Nichts über uns ohne uns

Seit acht Jahren gibt es in Innsbruck die Beratungsstelle Wibs für Menschen mit Lernschwierigkeiten: „Wir informieren, beraten und bestimmen selbst.“ Eine Selbstdarstellung von Aglaia Parth und Monika Rauchberger*.

Bei Wibs arbeiten drei Frauen und ein Mann mit Lernschwierigkeiten(1) sowie drei Unterstützerinnen. Für diese Arbeit werden wir alle bezahlt. Das ist ganz wichtig, damit unsere Arbeit ernst genommen wird. Außerdem haben wir dadurch gelernt, was der Unterschied zwischen Beschäftigungstherapie und richtiger Arbeit ist. Bis heute kämpfen wir dafür, dass alle Menschen mit Lernschwierigkeiten richtiges Geld für richtige Arbeit bekommen.

Machtverhältnisse umkehren. Bei uns sind die Frauen und der Mann mit Lernschwierigkeiten die ExpertInnen. ExpertInnen sind wir, weil wir unsere und die Lebensgeschichten von anderen Menschen mit Lernschwierigkeiten sammeln. Und wir lernen daraus, dass es ganz viele verschiedene Möglichkeiten gibt, wie wir leben können. Und wir lernen immer wieder über unsere Rechte dazu. Das geben wir dann in unseren Beratungen weiter.
Wir geben eine Zeitung heraus und halten Kurse. Uns ist es wichtig, dass immer mehr Menschen mit Lernschwierigkeiten selbstbewusst werden und über Selbstvertretung Bescheid wissen. Wir wollen Mut machen, damit sie selbst bestimmen, wie sie leben wollen.
Seit einem Jahr ist Monika Rauchberger die Leiterin von Wibs. Es ist nicht so einfach, als Frau mit Lernschwierigkeiten respektiert zu werden. Unsere Unterstützerinnen müssen wir anleiten und ihnen Arbeitsaufträge geben. Sie dürfen uns an wichtige Aufgaben und Termine erinnern und uns Vorschläge machen. Wir können die Vorschläge dann annehmen oder ablehnen.
Seit 2002 bemüht sich Wibs, dass es in Österreich immer mehr Selbstvertretungsgruppen gibt. Politische Arbeit ist uns wichtig. Und das geht nur, wenn so viele SelbstvertreterInnen wie möglich zusammenarbeiten. Deshalb organisieren wir seit drei Jahren einmal jährlich im Jahr ein sogenanntes Selbstvertretungswochenende. Dazu laden wir alle SelbstvertreterInnen aus ganz Österreich ein.
Wir möchten eine starke Bewegung werden, die sich für die Rechte von uns Menschen mit Lernschwierigkeiten einsetzt. So wie das „People First“-Gruppen auf der ganzen Welt tun. „People First“ heißt „Mensch zuerst“. So nennen sich Selbstvertretungsgruppen von Männern und Frauen mit Lernschwierigkeiten auf der ganzen Welt.
Weltweit fordern wir zum Beispiel:

Nichts über uns ohne uns. Damit wollen wir sagen, dass wir wichtige Entscheidungen selbst treffen können. Manchmal brauchen wir dabei Unterstützung oder Beratung. Manchmal können wir auch nur mitbestimmen. Aber fragen muss man uns.

Reißt die Mauern nieder. Damit ist gemeint, dass wir überall dabei sein wollen, wo andere Menschen auch sind. Wir wollen normale Wohnungen haben und keine Extra-Heime. Wir wollen normale Arbeit und keine Extra-Arbeit.

Richtiges Geld für richtige Arbeit. Wir wollen uns selbst ernähren können. Wir wollen nicht von der Gesellschaft abhängig sein. Wir wollen zeigen, was wir können, und dafür genug Geld verdienen.

Heuern und Feuern. „Mensch zuerst“-Gruppen wollen sich ihre UnterstützerInnen gut aussuchen. Wir wollen sie auch selbst bezahlen. Dann können wir sie nämlich feuern, wenn sie uns nicht selbst bestimmen lassen.

Persönliches Budget. Eine Forderung ist, dass die Menschen mit Lernschwierigkeiten das Geld für die Werkstätten und Wohnheime selbst bekommen sollen. Sie würden dann die Heime und Werkstätten selbst bezahlen. Diese Forderung finden einige Menschen nicht gut. Die wollen das Geld weiterhin selbst bekommen.

Leichte Sprache. Leichte Sprache ist wichtig, damit wir die wichtigen Informationen bekommen und mitbestimmen können. Wir wollen zum Beispiel, dass es die Gesetze auch in leichter Sprache gibt. Damit wir sie besser verstehen. Es gibt Regeln zu leichter Sprache. Wir wollen, dass diese Regeln auch eingehalten werden.
Leider sind nicht alle Menschen für diese Forderungen. Viele denken, dass Wohnheime und Werkstätten gut sind. Manche denken, dass sie besser wissen, was gut für uns ist.

* Mit Unterstützung von Ulrike Gritsch und Lisa Wimmler

(1) Früher hat man gesagt, dass wir „geistig behindert“ sind. Das finden wir abwertend und diskriminierend. Deshalb nennen wir uns lieber „Menschen mit Lernschwierigkeiten“.

Wibs:
www.selbstbestimmt-leben.net/wibs