Definitiv feministisch

Roberta Lima lässt sich in ihren Performances Kleidung an die Haut nähen oder mit Fleischerhaken an den Knien aufhängen. Ab September ist der Body-Performerin in Österreich erstmals eine Einzelausstellung gewidmet. Ein Interview von Fiona Sarah Schmidt und Claire Benedikt.

an.schläge: Sie kommen gerade von einem Stipendienaufenthalt in Peking, pendeln zwischen Wien und Dublin, ursprünglich stammen Sie aus Brasilien. Wie haben all diese unterschiedlichen Länder Ihre Arbeiten geprägt?

Roberta Lima: Ich arbeitete gerade an unterschiedlichen Performances und begann mit dem Publikum als integrativem Element meiner Arbeit zu experimentieren, als ich Ähnlichkeiten zwischen der chinesischen Performancekunst und meinen Erfahrungen als Künstlerin und Individuum entdeckte. Zum Beispiel sind sowohl China als auch Brasilien Länder, in denen Körperkontrolle eine große Rolle spielt. Zwar auf unterschiedliche Weise, aber ich habe gemerkt, dass chinesische Performancekünstler_innen und ich Möglichkeiten suchen, Körperkunst zu rekontextualisieren, zu thematisieren, Diskussionen anzustoßen und nach Möglichkeiten der Befreiung zu suchen.

Haben Sie einen Einblick in das Schaffen chinesischer Künstler_innen bekommen? Wie waren Ihre Erfahrungen mit der chinesischen Zensur?

Die meisten chinesischen Künstler_innen leugnen jegliche politische Intention. Aber von der Begegnung mit Sheng Qi war ich sehr positiv überrascht: Er beschäftigt sich mit unterschiedlichen Aspekten von Öffentlichkeit und erzählte mir von den Schwierigkeiten, politische Kunst in China offen zu zeigen. Ich traf ihn ein zweites Mal bei der Eröffnung seiner Ausstellung in der Galerie F2 in Peking, wo er eine Reihe seiner Bilder ausstellte. Zwei davon thematisierten Gewaltakte gegen chinesische Frauen. Einen Monat später trafen wir uns wieder und er erzählte mir, dass die Hälfte der ausgestellten Arbeiten von der Polizei entfernt und er zu Hause verhört worden war. Ich durfte eine 45-jährige Frau interviewen, die früher für die chinesische Regierung arbeitete und heute einen systemkritischen Blog betreibt. Als ich sie nach der Anzahl der weiblichen chinesischen Aktivistinnen fragte, meinte sie, es gäbe so gut wie keine.

Du hast auch oft mit anderen Künstler_innen kooperiert …

Ich begann schon während meines Studiums, mit anderen Künstler_innen zusammenzuarbeiten, zweimal mit der österreichischen Künstlerin Anja Manfredi. Kurz bevor ich nach China ging, lud mich Dorit Magreiter ein, am Raum, den sie für die 11. Biennale in Kairo entworfen hatte, mitzuwirken.(1)
Die Zusammenarbeit mit Dorit stellte sich als sehr bereichernd heraus, nicht nur weil wir Gemeinsamkeiten in unseren Arbeiten fanden, sondern auch in Bezug auf Fragen der räumlichen Gestaltung, mit denen ich mich im Rahmen meiner Dissertation eingehend beschäftige.
Während meines Aufenthalts in Peking traf ich Kate Royle, die auch eine „residency“ hatte. Wir beide konnten wegen unserer verschieden Hintergründen voneinander profitieren, Ideen austauschen – und wie in jeder Beziehung Konflikte austragen.
In meinem Studio arbeitete ich mit dem irischen Choreografen Fearghus O'Conchuir und machte zum ersten Mal Bekanntschaft mit zeitgenössischem Tanz. Diese Zusammenarbeit war großartig! Ich wusste nicht, dass auch ich tanzen kann. Wir haben vor, ein gemeinsames Projekt in Irland zu realisieren.

Was ist der Unterschied zwischen der klassischen Performance und einer Live-Videoinstallation mit einer Kamera als Filter?

Ich habe niemals klassische Bühnenperformances gemacht. Aber ich habe den Unterschied zwischen Live- und Studioperformance erforscht. Dieser Themenkomplex ist einer der Schwerpunkte meiner Doktorarbeit und der Hauptgrund, warum ich die Tore meines Studios geöffnet habe. Ich begann mit dem, was ich „Live-Videoinstallationen“ nenne, zu experimentieren. Die Performances geschahen teilweise oder komplett vor Publikum, ich habe sie immer mit Videoprojektionen kombiniert. In diesen Installationen verwendete ich Video, wie Sie sagen, als „Filter“, oder mehr noch als „Schutz“ und „architektonische Lösung“ – als Überleitung zwischen „ganz und nicht ganz vor Publikum erscheinen“.

Wer war das Subjekt, wer das Objekt?

Genau das war meine Frage! Würde irgendwer in meine Arbeit eingreifen? Würde irgendjemand versuchen, näher zu kommen, vor der Kamera herumlaufen? Ich fand heraus, dass Menschen konditioniert sind, sich auf gewisse Art und Weise beim Besuch einer Performance zu verhalten. Sie betreten gewöhnlich den Raum und stellen sich in Richtung der Bühne auf (oder in Richtung dessen, was sie für die Bühne halten) und bleiben auf Distanz. Am Ende wissen sie nie, wann und ob sie klatschen sollen. Meine Videoinstallationen spielten damit: Es gab eine Bühne, aber ich war nicht dort, und als die Leute das feststellten, drehten sie sich zur Leinwand. Am Ende wurden die Videos geloopt. Somit gab es kein Ende und deshalb keinen Applaus. In „das weisse haus“ begann ich mit Überwachungskameras zu experimentieren. Bei der Biennale führte ich dieses Experiment weiter, und in Kairo performte ich am Tag vor der Eröffnung. Das Publikum setzte sich aus der internationalen Jury, unserem Team und der Presse zusammen. Sie konnten sich frei bewegen und vor der Kamera herumlaufen. Alles und jeder in diesem Raum war am Schaffensprozess dieser Arbeit mitbeteiligt.

Sehen Sie sich in einer Traditionslinie mit feministischen Künstlerinnen wie Elke Krystufek, VALIE EXPORT und Marina Abramovic, die ihren Körper als Medium benutzen?

Nein, ich bin eine Person, die viel zu sagen hat und sich einen kritischen Dialog wünscht. Ich habe in der Kunst und besonders mit Performances eine Möglichkeit gefunden, schnell Debatten loszutreten und mit Leuten zu kommunizieren. Diese Künstlerinnen waren sicherlich eine wichtige Referenz für mich, besonders in meinen frühen Arbeiten, weil der Körper ja mein wichtigstes Thema war. Aber über die Jahre begann ich die unterschiedlichen Ebenen meiner Arbeit zu erkennen: Als ausgebildete Architektin interessiere ich mich für den Raum als Subjekt. Als brasilianische Frau wurde ich in einer bigotten, konservativen und männlich dominierten Gesellschaft geboren, in der der Körper als frei dargestellt wird, in Wirklichkeit aber starker Kontrolle ausgesetzt ist. Aus diesen Gründen sehe ich die Notwendigkeit, Biopolitik zu thematisieren.

Sie veröffentlichen auch theoretische Texte. Ist die Arbeit am eigenen, weiblichen Körper nur die konsequente Umsetzung feministischer Kritik?

Es ist immer schwer zu sagen, was Ursache und was Konsequenz ist. Ich denke, dass Theorie und Praxis in meiner Arbeit miteinander verschränkt sind und sich gegenseitig unterstützen.
Ich halte meine Arbeiten definitiv für feministisch. Ich muss aber sagen, dass ich erst im Laufe meiner künstlerischen Entwicklung mit Gendertheorie in Berührung kam und mir dadurch meiner Position als Feministin bewusst wurde.
Mein Kontakt mit feministischer Theorie und Gendertheorie ergab sich, als ich mein Kunststudium in Europa begann. In einem Interview mit ARTE habe ich mal gesagt: „Als ich noch in Brasilien lebte, fühlte ich mich als Freak. Als ich nach Europa kam, erkannte ich, dass ich eigentlich eine Feministin war.“ Eines meiner Ziele ist, wieder in Brasilien arbeiten zu können. Gerade komme ich von einem Besuch in Brasilien und las dort Zeitungsartikel über die Krise des brasilianischen Feminismus. Da zur Zeit die Mode- und Schönheitsindustrie die Hauptzielscheiben der brasilianischen Feminist_innen sind, überlegte ich mir schon, dass die Chance dort etwas zu machen, günstig ist.

Und funktioniert die Trennung von Individuum und dem „Material“ Körper?

Ich sehe meinen Körper nicht als „Material“, sondern als Raum, als Oberfläche: für Interventionen, Aneignungen, Kreationen, Diskurs. Es soll keine Trennung zwischen mir als Individuum und meiner Kunst gemacht werden. Wer wir sind, als Künstler_innen, Individuen, Menschen, beeinflusst, was wir tun und auch den Raum, den wir bewohnen.

In Ihren Performances spielt Schmerz eine große Rolle – muss der Körper der Kunst untertan gemacht werden?

Ich habe in Interviews gesagt, dass niemand Tänzer_innen oder Athlet_innen fragt, ob sie während ihres Tuns Schmerzen hätten. In diesem Kontext sind Menschen nicht mehr Individuen, sondern Material, Maschinen: So lange sie liefern, was man von ihnen erwartet, ist alles in Ordnung. Da muss schon jemand vor Publikum bluten, damit die Zuseher_innen die Verbindung von Körper und Schmerz wahrnehmen. Ich nehme meine Arbeit sehr ernst, weil ich damit meine Meinung ausdrücke. Ich weigere mich, mich als Opfer zu sehen. Ich habe immer getan, was ich wollte: Mein Körper gehört mir und niemandem sonst. Ich habe meinen Körper nie als vom Kunstwerk oder etwas anderem unterdrückt gesehen. Ich wehre mich mit meiner Arbeit gegen institutionelle Diktate. Ich werde Diktate nie akzeptieren: weder soziale noch künstlerische.

Welche Projekte sind in Planung und was wird bei Ihrer Einzelausstellung in Tirol zu sehen sein?

Nach der intensiven Beschäftigung mit meinem Körper interessiere ich mich nun für andere Dinge, andere Körper, andere Sprachen. Ich plane, das Projekt „Please Help Yourself“, das ich in Kairo begonnen habe, weiterzuführen. Dafür beschäftige ich mich mit der Arbeit einer sehr wichtigen brasilianischen Künstlerin, Schriftstellerin und politischen Aktivistin: Patricia Galvao. Daneben möchte ich die in China begonnenen Video-Experimente „the search of the absence of the body“ fortführen.
Die Ausstellung in Tirol trägt den Titel „From transgression to transcription“, das war auch der Titel eines Artikels, den ich für das Internet-Magazin „Corpus“ verfasst habe. Ich möchte den Weg von einer Videoperformance zu einer Live-Video-Installationen sichtbar machen. Ich hoffe auch, dass ich dort meine Arbeiten aus China zeigen kann, aber dazu müsste ich den Titel ändern: „From transgression to transcription on the way to transcendence" (lacht).

(1) Zur Dokumentation dieser Zusammenarbeit siehe „Margreiter/Lima: synchronicity“, erschienen bei Walther König.

Roberta Lima, „From transgression to transcription“: Die Stadtgalerie Schwaz zeigt vom 12. September bis 26. Oktober die erste umfassende Einzelausstellung der Künstlerin Roberta Lima (geb. 1974 in Manaus, Brasilien; lebt in Österreich und Irland).
www.robertalima.com
www.stadtgalerieschwaz.at