Lust in kleinen Dosen

Wessen Sexualität die Antibabypille eigentlich befreit hat, fragt sich Bärbel Mende-Danneberg.

Da saß nun der Herr Pillenerfinder kürzlich im „Club 2” und plauderte über die reife Lust mit fünfzig plus: Carl Djerassi, ein älterer Herr, dem der Ruf nacheilt, mehreren Frauengenerationen den Spaß am Sex beschert zu haben, ist 1939 aus Wien in die USA emigriert und ließ 1951 einen Abkömmling des weiblichen Geschlechtshormons Progesteron als Verhütungsmittel patentieren.

Die heilige Mutter. 1960 kam die erste Antibabypille auf den Markt. Das war meine Reifezeit. Der Pubertät entwachsen, dem Frausein noch nicht ganz zugewachsen, war alles, was mit Sexualität zu tun hatte, ein geheimnisvoller, sagenumwobener Kontinent. Den zu erforschen war gefährlich. Lustvolle Angst. Nicht Geschlechtskrankheiten, sondern Schwangerschaft hieß das Damoklesschwert, das über jedem Bett schwang. Zwar hatte schon Oswald Kolle in den 1960ern die Geheimnisse des Geschlechtlichen ans mediale Licht geholt. „Dein Kind, das unbekannte Wesen” war eines seiner ersten Bücher, das den Eltern (eine lustfeindliche Kriegsgeneration, die sich mit anderen Verdrängungen abmühte) den Glauben an die sexuelle Unschuld ihrer Kinder nahm. Aber „darüber” wurde in den meisten Familien nicht gesprochen. Sexualität war zum Rotwerden. Die Folge war ein Baby-Boom, der mit dem aus der Nazi-Zeit herübergeretteten weiblichen Mutterideal korrespondierte.

„Beheben von Menstruationsstörungen“. Carl Djerassi, der Pillen-Patentierer, kam für mich zu spät. Ich wurde mit 21 (damals ein normales Gebäralter) ungewollt und unverheiratet schwanger. Die gerade in Umlauf gebrachte Antibabypille war im Nachkriegsdeutschland umstritten und kollidierte mit den herrschenden Moralvorstellungen. In einem Rundschreiben vom 25. Juli 1968 an die KatholikInnen vertrat Papst Paul VI. die Meinung, „dass jeder einzelne eheliche Akt (quilibet matrimonii usus) nur dann sittlich gut ist, wenn er für die Weitergabe des Lebens offen bleibt” (und so sieht es der Vatikan ja mehr oder weniger auch heute noch). Der Pharmakonzern Schering führte „die Pille” daher als „Mittel zur Behebung von Menstruationsstörungen” ein. Sie wurde zunächst nur verheirateten Frauen verschrieben, später mit elterlicher Erlaubnis auch den ledigen Töchtern. Und so trat ich den entwürdigenden Canossagang durch Berliner Arztpraxen an, deren Adressen unter der Hand gehandelt wurden. Abtreibung stand damals unter Strafe. Kein Gynäkologe und keine Gynäkologin konnte oder wollte helfen, und der Preis für einen illegalen Eingriff unter fragwürdigen Umständen war sowieso unerschwinglich für mich.

Sexueller Männer-Freibrief. Heute, 45 Jahre später, bin ich sehr froh darüber, denn ich habe zwei wundervolle Töchter und zwei tolle Enkelkinder, die mein Leben sehr bereichern. Damals hätte ich mir aber gewünscht, meine Zukunft selbstbestimmter planen zu können. Und schließlich hatten es auch meine Töchter nicht leicht, in ein ungeplantes Leben zu finden.
Ich gehöre aber zu jenen Frauen, die jahrzehntelang, oft ohne Pause, die Pille geschluckt haben. Diese Hormonhämmer habe ich zum Glück gut vertragen und auch nach der Menopause keine gravierenden Beschwerden gehabt. Was ich nicht vertragen habe, war der sexuelle Freibrief, den sich die lustbetonte, patriarchale 68er-Männerwelt bar jeder Verhütungsverantwortung selbst ausgestellt hat. Das Pillendöschen durfte in keiner weiblichen Handtasche fehlen, und wenn doch: selber schuld.
Ob Herr Carl Djerassi meine sexuelle Lust gesteigert hat? Seine chemische Großtat hat mir zumindest streckenweise die Angst genommen. Die Lust habe ich anders entdecken müssen.

Bärbel Mende-Danneberg lebt als Journalistin und Autorin in Wien.