In der Zwischenwelt
von Gabi Horak

Wir wollen doch alle in den Himmel, oder? Dafür muss sich die Christenheit all over the world zusammenreißen: Der Papa in Rom gibt die Marschrichtung vor, und alle braven Schäfchen brauchen nur zu folgen. Wenn der Papst sagt: Kondome sind böse, dann haben die Gläubigen das zu glauben und haben dafür das Recht, nachdem sie und ihre Familie an AIDS krepiert sind, an die Himmelstür zu klopfen. So lautet der Deal. Sorry, aber nur eine große Portion Sarkasmus macht es mir möglich, auf diesen Unsinn überhaupt noch zu reagieren.
Also, was juckt es uns, was der alte Mann in Rom so
von sich gibt? Müssen uns die Machtspiele im Vatikan, die realitätsfremden, radikal-christlichen Aussagen noch interessieren? Leider doch. Denn im Gegensatz zu Europa bekommt die katholische Kirche etwa in Afrika und Lateinamerika immer mehr Zuspruch. Aber auch in der „alten Welt“ sitzen die christlichen Wurzeln tief, Konservativismus ist sogar wieder im Vormarsch – in Politik und Gesellschaft. Die – ächz – Krise unterstützt die Rückkehr zu altbewährten Strukturen nachhaltig.
Deshalb haben die Aussagen des Papstes Gewicht: für strenggläubige Menschen, für die Arbeit in der Entwicklungszusammenarbeit, für die Jugendarbeit in den Pfarrgemeinden, und sie geben der konservativen Entwicklung der Gesellschaften in Europa Rückhalt. Angenommen aus dem Vatikan käme ein Paradigmenwechsel: Verhütung und Abtreibung sind in gewissem Rahmen ok, Weg frei für Priesterinnen und Ende des Zölibats. Das würde die Christenheit in ihren Grundfesten erschüttern. All diese Dinge aber weiterhin kategorisch auszuschließen, bewirkt das Gegenteil: Die uralten, eng gezogenen Grundmauern bleiben einzementiert – allen gesellschaftlichen und spirituellen Fortschritten zum Trotz. Angenommen die Welt wäre so, wie die katholische Führung es predigt: keine Verhütung, Frauen bleiben bei ihrem Ehemann „bis der Tod sie scheidet“, die misshandelte Nachbarin, die es nicht mehr aushält und sich umbringt, müssen wir als Sünderin verächten. Wir wären mit einem Schlag zurück in finsteren Vorzeiten, mit tausenden illegalen und oft tödlichen Abtreibungen, hohen Sterblichkeitsraten bei Frauen und Kindern, vielen ungewollten Kindern, Armut, Entsolidarisierung … Ich glaube nicht daran, dass die Würdenträger im Vatikan zu blöd sind, diese Auswirkungen zu
erkennen. Es ist ihnen nur nicht wichtig genug. Der Machterhalt ist wichtiger.
Die neuesten, ewig-gestrigen Dogmen zum katholischen Frauen- und Familienbild fallen also auch in Europa auf fruchtbaren Boden. Sie machen es schwierig, die Weiterentwicklung zu einer emanzipierten, gleichberechtigten Gesellschaft schneller voranzutreiben. Gerade im Moment – während ich mich auf die Geburt meines ersten Kindes vorbereite und viel mit befreundeten Frauen mit Kindern zusammen bin – erlebe ich es ganz deutlich, dass wir in einer Art Zwischenwelt leben. Auf der einen Seite sind wir immer noch Rabenmütter, wenn wir das Putzerl möglichst bald in einer Krippe abgeben wollen, die Väter stundenlang mit Neugeborenen alleine lassen, geteilte Elternkarenz einfordern. Auf der anderen Seite steigen die Erwartungen an emanzipierte Frauen, sich für ihre Karriere einzusetzen, sich möglichst schnell von den Kindern zu trennen, kreative Wege der Vereinbarkeit zu finden. Es ist, als könnte frau es gar nicht richtig machen, sie muss in einem Spießrutenlauf irgendeinen Weg dazwischen finden. Im Moment ist der allergrößte Teil der Belastung eine individuelle und liegt bei den Frauen bzw. Familien selbst, weil die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen noch nicht weit genug sind. Deshalb wundert es mich nicht, dass der Roman „Bitterfotze“ der schwedischen Autorin Maria Sveland, in dem sie genau diesen Zwiespalt thematisiert, nach kürzester Zeit ausverkauft war. Und ich war wenig überrascht, wenn auch betroffen, als mir eine Freundin erzählte, dass sie im ersten Jahr ihrer Babykarenz an Depressionen gelitten hat – nicht hormonell bedingt, wohlgemerkt. Zu stark war ihre Zerrissenheit zwischen „schnell zurück in den tollen Fulltime-Job, weil ich es ja auch versprochen hab, und der sonst weg ist“ und dem immer stärker werdenden Gefühl, dass sie die Zeit mit ihrer Tochter noch ein bisschen länger genießen und nicht gleich den ganzen Tag auf sie verzichten will. Sie hat einen Kompromiss erkämpft: Sie kann zurück in den Teilzeit-Job, muss aber vermutlich zwei Sprossen in der Karriereleiter runter. Diesen Kampf gerade erst ausgefochten, versucht sie den Wunsch nach einem zweiten Kind zu verdrängen. Das würde nämlich bedeuten: zurück an den Start. Himmlisch.