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Breiter englischer Akzent, weite Hosen, T-Shirt und die Stichsäge im Anschlag: Lady Sovereign versucht sich nach ihrem Durchbruchsalbum „Public Warning“ (2006) – vom Big Business ein wenig geläutert – an einem Comeback. Jigsaw (Midget/EMI) nennt sich der neue Streich, ihr mit 23 Jahren immerhin schon viertes Album. Def Jam und Jay-Z hat sie den Rücken gekehrt, ihr eigenes Label Midget Records gegründet. Eine Depression hätte sie geplagt. Und die Maschine Musikindustrie. Doch eine Lady Sovereign lässt sich davon nicht unterkriegen. „Jigsaw“ klingt an der Oberfläche flockig und poppig, hat beinahe alle Grime-Bezüge eingebüßt und schielt mit den meisten Tracks kräftig in Richtung Dancefloor. Lauscht man den Texten, wird aber schnell klar, dass zwischen all den vielen Partynächten auch lange harte Tage liegen können. Besonders „So Human“ – dessen Melodie The Cures „Close to Me“ entlehnt wurde – macht keinen Hehl aus ansonsten im Rap-Metier gerne unter den Teppich gekehrten Ambivalenzen wie menschlicher Verletzlichkeit auf der einen und tough-aggressivem Stehaufmännchen-Tum auf der anderen Seite. Auch wenn dieses Album definitiv weniger Hits aufweist als „Public Warning“, bleibt es dank dieser Haltung weiterhin spannend Lady Sovs Aktivitäten im Auge zu behalten.
Amanda Blank hingegen debütiert mit I Love You (Downtown/Universal) gerade erst auf dem heißen Dance-Rap-Battlefield. Ihr Umfeld auf der anderen Seite des Atlantiks in Philadelphia strotzt vor bling-klingenden Namen wie Diplo, Santigold oder der Spank Rock-Truppe. Besonders letztere verweist in Interviews gerne auf Einflüsse aus den frühen nasty Rap-Zeiten wie der 2 Live Crew (angeblich die erste HipHop-Crew, die „Parental Advisory“-Sticker auf ihren Alben anbringen mussten), was sich bei Amanda Blank vor allem in einer eher körperlichen Definition von „love“ niederschlägt. Sexy, catchy, selbstbewusst und direkt geht es hier zur Sache („I would like you better if we slept together.“). Doch wie schon bei Santigold schwingt auch bei Amanda Blank eine gehörige Portion Punk-Pose mit. Ein wenig räudig muss es klingen, nur nicht zu glatt. Wen kümmern schließlich Genre-Grenzen, solange der Beat knallt?
Eigentlich hätte das Debütalbum von Kid Sister schon im Sommer letzten Jahres erscheinen sollen. Doch weil die neue Star-MC aus Chicago, die vor einiger Zeit mit dem Elektro-Rap-Hit „Pro Nails“ (feat. Kanye West) durch die Musikkanäle fegte, sich nicht einfach mit ein paar schnellen Aufnahmen zufrieden gab, wurde die Veröffentlichung immer wieder verschoben. Jetzt hat das Warten ein Ende: Mit Ultraviolet (Downtown/Universal) zeigt Kid Sister, wo der Partyhammer hängt. Ob bratzige Electro-Beats im Pariser Stil, Elektro-Rap der alten Schule oder Ghetto House Style – der quirlige Girl-Tomboy mit der großen Klappe und Vorliebe für schrille Kunstfingernägel feiert das Genre-Mash-Up. Hauptsache „super dance-y“ – dafür sorgen als Produzenten u.a. DJ A-Track, Spank Rock und Steve Angello & Sebastian Ingrosso.
Sex-Rhymes sind Kid Sister fremd – lieber rappt die Endzwanzigerin, die in ihrer Jugend nach eigenen Angaben als „drolliges, nerdiges, dickes Mädchen“ im katholischen Schulchor mitsang, übers Shoppen, Ausgehen, Essen, Jungs. Allerdings nicht ohne eine „You Go Girl“-Attitüde, die sie auch zu einem Remake des feministischen Rap-Klassikers „Ladies First“ (im Original von Queen Latifah und Monie Love), zusammen mit UK-Sängerin/Rapperin Estelle, bewegte. Schade jedenfalls, dass genau dieser Track für „Ultraviolet“ fallen gelassen wurde.
Entgegen des Titels ihres neuen Album gibt sich Miss Platnum nur leicht verkatert: Sweetest Hangover (Four/Sony BMG) heißt der Nachfolger ihres viel gelobten letzten Albums „Chefa“, das den Ruf der Berlinerin rumänischer Herkunft als resolute „Balkan-R’n’B-Queen“ begründete und auf dem schon – in ironischer Überspitzung herkömmlicher „Balkan“-Klischees – ordentlich getrunken, gefeiert und geheiratet wurde. Der süßeste Kater nach dem Fest stimmt Miss Platnum zwar leicht melancholisch – etwa beim großartigen Cover von Kate Bushs „Babooshka“. Doch keine Angst, denn um die Ecke wartet schon die nächste Party: eine wunderbare, frische Mixtur aus organischer Instrumentierung (durch Boban und Marko Markovics berühmtes Brass-Orchester) und fetten, elektronischen Beats, die Miss Platnum mehr in Richtung eines kosmopolitisch orientierten Sounds à la M.I.A. oder Santigold positionieren denn in eine schwammig definierte „Ethno“-Nische, die von deutschsprachigen Mainstream-Medien mit fragwürdigen Bildern („osteuropäische Zigeunerfolklore“) beworben wird. Miss Platnum hat ihren Stil auf den 13 neuen Songs, produziert von den Krauts, perfektioniert. „Drink Sister Drink“, fordert Miss Platnum uns auf. Darauf heben wir doch gerne noch einen – rrrraise your glasses!
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