Storytelling

Von Nathan bis Axolotl: Regina Himmelbauer hört sich durch die neueste Literatur.

Hörbücher haben sich in den letzten Jahren einen wichtigen Platz am Audiomarkt erobert. Die Gründe seien dahingestellt – Lesefaulheit? Oder eine Folge des Siegeszugs von iPod & Co.? Sei’s drum: Dieses Mal werden an dieser Stelle einige interessante aktuelle Lesungen vorgestellt.
Mirjam Pressler zählt zu Recht zu den bekanntesten Jugendbuch-Autorinnen. Der mehrfach ausgezeichnete Roman Nathan und seine Kinder erzählt die berühmte Parabel von Gotthold Ephraim Lessing nach, in der dem jüdischen Kaufmann Nathan vom Sultan eine heikle Frage gestellt wird: Welche Religion ist die einzig wahre? Aus verschiedenen Perspektiven entwickelt sich die Geschichte aus dem umkämpften Jerusalem des 12. Jahrhunderts, jedoch mit kleinen Abweichungen zu Lessings Theaterstück: Nathan stirbt, zurück bleiben die Kinder. In der Audiofassung (Goya libre) lesen unterschiedliche SprecherInnen die den verschiedenen Personen zugeordneten Kapitel.
Ganz andere Themen berührt die österreichische Autorin Gabi Kreslehner, die in Charlottes Traum (HörCompany) die Geschichte von Verlust und Liebe erzählt: Scheidung der Eltern, erste zarte Liebesbande, der Umgang mit starken Gefühlen – die Autorin, die hier auch selbst mit mädchenhafter Stimme liest, schildert aus der Sicht eines 15-jährigen Mädchens den verwirrenden Prozess des Erwachsenwerdens.
Zwanzig Jahre älter – und dann stellt sich die Frage: War’s das? Mann, Familie, beruflicher Erfolg? Was ist aus den Träumen von damals geworden, was bedeutet Glück, was Leben? Annika Reich stellt vier Frauen, die hinter einer anscheinend zufriedenen Fassade ihren eigenen Weg zum Glück suchen, in den Mittelpunkt ihres Romans Durch den Wind (Der Hörverlag). Lavinia Wilson erzählt die keineswegs larmoyant ausgebreitete Geschichte in vertraulichem Ton und subtil wechselndem Tempo.
In Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß (HörbucHHamburg) berichtet Hiromi Kawakami (engagiert vorgetragen von Fritzi Haberlandt) auf diffizile Weise die langsame Annäherung einer knapp 40-jährigen Frau an ihren ehemaligen, nunmehr alten Lehrer. Es wird viel gegessen und Reiswein getrunken – dabei muss die Ich-Erzählerin aber erfahren, dass frau auch mit Ende Dreißig noch nicht erwachsen sein muss … Die Geschlechter-Hierarchien bleiben aufrecht – und können die sich entwickelnden Gefühle tatsächlich als Liebe beschrieben werden?
Ein fabelhafter Lügner (Goya Lit) von Susann Pástor schildert eine Familienzusammenkunft, die mal makaber, mal humorvoll-skurril die Geschichten einer Sippschaft zusammenträgt, die vor allem vom Großvater in die Welt gesetzt wurden. Obwohl schon längst verstorben, ist er noch immer präsent – immerhin hatte er fünf Kinder mit fünf verschiedenen Frauen, denen er auch verschiedene Versionen seines Lebens hinterließ. Gelesen wird diese spannende Familienbegegnung, die aus der Perspektive der 17 Jahre alten Enkelin geschildert wird, von Katja Danowski.
Einen packenden Thriller hat Gillian Flynn mit Finstere Orte (Der Hörverlag) verfasst. Die Zeugenaussage eines 7-jährigen Mädchens bringt ihren Bruder lebenslänglich für den Mord an der restlichen Familie hinter Gitter. 24 Jahre später kommen jedoch Zweifel auf – eine schwierige Suche nach der Wahrheit beginnt, an deren Ende jedoch keine einfache Beurteilung von Schuld steht. Anna Thalbach und Adam Nümm lesen diesen verschlungenen Krimi, in dem Gegenwart und Vergangenheit dicht verzahnt sind.
Ein Axolotl ist ein im Wasser lebender Schwanzlurch, der nie über das Larvenstadium hinaus tritt. Der Roman Axolotl Roadkill (HörbucHHamburg) der 18-jährigen Helene Hegemann hat in den letzten Wochen für große Aufregung gesorgt – Copy & Paste ohne Quellenangabe ist nicht nur in der Wissenschaft im Zeitalter des Internets ein heftig diskutiertes Phänomen geworden. Gleichzeitig mit dem Buch ist bereits die (gekürzte) Audio-Version erschienen. Ob die sich im ständigen Rauscherleben befindende Ich-Erzählerin als auch die Autorin die nächste Entwicklungsstufe erreichen werden, lässt sich angesichts all der Irrungen und Wirrungen schwer abschätzen. Birgit Minichmayrs großartige, raue Stimme hält jedenfalls hetzend Schritt mit den Gedankenfetzen der jungen Newcomer-Autorin.