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Wie gut, dass es auch in Zeiten von Krise und Depression noch Unerschrockene gibt, die sich nicht von nackten Kalkulationen beeindrucken lassen: Christina Nemec, bekannt als Musikerin, DJ und nicht zuletzt als Performerin der turbulent-glamourösen Queer-Burleske „Orlanding the Dominant“, hat mit ihrem Partner Konstantin Drobil, Begründer und Leiter des Musikvertriebs Trost, in Wien just ein neues Label aus der Taufe gehoben. Unter dem Namen „comfortzone“ sollen in Zukunft feministische und queere Inhalte in elektronischen Produktionen endlich die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen gebührt. Den Anfang macht die Labelchefin gleich selbst mit ihrem Langspieldebüt Derive unter ihrem Alias chra, auf dem zu trabenden Klopf-Beats das denkwürdige Statement „To be male is not to be sexed, to be white is not to be raced“ rezitiert wird. Eine ordentliche Ladung zu kauen für all jene, die immer noch argumentieren, in Maschinenmusik seien Kategorien wie Race und Gender doch sowieso aufgehoben. Die Katalognummern 2 und 3 des neuen Labels sind Teil einer 12“-Reihe, auf der pro Platte zwei internationale, eher unbekannte Acts mit jeweils zwei Tracks vorgestellt werden. In diesem Fall sind das, mit einer Bandbreite von swingender Vocal-Elektronik über schwelgerischen Gitarrenpop und kühlem Synthwave bis zu Spielzeugsounds: Bonnie Li aus Paris/Berlin und Frau Herz aus Wien (cz002) sowie Alloy Alloy aus Kopenhagen und Stereonucleose aus Berlin/ Bucharest (cz003).
Ebenfalls aus Wien kommen News von einer etablierten Größe der elektronischen Musik: Electric Indigo, Godmother des Frauennetzwerks female:pressure, hat zwischen all ihren anderen Aktivitäten nach fünf langen Jahren zum Glück endlich wieder einmal Zeit gefunden, eine EP für ihr eigenes Label indigo:inc zu produzieren. Siberia (vertrieben über Hardwax bzw. digital über www.zero-inch.com) ist mit seinen drei eisigen Techno-Tracks eine Hommage an die kalte Schönheit des sibirischen Baikalsees. Dank der düsteren Synthie-Breitseiten, die es wohlig kalt den Rücken runterrieseln lassen, und der knochentrockenen Beats springt einer die Sehnsucht nach Eisflächen, Permafrost und einer gelungenen Clubnacht mit Techno wie diesem förmlich ins Gesicht.
Ein Teil der prosperierenden Berliner Techno-Szene ist die Chilenin Alejandra Iglesias, besser bekannt als Dinky, die sich wie so viele andere Kreativ-Migrantinnen aus der ganzen Welt vorübergehend dort niedergelassen hat. Ihr mittlerweile viertes Album mit dem Titel Anemik (Wagon Repair) klingt so, wie man es von der vielseitigen Künstlerin erwartet: gar nicht nach straightem Club-Techno, sondern nach wabernden, verzwirbelten Soundschichten, in denen Latin-Beats und Disco-Allüren gut mit quäkendem Ambient zusammengehen. Dass das Ergebnis nicht prätentiös und verschwurbelt, sondern in seiner Vielseitigkeit extrem eingängig klingt, ist wohl der goldenen Hand – und Kehle, denn hier singt Dinky auch ausgiebig – der Musikerin zu verdanken.
Echte Berlinerinnen sind Gina V. D'Orio und Annika Line Trost, besser bekannt als Cobra Killers. Die beiden mit Rotwein spritzenden Plateauschuh-Trägerinnen haben sich für ihr Album Uppers and Downers (Monika/Hoanzl) prominente Unterstützung geholt, etwa von Thurston Moore oder J Mascis, aber auch von den Prinzen (jawohl, den „Alles nur geklaut“-Prinzen), die beim Song „Schneeball“ den Refrain singen dürfen: „Schneeball in die Fresse, bis in die totale Depression“. Ein typischer Cobra-Killer-Slogan, von denen es nicht wenige auf dem Album gibt. Ob’s einen Song über die „Skibrille“ braucht, sei dahingestellt, doch das Album überzeugt allemal. Und die Produktion im Studio der Einstürzenden Neubauten macht sich ebenso positiv bemerkbar: Die immer schon sehr düsteren und krachigen Beats der Killers sind jetzt noch noisiger geworden.
Die wahre Queen of Noise ist allerdings Bettina Köster, ehemals Malaria, die auf Asinella Records, dem Label von Clara Luzia, ein Album mit eben dem Titel Queen of Noise (Asinella/Hoanzl) veröffentlicht hat. Dichte Songs, getragen von Bettina Kösters präsenter Stimme, ein Cover von Velvet Undergrounds „Femme Fatale“ – der Herbst hat einen Soundtrack. |