Pop Evolutions

Vina Yun und Silke Graf durchstöbern die Artenvielfalt.

Pop ’til you drop! 2004 machte Annie aus Bergen, Norwegen Furore und wurde als neuer Stern am Pop-Himmel gefeiert: Ihr Debütalbum „Anniemal“ war fluffiger, intelligenter Dance-Pop, mit einer extra Portion Zuckerguss. Nach langer Wartezeit – in der sich die selbstbewusste Sängerin nach einigem Hickhack von ihrem Major-Label trennte und zu einem Indie wechselte – ist nun endlich der Nachfolger da: Don’t Stop (Smalltown Supersound). Auch wenn sich zwischenzeitlich schon wieder neuere Acts wie La Roux, Little Boots oder Sally Shapiro durch das dance-affine Pop-Feld gepflügt haben – Annie macht vor, wie’s geht: üppige, Electro- und Disco-infizierte Pop-Tunes, vanillesüße Melodien und krosse Beats, nicht zu vergessen die schön schmalzigen Synthie-Balladen. „Do you want more?“, fragt sie im Album-Opener „Hey Annie“ – wer könnte da schon auf einen Nachschlag verzichten?
Kaum ist das Darwin-Jahr vorbei, erscheint uns neuerlich der Geist des englischen Evolutionstheoretikers aus dem 19. Jahrhundert – nämlich in Form der Electro-Oper Tomorrow, in a Year. Letzten September feierte das von der dänischen Performance-Gruppe Hotel Pro Forma inszenierte Werk in Kopenhagen seine Uraufführung. Den Soundtrack lieferte das Geschwisterpaar Olof Dreijer und Karin Dreijer Andersson, besser bekannt als das schwedische Duo
The Knife. In Kürze erscheint der Soundtrack zur Pop-Oper-Noir als Studio-Doppelalbum (auf Mute/EMI). Den Crash-Kurs in Sachen Oper haben die Dreijers jedoch nicht alleine belegt – zusammen mit Mt. Sims und Planningtorock erarbeiteten The Knife die Musikstücke für eine Mezzosopranistin und zwei nicht-klassische männliche Gesangsstimmen. Hier vereinen sich die theatralischen Gesten des Opern-Genres mit dem Knife-typischen düsteren Ambiente sowie naturalistisch anmutenden Libretti, die auf Auszügen aus Darwins Werk „On the Origin of Species“ („Die Entstehung der Arten“) basieren. Die Tierstimmen und Geräusche nahm Olof Dreijer in Island und im Amazonas-Gebiet auf (währenddessen Schwester Karin mit ihrem Solo-Projekt Fever Ray die Herzen der Pop-Fans verschlang). Vorab gibt es den rund 11-minütigen Track „Colouring of Pigeons“ zum freien Download im Netz, im Juni wird die Oper u.a. auch in Deutschland zu sehen sein.
Der Artenreichtum im Dance-Pop kennt keine Grenzen und so kommt es, dass sich zur Linie CSS, Peaches, New Young Pony Club, Telepathe – to name a few – die Highspeed-Variante
Le Corps Mince de Françoise dazugesellt hat. Etwas punkig und gelangweilt huldigen sie kreischend einem lässigen 90er-Jahre Look, während sie sich gleichzeitig ein wenig darüber lustig machen: „I won’t date a guy if he’s still wearing Ray Ban glasses!“ Die drei Finninnen mit dem seltsamen Bandnamen – er bezieht sich auf die verstorbene, magersüchtige Katze von Keyboarderin Malin – steigern sich von Single zu Single, von „Bitch of the Bitches“ über „Ray Ban Glasses“ bis hin zur letzten EP Something Golden, die im Dezember bei Kitsuné erschienen ist. Produziert wird das Trio aus Helsinki vom Kaiku Studio Berlin, mit denen auch Annie bereits zusammengearbeitet hat. Das erste Album „Love and Nature“ soll demnächst erscheinen und wenn die Netzgerüchteküche nicht wild fantasiert, haben Switch und MIA ihre Finger im Wurstkessel. Man kann jedenfalls gespannt der Hype-Maschine beim Rollen zusehen!
Wer weniger synthielastige Disco-Schrillness bevorzugt, sollte sich durch das neue Album von
Paperbird,
Thaumatrope (Seayourecords/Trost), hören. Wie auch bei den beiden Vorgängern („Peninsula“ und „Cryptozoology“) wirkt hier jedes der tausend feinen Details in Ruhe durchdacht, abgewogen und wird an dieser Stelle für gut befunden. Und das vielleicht noch etwas mehr als zuvor. Im Gegensatz zu Le Corps Mince de Françoise geht Anna Kohlweis aka Paperbird nicht den lauten „big way“ (Produzenten in Berlin, Aufnahmen in London, Label in Paris), sondern den leisen Weg einer jungen Künstlerin, die sich auf lokale Netzwerke rund um Seayou Records und Fettkakao verlassen kann. Chöre aus befreundeten Stimmen (Frau Herz, Crazy Bitch In A Cave, Brooke’s Bedroom, Sir Tralala usw.) stützen die dramatischen Songinhalte in bester griechischer Tradition. Dabei ist wieder alles selbst im eigenen Wohnzimmer aufgenommen und gemalt worden. Internationale Aufmerksamkeit hätte Paperbird aber gerade deshalb umso mehr verdient.

www.myspace.com/anniemusic
www.myspace.com/lecorpsmincedefrancoise
www.theknife.net
www.paperbirdmusic.com