So klugscheißen wie Bernhard

Der Schriftstellerin Barbi Markovic ist mit ihrem Roman „Ausgehen“ ein vielbeachtetes Debüt gelungen. Leben kann sie vom Schreiben allerdings nicht. Ein Interview von Fiona Sara Schmidt.

an.schläge: Der Roman „Ausgehen“ ist eine Interpretation von Thomas Bernhards „Gehen“. Aufbau und Struktur sind an die Litanei der älteren Herren angelehnt, Ort der Handlung ist allerdings Belgrad bei Nacht. Wie ergab sich die Auseinandersetzung mit Bernhards Erzählung?

Barbi Markovic: Bernhard habe ich mit 16 oder 17 zum ersten Mal gelesen und sehr gemocht. Später habe ich in Wien ein Seminar besucht, in dem „Gehen“ bearbeitet wurde, aber ich konnte damals noch nicht so gut Deutsch. Ich habe das Buch dann aber trotzdem nach Hause mitgenommen und irgendwann einfach begonnen, etwas damit zu machen. Es war ein Zusammenspiel von Zufall und Zuneigung Bernhard gegenüber, aber keine bewusste Entscheidung.
Ich war zu dem Zeitpunkt ein richtiger Fan und habe einfach als Übung versucht, „Gehen“ ins Serbische zu übersetzen. Das hat nicht so gut geklappt, aber ich habe mir gedacht: Vielleicht kann ich damit spielen. Ich habe gemerkt, dass ich Dinge verändern, aber Bernhards Sprache trotzdem beibehalten kann. Erst dann habe ich mir vorgenommen, ein Buch daraus zu machen. Zuerst habe ich wirklich ohne Ziel experimentiert, und ich wollte es auch nicht veröffentlichen, weil es unmöglich schien und sich das Projekt zudem an der Grenze der Legalität bewegt hat. Ich habe es nur meinen Kolleg_innen aus dem Rende-Verlag in Belgrad gezeigt, wo ich als Lektorin arbeitete. Die wollten es dann unbedingt veröffentlichen.

Wie hat dann der Boomerang-Effekt mit der Übersetzung, die im Frühjahr erschienen ist, zurück in den renommierten Bernhard-Verlag Suhrkamp funktioniert?

Suhrkamp hat das Buch am Anfang fast verboten. Sie haben gesagt, es sei ein Grenzfall und ich solle solche Sachen lieber nicht machen, keine Übersetzungen – schließlich wussten sie damals noch nicht, was ich eigentlich gemacht habe. Ich habe das Buch trotzdem in Wien übersetzen lassen, weil ich die Übersetzerin Mascha Dabic kennengelernt hatte. Sie war bereit, das Risiko einzugehen, ohne dass wir wussten, ob es jemals veröffentlicht werden kann. Dann lernte ich eines Tages zufällig Fritz Ostermayer von FM4 kennen, der den Kontakt zu Suhrkamp herstellte.

Warum halten die coolen, abgeklärten Großstädterinnen im Roman „Ausgehen“ ihren hedonistischen Lebensstil nicht mehr aus?

Das war diese typische Belgrad-Situation um 2000. Belgrad hat zwar mehr Einwohner_innen als Wien, ist aber, was die Kulturszene betrifft, kleiner. Zu der Zeit konnte wegen der fürchterlichen Außenpolitik des Landes niemand reisen, niemand kam neu hinzu. Die Kultur- und Partyszene hat sich nur im Kreis gedreht, jeden Tag dieselben Leute. Das war schon krank: Eine kleine Insel in einer ziemlich depressiven Stadt. Quasi Spaß, aber es war eigentlich nicht so. Wir waren relativ eingesperrt.

Wie beurteilst du die Rolle von Frauen innerhalb der Clubszene?

Es sind wahrscheinlich weniger, ich habe noch nie darüber nachgedacht.

Aber du schreibst doch über Frauen?

Ja, aber ich habe es nicht programmatisch gemeint. Der Kontrast hat mir Spaß gemacht: Dass es plötzlich drei Mädchen sind, die auch so klugscheißen wie Bernhard, da gab es Reibung. Typische männliche Eigenschaften, die plötzlich ein Mädchen für sich beansprucht, das hat mir gefallen. Wenn eine Frau die Rolle des Kritikers, des Beobachters einnimmt, mit einer männlichen Stimme. Aber vielleicht ist das Clubbing weniger männerdominiert als die Universitäten …

Clubbing ist ein Phänomen der Großstädte, neuerdings wird auch vom „Easyjetset“ gesprochen. Trifft das auf die Metropolen des Balkans genauso zu wie auf Berlin oder New York?

Ich finde schon, dass es nicht sonderlich anders ist, aber es hängt viel von den anderen Möglichkeiten in der Stadt ab. Es funktioniert aber nach den gleichen Prinzipien, Coolness und so weiter. Das ist global.

Ist Literatur mittlerweile auch so globalisiert?

Nicht unbedingt. Ich habe mich gefreut, dass im Klappentext steht: „Die deutschsprachige Popliteratur kommt aus Belgrad.“ Ich fand es gut, dass ich nicht in diese Balkan-Ecke gedrängt werde. Das hätte mich gestört, denn es kann schon passieren, dass man auf die Ausländerschiene gerät, wenn man in einer anderen Sprache schreibt.

Das Buch ist gespickt mit Dateinamen der Lieder aus digitalen Musiksammlungen. Verdeutlicht das den postmodernen Umgang mit Musik?

Ein bisschen, obwohl ja der eigentliche Bezug zur Musik darin besteht, dass ich einen Remix machen wollte. Eine alte Melodie in einem neuen Lied klingen lassen. Das mit den Dateinamen war eher spontan, ein paar Musikpausen. Keine Best-of-Listen, sondern alles mögliche durcheinander.

Das Buch ist ja schon 2005 geschrieben worden. Wie ist es, immer noch ständig damit konfrontiert zu werden?

Es ist ziemlich komisch. Vor allem, weil ich seitdem nicht wirklich etwas geschrieben habe und das Land und die Sprache gewechselt habe. Es fiel mir relativ schwer, mich wieder in die Person, die das geschrieben hat, einzufühlen. Aber trotzdem gefällt mir das Projekt noch immer, deswegen kann ich noch darüber reden, ich finde auch die theoretische Auseinandersetzung damit nach wie vor spannend.

Bei Schriftstellerinnen fixiert sich die Kritik oft auf das Autobiografische, im Sinne von „Frauen schreiben zur Selbstreflexion“. Werden gerade junge Frauen häufig mit ihrer Biografie konfrontiert?

Gilt das nicht für alle Autor_innen? „Wie sehr sind Sie der, der im Buch vorkommt?“ und so weiter. Wahrscheinlich gibt es bei mir wegen Bernhards Sprache und der dramatischen Struktur eine Distanz. Ich habe zwar schon auf meine Erfahrungen zurückgegriffen, aber es ist klar, dass es nicht autobiografisch ist. Ich habe wirklich gar nicht bemerkt, dass man als Autorin anders wahrgenommen würde. Das hängt sicher auch von der Persönlichkeit ab. Du kannst dieser ganz selbstsichere, offene Typ von Autor_in sein, oder eher schüchtern wie ich. Das hat nichts damit zu tun, ob man eine Frau ist. Oder doch? Ich weiß es nicht. Aber ich habe wirklich von Anfang an keinen Unterschied bemerkt.

Ist es heute noch möglich, vom Schreiben zu leben?

Vielleicht können das diese anderen, weniger Schüchternen (lacht). Ich kann das nicht, nein. Nur Bücher zu veröffentlichen und zu verkaufen, ist wirklich schwierig. Mit Lesungen kann man schon etwas verdienen. Aber so ein glückliches, reiches Leben wird das wahrscheinlich nicht – außer man ist ein Handke. Es gibt bei allen Künsten immer ein paar pro Generation, die davon leben können.

Möchtest du nach dem Studium wieder als Lektorin arbeiten?

Hätte ich gerne, aber ich habe jetzt in jedem Land den Faden verloren. Hier kann ich nicht gut genug Deutsch für eine solche Arbeit. In Serbien habe ich nach vier Jahren Abwesenheit keine Kontakte mehr. Ich weiß auch noch nicht, wo ich leben werde, und bin total ratlos. Aber ich habe noch ein Jahr Zeit zu überlegen. Hier habe ich die klassischen Immigrant_innen-Probleme, etwa mit der Arbeitserlaubnis. Ohne Beruf – also nur mit Germanistikstudium – kann man es vergessen. Aber mal sehen, vielleicht passiert ein Wunder.

Worum geht es in deiner Diplomarbeit?

Zitate in der digitalen Literatur. Eigentlich ist es wie mit meinem Buch, nur dass die Manipulation vom Computerprogramm durchgeführt wird, Kafkas Erzählung wird etwa durch ein Programm zu einem anderen Text. Das Verhalten einer Gesellschaft gegenüber Traditionen und fremden Texten sagt viel über eine Kultur aus.

Kommen die Dinge eher zu dir, als dass du konkrete Pläne fasst?

Ich hoffe, ich werde eines Tages wieder etwas machen, womit ich zufrieden bin. Bis jetzt habe ich nur im Stress Geschichten geschrieben, Auftragsarbeiten. Nach der Diplomarbeit werde ich mir ein paar Monate Zeit nehmen – ob etwas daraus wird, weiß ich noch nicht. Ich versuche, zu spielen und zu entdecken. Ich gehöre nicht zu den Schriftsteller_innen, die die Fertigkeit besitzen zu sagen: Ich werde jetzt ein Buch schreiben und das wird so und so aussehen.

Barbi Markovic (Jahrgang 1980) studierte in Belgrad und Wien Germanistik und arbeitete als Lektorin in Belgrad. Mit ihrem jüngst bei Suhrkamp auf Deutsch erschienenen Romandebüt „Ausgehen“, einer „Interpretation“ von Thomas Bernhards „Gehen“, hat sie für viel Aufsehen in den Feuilletons gesorgt.