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Freundin J. will ein Buch kaufen. „Schwarzbuch Frauen, Weißbuch Männer“ heißt das Buch und besitzt durchaus das, was man intellektuellen Content nennt. Freundin J. ging also in eine Buchhandlung. Die Buchhandlung ist nach einer Frau benannt, genauer nach einer griechischen Muse. Die MitarbeiterInnen sind aber, zumindest was das Einordnen der Bücher betrifft, offenbar nicht von der Muse geküsst. Freundin J. nämlich findet sich plötzlich vor dem Regal „Frauenliteratur“ wieder. Gleich links von der „Lebenshilfe“. Es ist ihr ein wenig peinlich, sie ist umgeben von bonbonfarbenen Taschenbüchern mit gekrakelten Comic-High-Heels darauf – aber sie steht richtig dort. Was, mag sich die geneigte Leserin nun fragen, darf man sich bitteschön unter „Frauenliteratur“ vorstellen? Und was hat dort ein Buch zu suchen, das als „Bestes Wissenschaftsbuch des Jahres 2008“ ausgezeichnet wurde? Freundin J. entdeckt daneben jedenfalls „Das Handbuch für die gute Ehefrau“ und erfährt, „Warum Schwule mehr Stil haben“. Die „Vagina Monologe“ sind auch „Frauenliteratur“. Alice Schwarzer dagegen: keine Frauenliteratur. Sie gehört zur „Philosophie“, wenn auch nur als „philosophische Strömung“. Schwarzer beschäftigt sich nämlich offenbar seit neuestem mit „Gender“. Weiter zur nächsten Buchhandlung. Dort ordnet man „Frauen“ kurzerhand in der Kategorie „Lebenshilfe und Psychologie“ ein. Immerhin, „Esoterik“ gehört nicht dazu, das steht gegenüber. Und Alice Schwarzer gehört hier sehr wohl zu den „Frauen“. Daneben wird geraten, „wild und unersättlich zu lieben“ und davor gewarnt, „zu sehr zu lieben“.
Warum die Männerliteratur entweder gar kein Label oder nur ein winzig kleines bekommt, ist leicht zu erklären: Der ganze restliche Laden ist „Männerliteratur“. Oder, wie Freundin S. berichtete: In der Bibliothek ihrer Universität gibt es eine Tür, auf der „Frauen“ steht. Dahinter: vermutlich „Frauenliteratur“. Auf den Rest der Türen könnte man „Männer“ schreiben. Steht aber nicht drauf. Man schreibt ja schließlich auch nicht „Bücher“ hin.
Die Kategorien, in die wir Dinge einteilen, geben die Kategorien vor, in denen wir denken. Bücher wiederum bilden die Welt, in der wir leben, ab. Jedes davon einen kleinen Teil. Und die Summe der geschriebenen Worte ist auf eine gewisse Weise tatsächlich ein Abbild unserer Welt. „Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit“, das hat schon Wittgenstein gewusst. Und Bücher bestehen aus Sätzen, bestehen aus Wirklichkeit. Sie zu kategorisieren heißt folglich, die Wirklichkeit zu kategorisieren. Und sie zu hierarchisieren. Kleine Regale mit kleinen „Frauenliteratur“-Schildchen darauf heißen dann etwa folgendes: „Frauen“ sind eine Unterkategorie. Ähnlich wie „Kinder“, „fremdsprachige Bücher“ oder „Reisen“. (Die Oberkategorie lautet vermutlich „Mensch“ – oder einfach „Mann“.) Es braucht nicht besonders viel Platz für die Unterkategorie „Frauen“. (War es nicht so, dass Bücher zwar von mehr Männern geschrieben, aber von mehr Frauen gekauft werden?) Frauen lesen Bücher, die für Frauen sind. Und deshalb ist ein Frauenbuch wie das andere – sei es nun das bereits erwähnte wissenschaftliche Buch des Jahres oder „Warum Frauen ohne Männer leben können, aber nicht ohne Handtasche“. Das Schildchen „Feministische Literatur“ gibt es nicht. Sprich: Feministische Literatur gibt es nicht. Soll es nicht geben. Nicht als Kategorie im Buchladen, nicht in der Wahrnehmung, nicht im Denken. Nicht „wirklich“. So läuft das. (Wer es nachlesen möchte, steht alles im Regal („Männer“)-„Philosophie“-„Sprachphilosophie“/„Erkenntnistheorie“.)
Ähnliches Wirklichkeits-Tuning betrieb auch der US-amerikanische Online-Buchshop Amazon. Mehr als 50.000 Bücher, davon auffällig viele Titel, die unter der Bezeichung „homosexuell“ liefen, waren plötzlich unauffindbar. Laut Amazon ein „peinlicher Fehler“. Dann wieder „Jugendschutz“. (Bret Easton Ellis’ „American Psycho“ kann man demnach bedenkenlos der Nichte zur Firmung schenken.) Andere nannten das Vorgehen schlicht „heteronorme Zensur“. Nach massiven Protesten schwul-lesbischer AutorInnen wurde der „Fehler“ behoben. Was bleibt, ist ein schlechter Nachgeschmack: Die Zeiten, in denen Bücher auf schwarzen Listen standen, verboten, eingestampft oder gar verbrannt wurden, mögen vorbei sein. Doch mit ein paar Handgriffen beziehungsweise Mausklicks können Bücher „unsichtbar“ gemacht werden. Sie können wertlos gemacht werden, und das nicht im materiellen Sinne. Mit diesen Büchern werden Menschen, werden Lebensweisen, werden Denkarten unsichtbar und wertlos gemacht. Zensur braucht keine schwarzen Listen. Sie braucht nur die Definitionsmacht. |