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Let’s do it together |
an.schläge: Inwiefern spielen deine Kollektionen mit herkömmlichen Geschlechterkonstruktionen? Stephanie Müller: Die normierte Ware in den Ladenregalen rangiert innerhalb eines eng abgesteckten Spektrums – sei es die begrenzte Auswahl an Kleidergrößen, die Fokussierung auf ein bestimmtes Alterssegment oder die dichotome Einteilung in Mode für Männer oder Frauen. Mir macht es Spaß, mit diesen Schranken zu spielen und sie aufzubrechen. Eindeutig weiblich oder männlich Konnotiertes entnehme ich seinem ursprünglichen Kontext und setzte es in einen völlig neuen Deutungsraum. Ein Beispiel dafür sind Baustaubschutzhandschuhe für den Straßenbau, die, einmal eingefärbt, zum flauschig weichen Saum einer verspielten Kleidercollage werden. Daneben experimentiere ich auch mit Silhouetten und Formen, die sich keiner Geschlechterkategorie eindeutig zuordnen lassen. So werden Kleidungsstücke auch mal zu beweglichen Wohnräumen, die per Kapuzen-, Taschen- oder Schürzenmodul ständig transformiert werden können. Momentan arbeite ich an einem tragbaren Bild aus Leinwandfragmenten, bei dem ich männlich und weiblich konnotierte Körperformen und Schnittmuster so weit überhöhe und collagiere, bis am Ende ein rizhomartiges Pilzgewächs bleibt, dessen Geschlecht nicht mehr definierbar ist. Verfolgst du damit ein bestimmtes Ziel? Ich möchte mit meinen Geschlechterdekonstruktionen Lust auf einen permanenten Perspektivenwechsel machen und Bewusstsein für Körperformen und Geschlechterbilder jenseits der Norm schaffen. Aus diesem Grund verzichte ich in meinen Kleidungsstücken auch auf Größenlabels. Die Orientierung an vorgegebenen Normen und die Identifikation mit bestimmten Größen nach dem Motto „Ich bin S“ oder „Ich bin eher L“ funktioniert hier nicht mehr, man ist eingeladen reinzuschlüpfen und einfach auszuprobieren. Ich überlege mir auch immer wieder größenlose Kleidungsstücke, etwa einen Rock aus einer ausrangierten Judohose mit einem Saum aus einem kaputten Regenschirm. Dadurch, dass sich der Bund beliebig verbreitern oder verschmälern lässt, passt der Rock so gut wie allen. Welche Bedeutung hat der D.I.Y-Aspekt für deine Mode? Wenn ich an D.I.Y. denke, fallen mir verschiedene Ansätze ein. Zum einen die Heimwerker- und Hausfrauen-Bastelphilosophie, die poppig aufgemachte D.I.Y.-Ratgeber seit geraumer Zeit für sich entdeckt haben. Hier gibt es D.I.Y. nach Anleitung – Schnittmuster für das trendige Outfit oder Bauanleitungen für den extravaganten Schrank sollen die Lust am Selbermachen wecken. Aktiv werden die KonsumentInnen hier nur innerhalb festgesteckter Muster. Diese Herangehensweise ist dann meist gar nicht politisch orientiert. Im Vordergrund steht neben der Freude am Selbermachen vor allem die Sparfuchs-Mentalität. Wie gehen deiner Meinung nach D.I.Y. und Fashion Design zusammen? Für mich ist es wichtig, dass Projekte, egal welcher Art, zu einem offenen Experimentierfeld werden – sowohl für mich, als auch für mein Publikum. Ich möchte Lust darauf machen, sich einfach mal zu trauen, auch wenn man keine „richtige“ Ausbildung gemacht oder vorher etwas noch nie selbst ausprobiert hat. Schnitte zu zeichnen oder perfekte Nähte zu setzen habe ich nie gelernt. Ich habe es einfach ausprobiert und dabei wahrscheinlich gegen so ziemlich alles verstoßen, was eine solide Schneiderlehre oder Designausbildung nahelegen würde. Ich sehe in meiner nicht vorhandenen Ausbildung im Modebereich aber keinen Nachteil, ganz im Gegenteil: Bei mir steht nicht lehrbuchgetreues Handwerk im Vordergrund, sondern die Idee. Natürlich stoße ich dadurch vor allem abseits der eigenen Subkultur auf Erklärungsbedarf. Doch sich in Bereiche vorzuwagen, in denen man sich normalerweise nicht so sicher fühlt – und dazu zählt für mich auch der sogenannte Mainstream –, ist ja gerade das Spannende und eine zentrale Idee von D.I.Y. Für mich ist es wichtig, auch abseits des Preaching-to-the-Converted zu agieren und mich aus der eigenen subkulturellen Gemütlichkeit auch mal hinauszuwagen, um Bewegung in mein Denken und Schaffen hineinzubringen. Stephanie Müller aka rag*treasure verwandelt eingefärbte Bandagen, geplatzte Fahrradschläuche und Stoffraritäten aus dem Altkleiderfriedhof in preisgekrönte Textilunikate (Baltic Fashion Award 2005) und pendelt zwischen Mini-Nähzelle, Nähaktionen, Workshops und Proberaum. |