Auf der Suche nach dem „Sub“

Der österreichische Dokumentarfilm „Verliebt, verzopft, verwegen“ folgt den Spuren lesbischen Lebens im Wien der Nachkriegszeit. Vina Yun sprach mit den beiden Regisseurinnen Katharina Lampert und Cordula Thym.

an.schläge: Warum waren gerade die 1950er und -60er Jahre für ein lesbisches Dokufilm-Projekt interessant?

Katharina Lampert, Cordula Thym: Als wir uns mit lesbischer Geschichtsschreibung in Österreich auseinandersetzten, bemerkten wir, dass – im Unterschied zu den Perioden davor und danach – dieser Zeitrahmen wissenschaftlich nicht aufgearbeitet ist. Eine Zeitspanne von mehr als zwanzig Jahren blieb gänzlich undokumentiert. Es gibt keine Informationen darüber, welche Gemeinschaften und Orte es gab, und wie öffentlich, das heißt auch wie zugänglich, sie für Interessierte waren. Ebenso unbekannt ist, wie sich Frauen zu dieser Zeit organisierten und nach außen hin präsentierten, und was es damals bedeutete, sich als lesbische Frau zu identifizieren. Das war die Ausgangsituation. Also machten wir uns auf die Suche nach Frauen, die uns etwas über diese Zeit erzählen können.

Welche Szene-Orte von damals existieren denn heute noch?

Bis vor kurzem gab es noch das „Nightshift“ in der Corneliusgasse, das war eines der ersten „Sub“-Lokale in Wien und hieß früher „Gerlis Lurloch“, benannt nach Gerli, der Frau, die es viele Jahre lang geführt hat. Leider ist sie, wie auch viele andere, bereits verstorben, und wir konnten sie nicht mehr interviewen. Von den Lokalen, in denen sich unsere Protagonistinnen bewegten, gibt es keine mehr. Das waren auch keine rein lesbischen Lokale, sondern eben sogenannte Sub-Lokale, wo sich Schwule, Lesben und das Rotlichtmilieu vermischten. Aber eigentlich beschreiben alle unsere Protagonistinnen diese Lokale als eher abschreckend. Eine wirkliche „Szene“ in dem Sinn, wie wir sie heute kennen, gab es damals für die Frauen nicht. Das meiste hat sich im Privaten abgespielt.
Ursprünglich wollten wir Aufnahmen von Stadtspaziergängen mit den Frauen machen, die mit uns an diese Orte gehen und sie uns zeigen, so hätte sich der Film entsponnen. Aber da es diese Orte nicht mehr gibt bzw. gar nie gegeben hat, ist es nicht dazu gekommen. Im Film sieht man deshalb auch immer wieder ein Stadtmodell – weil es in Wien keine sichtbare Geschichte lesbischer Kultur gibt, bauten wir Teile der Stadt nach und fingen an, selbst Geschichte zu schreiben bzw. sie ins Stadtbild einzuschreiben. Indem wir die Vergangenheit sichtbar machen, verändern wir sie auch.

Der Film bewegt sich ja auf zwei parallelen Ebenen: Zum einen geht es um die Frage, wie lesbisches Leben in Wien in der Nachkriegszeit ausgesehen hat, und um die damalige Kultur des lesbischen „Sub“. Zum anderen thematisiert ihr aber auch euer eigenes Verhältnis zu einer lesbischen Generation, die weitgehend unsichtbar geblieben ist.

Es war uns immer ein Anliegen, den Frauen auch ihre Verantwortung uns und unserer Generation gegenüber zu vermitteln. Das Fehlen von Geschichte macht es einer gesellschaftlichen Gruppe schwer, eine eigene Identität zu entwickeln, was wiederum eine weitere Geschichtsschreibung behindert. Und wir glauben, dass es nach wie vor sehr wichtig ist, positive Lebensentwürfe von lesbischen Frauen sichtbar zu machen, davon gibt es einfach immer noch zu wenig. Unseren eigenen „queeren“ Zugang versuchten wir über die Bilder der jungen Frauen in den Film zu bringen, die – trotz Judith Butler und der Debatte über die Dekonstruktion von binären Geschlechterverhältnissen – eben solche Vorbilder brauchen. Also, zumindest wir brauchen sie.

Die Frauen, die ihr im Film porträtiert, sind heute ungefähr zwischen Ende Fünfzig und Ende Sechzig – ähnlich alt wie eure Eltern. Haben die Gespräche mit den Protagonistinnen den Blick auf eure Elterngeneration verändert?

Was uns erstaunte, war, dass wir uns unseren Protagonistinnen von unserem eigenen Selbstverständnis her näher fühlten als erwartet. Diese Frauen sind ja die Generation unserer Eltern, und es war einfach toll, andere Lebensentwürfe als die der klassischen Hetero-Familie kennenzulernen. Vielleicht auch, weil sie uns Dinge erzählten, über die unsere eigenen Eltern nicht sprechen, wie z.B. über ihre Liebesbeziehungen oder ihre Ängste. Da erkennt man sich auch selbst drin wieder.
Wir haben sicher auch jetzt ein besseres Gefühl dafür entwickelt, wie es war, in den 1950ern aufzuwachsen. Das verändert natürlich auch den Blick auf das Leben unserer eigenen Eltern.
Das Totalverbot der Homosexualität wurde in Österreich erst 1971 abgeschafft, später als in vielen anderen europäischen Staaten.

Wie erklärt ihr euch die hierzulande lange Tradition des repressiven Umgangs mit Schwulen und Lesben?

Der § 129 war nicht, wie oft behauptet, ein Nazi-Paragraph, sondern wurde in Österreich bereits 1852 erlassen. Er wurde deshalb auch nach dem Krieg bis 1971 nicht abgeschafft. Von den Nazis verurteilte Schwule wurden ja erst jetzt, im Oktober 2009, rehabilitiert. Österreich war sehr konservativ und katholisch nach dem Krieg, es ging vor allem um den Wiederaufbau des Landes mit der Familie als Keimzelle, da waren Lesben und Schwule natürlich eine totale Bedrohung. Nach der Abschaffung des Paragraphen wurden aber wieder neue, repressive Gesetze eingeführt, z.B. das Vereinsverbot und das Werbeverbot. Lesben hatten zwar aufgrund der Gesetzesformulierung weniger Probleme als Schwule, aber durch die ständigen Razzien in den Lokalen und das Aufnehmen ihrer Daten durch die Behörden herrschte schon eine gewisse Grundangst.

Ihr und viele Unterstützer_innen haben viele Jahre unbezahlte Arbeit in dieses Filmprojekt investiert. Wie habt ihr es geschafft dranzubleiben?

Es gab tatsächlich einige Durststrecken, aber dann ist immer wieder etwas passiert, das uns vorangetrieben hat. Nach dem ersten Interview-Dreh haben wir auch die Verantwortung gegenüber den Protagonistinnen und ihrer Courage verspürt, den Film fertig zu machen. Gerade weil wir so viele Absagen bekommen haben. Und wir haben auch immer sehr viel Resonanz auf das Thema bekommen, das Interesse daran war sehr groß, da haben wir auch wirklich einen Bedarf bemerkt.
Da wir kaum an Förderungen gebunden waren – wir bekamen auch fast keine –, hatten wir auch viel Zeit. Wir versuchten über alle möglichen Wege, Frauen zu finden: über Inserate in diversen Medien, Flyer in Lokalen und bei der Regenbogenparade, E-Mail-Verteiler und durch viel, viel herumfragen und Leute nerven.
Eine Freundin sagte mal was Schönes, nämlich dass die Suche nach dieser Generation fast wie ein Coming-out-Prozess ist, und das dauert einfach.

„Verliebt, verzopft, verwegen“ wurde beim diesjährigen identities Queer Film Festival im Juni in Wien uraufgeführt. Waren es eher Frauen aus der Generation eurer Filmprotagonistinnen, die im Kino waren, oder andere? Welches Feedback habt ihr da vom Publikum bekommen?

Der Abend war wirklich sehr schön und bewegend. Das Publikum ist total mitgegangen mit dem Film, man weiß ja vorher nicht, ob ein Film dann auch wirklich funktioniert für eine breitere Öffentlichkeit. Es gab dann auch viel Applaus und positives Feedback, und das hat uns auch für unsere Protagonistinnen gefreut, denn sie machen ja den Film wirklich aus. Wir sind jedenfalls schon gespannt, wer ins Kino kommen wird, um sich den Film anzuschauen.

In der Doku spricht eine Generation lesbischer Frauen, die bis heute auch innerhalb queerer Szenen wenig repräsentiert ist. Warum wird eurer Meinung nach das Älterwerden bzw. Alter in der lesbisch-queeren Community so selten thematisiert?

Wenn man jung ist, setzt man sich generell nicht so viel mit dem Alter auseinander, das ist nicht nur ein Phänomen in der queeren Szene. Aber gerade hier wäre eine Auseinandersetzung wichtig. Wir haben heute die Möglichkeit, eigene lesbische oder queere Strukturen zu schaffen, in denen wir alt werden können – im tatsächlichen Sinn von „Community“. In Deutschland gibt es da schon viel mehr an Struktur, es existieren Wohnprojekte und Netzwerke für ältere Lesben, das gibt es hier alles nicht. Wir haben im Zuge unserer Recherche nämlich auch viel Einsamkeit beobachtet, die man im fertigen Film nicht so sieht, weil diese Frauen auch nicht vor die Kamera wollten. Wir denken jedenfalls gerade darüber nach, wie man auch hier Netzwerke schaffen könnte.

„Verliebt, verzopft, verwegen“ startet ab 20.11. im Filmcasino, ab 14.12. im Top-Kino in Wien.