierung eingenommen werden.
Noch immer herrscht sowohl bei der Ausbildung als auch am Arbeitsmarkt eine starke Segregation: Frauen studieren kaum Technik, wählen traditionelle Lehrberufe (die Hälfte aller weiblichen Lehrlinge sind im kaufmännischen Bereich), arbeiten im Gesundheits-, Sozial-, Dienstleistungsbereich oder als Lehrerinnen. Viele dieser Frauenberufe haben eines gemeinsam: Sie sind schlecht bezahlt und bieten kaum Aufstiegschancen.

Mythos: Frauen wollen keine Kinder mehr, weil sie lieber Karriere machen. Fakt ist: Junge Frauen wünschen sich mehr Kinder; wenn sie älter werden, zeigt sich aber, dass das nicht zu realisieren ist. Eine Frau in Österreich bekommt durchschnittlich 1,4 Kinder. Rund zwanzig Prozent der Frauen bleibt kinderlos.
Auch bei den Männern steigt die Wunschkinderzahl mit dem Alter übrigens an. Derzeit gehen vier Prozent der Männer in Elternkarenz.
Die Geburt eines Kindes stellt für Frauen nach wie vor einen nachhaltigen Ein- oder sogar Rückschritt in der Erwerbskarriere dar. Der Wiedereinstieg ist schwierig: Über ein Drittel der vor dem Kind erwerbstätigen Frauen ist selbst 32 Monate nach der Geburt ohne Beschäftigung. Kehren Frauen zurück zur Arbeit, reduzieren sie meist die Stunden auf Teilzeit. Bei Vätern ist es eher umgekehrt: Sie arbeiten sogar mehr. Der Vergleich von Frauen mit und ohne Kinder zeigt: Die Erwerbsquote kinderloser Frauen ist in den letzten Jahren auf hohem Niveau stetig gestiegen.

Mythos: Frauen mit Kindern sind durch Sozialleistungen sehr gut versorgt, immerhin gibt der Staat viel Geld dafür aus. Fakt ist: Alleinerzieherinnen und Haushalte mit vielen Kindern zählen zu den am stärksten armutsgefährdeten Gruppen. Der Lebensstandard von Frauen ist oft von der Höhe der Einkünfte des Partners abhängig. Allein lebende Frauen haben einen um 17 Prozent geringeren Lebensstandard als allein lebende Männer.
In den letzten zehn Jahren ging die Zahl der Bezieherinnen von Arbeitslosengeld und Notstandshilfe um ein Viertel zurück. Vor allem die Notstandshilfe wird schnell gestrichen, weil das Einkommen des Partners, das bei der Berechnung berücksichtigt wird, zu hoch ist. Die Anspruchsvoraussetzungen für Arbeitslosengeld wurden in den letzten zwanzig Jahren sukzessive verschärft, was das ohnehin bereits niedrige Leistungsniveau für Frauen mit Kindern weiter reduzierte. Ein Viertel der alleinlebenden Frauen ist armutsgefährdet, ebenso ein Drittel der allein lebenden Pensionistinnen.

Mythos: Frauen dürfen fünf Jahre früher in Pension gehen als Männer und das ist nicht fair. Fakt ist: Der tatsächliche Unterschied im Pensionszugangsalter ist nur gering. Frauen können sich eine frühere Pensionierung nämlich schlichtweg nicht leisten. Und außer der Anerkennung der Kindererziehungszeiten wurden bisher auch kaum weitere Schritte für den Ausbau der eigenständigen Alterssicherung gesetzt. Zudem ist die letzte Phase der Erwerbsarbeit vielfach geprägt durch die Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen bei gleichzeitiger finanzieller Abhängigkeit vom Ehepartner. Ist das fair?
Pensionistinnen müssen mit rund 57 Prozent des Einkommens von Pensionisten auskommen – ein Resultat des niedrigeren Einkommens, der Berufsunterbrechungen und der fehlenden eigenständigen Absicherung. 2008 betrug die neu zuerkannte Eigenpension für Frauen durchschnittlich 802 Euro.

Mythos: Wir haben keinen Pflegenotstand. Fakt ist: Für viele Frauen herrscht Notstand, denn sie müssen ihre PartnerInnen und Eltern pflegen – neben oder statt Job, Karriere und Freizeit. Und angesichts der demografischen Alterung wird sich die Situation noch massiv verschärfen: Bis 2030 werden um zwei Drittel mehr Männer Pflegegeld beantragen und um zwei Fünftel mehr Frauen.
Fast achtzig Prozent der pflegenden Angehörigen sind Frauen. Knapp ein Drittel ist nebenher erwerbstätig, die Hälfte der pflegenden Angehörigen hat aber kein Einkommen oder eines unter 700 Euro netto. Zwanzig Prozent der pflegenden Angehörigen haben keine Pensionsversicherung.

Mythos: Wir brauchen keine Zuwanderung, MigrantInnen nehmen uns nur Arbeitsplätze weg. Fakt ist: Frauen migrantischer Herkunft sind in geringerem Maße erwerbstätig als im Inland geborene Frauen, sie sind deutlich öfter arbeitslos, verdienen nur rund zwei Drittel des Durchschnittseinkommens von Österreicherinnen und sind mehr als doppelt so oft armutsgefährdet.
Die Zahl der Frauen in Österreich konnte zuletzt nur durch Zuwanderung wachsen. 2009 waren 17 Prozent der weiblichen Bevölkerung ausländischer Herkunft. Sie bekamen deutlich mehr Kinder als Mehrheitsösterreicherinnen. Migrantinnen sind öfter Arbeiterinnen als Österreicherinnen und öfter in atypischen Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Sie verdienen nur 68 Prozent des Bruttojahreseinkommens der in Österreich geborenen Frauen.

Frauenbericht 2010. Bericht betreffend die Situation von Frauen in Österreich im Zeitraum von 1998 bis 2008. Hg. Von Bundesministerium für Frauen. Bestellung: broschuerenversand@bka.gv.at