„Das ist der schönste Sommer meines Lebens“

Die Aufzeichnungen der jungen Ingeborg Bachmann aus Kriegszeiten zeugen von der Kraft der Literatur und der Stärke menschlicher Beziehungen in Tagen größter Hoffnungslosigkeit.
Von Andrea Heinz

Im September 1944 ist Ingeborg Bachmann 18 Jahre alt. Trotz ihres jungen Alters, trotz der Sozialisation in einem autoritären und nationalsozialistischen Österreich ist sie zu klarsichtig, um sich von Krieg und vaterländischer Propaganda täuschen zu lassen. Zu Beginn ihrer nun vom Suhrkamp-Verlag veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen tritt sie in die LehrerInnenbildungsanstalt ein – um nicht „nach Polen” zu müssen „zur Panzerfaustausbildung”. Die eidesstattliche Erklärung, auf das Studium zu verzichten, unterschreibt die junge Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht als zu lernen, nach kurzem Zögern: „Nein, ich bin sicher, in diesem Land werde ich nicht mehr studieren, in diesem Krieg nicht mehr.”

Mit derselben Chuzpe wird sie wenige Monate später, am 15. März 1944, im Garten sitzen und Rilke und Baudelaire lesen, während die Alliierten ihre schwersten Luftangriffe auf Klagenfurt fliegen. „Vielleicht ist es sündhaft, einfach sitzen zu bleiben und in die Sonne zu schauen”, schreibt sie und bleibt doch mit dem „Stundenbuch” und den „Fleurs du Mal” im Garten zurück. Schon damals erkennt sie, was in ihren späteren Romanen fortlaufend wiederkehren wird: die Zerstörung durch den symbolischen „Vater”, durch staatliche und gesellschaftliche Autorität, der Krieg, der im Kleinen beginnt und alles zum Mordschauplatz macht. Sie will sich nicht zerstören lassen. Sie ist zur Desertion bereit, denn sie hat durchschaut, „dass das zum Himmel schreit, was man mit uns treibt. Die Erwachsenen, die Herren ‚Erzieher’ die uns umbringen lassen wollen.” – „Nein, mit den Erwachsenen kann man nicht mehr reden.”

Sechs eng beschriebene DIN-A4-Blätter umfasst das Manuskript aus dem Privatnachlass der Geschwister Bachmann. Vieles weist darauf hin, dass es sich um eine nachträglich redigierte Abschrift des handgeschriebenen Tagebuchs handelt. Im nächsten Absatz des Textes ist der Krieg vorbei. Ingeborg Bachmann lernt im Büro der „Field Security Section” den britischen Soldaten Jack Hamesh kennen. Ein Wiener, 1938 mit einem Kindertransport nach England gelangt. Anfangs findet sie ihn „klein und eher hässlich”. Erst als die beiden auf Bücher, auf ihre Begeisterung für „Thomas [Mann] und Stefan Zweig und Schnitzler und Hofmannsthal” zu sprechen kommen, ist „auf einmal alles ganz anders”. Beide teilen dieselbe Sehnsucht nach Büchern und intellektueller Erfahrung. Ingeborg Bachmann erweist sich darin als sehr konsequent: „Jetzt sind wir mitten in Sozialismus und Kommunismus (und wenn Mutti natürlich Kommunismus hören würde, tät sie ohnmächtig werden!), aber man muss natürlich alles genau kennen und studieren.”

Das Dorf und „die Verwandtschaft” fangen bald an zu reden über ihre Freundschaft mit „dem Juden”. Und wieder reagiert sie mit untrüglichem Unrechtsbewusstsein: „Ich werde mit ihm zehnmal auf und ab durch Vellach und durch Hermagor gehen, und wenn alles Kopf steht, jetzt erst recht.” Sie hat etwas zu verteidigen, denn Jack Hamesh bedeutet für sie Frieden und Zukunft: „Das ist der schönste Sommer meines Lebens, und wenn ich hundert Jahre alt werde – das wird der schönste Frühling und Sommer bleiben.” – „Ich werde studieren, arbeiten, schreiben! Ich lebe ja, ich lebe. O Gott, frei sein und leben, auch ohne Schuhe, ohne Butterbrot, ohne Strümpfe, ohne, ach was, es ist eine herrliche Zeit!”

Jack Hamesh wird Kärnten bald verlassen und nach Israel gehen. Seine Briefe, die im Anschluss an das „Kriegstagebuch” abgedruckt sind, zeugen nicht nur von der großen Nähe zwischen ihm und Ingeborg Bachmann, sondern auch von seiner eigenen großen literarischen und intellektuellen Begabung. Eindringlich beschreibt er das Gefühl der Einsamkeit, das Gefühl, „dass im Jahre 1938 ein Kind allein in der Welt herumirren” muss. Alle Versuche, ihn ausfindig zu machen, blieben vergeblich. Auch die Briefe Ingeborg Bachmanns an ihn sind verschollen. Das Kriegstagebuch und Jack Hameshs Briefe aber bleiben als Zugang zu Ingeborg Bachmanns Werk – und vor allem als ein Manifest des Friedens, der Lebendigkeit und der Liebe zur Literatur in hoffnungs- und sprachlosen Zeiten.

Ingeborg Bachmann: Kriegstagebuch. Mit Briefen von Jack Hamesh an Ingeborg Bachmann.
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Höller, Suhrkamp 2010, 16,30 Euro