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Es ist ein gemeinsamer Kampf |
an.schläge: Was ist die „Sex Worker Open University“? Carrie Hamilton: Die „Sex Worker Open University“ hat den Zweck, Sexarbeiter_innen, Akademiker_ innen, Aktivist_innen, Künstler_innen und andere Verbündete zusammenzubringen, um die Bandbreite und Vielfalt, aber auch die Widersprüche in der Sexindustrie zu ergründen. Wir wollen Sexarbeiter_innen eine Stimme geben und herrschende Stereotype ebenso wie den Sensationalismus der Medien kritisch hinterfragen. Unser Ziel ist auch, dass Sexarbeiter_innen ihr Wissen, ihre Ideen und Erfahrungen miteinander teilen und gemeinsam Strategien für die Zukunft entwerfen, einschließlich des Kampfes gegen die Kriminalisierung von Sexarbeit. Von wem wurde die SWOU organisiert? Und welches Publikum ist gekommen? Die Konferenz wurde von Luca Raven und mir organisiert. Luca ist Sexarbeiter, ich bin Aktivistin und war früher als Sexarbeiterin tätig. Die meisten, die zur „Sex Worker Open University“ kamen – insgesamt waren es an die 200 Personen –, sind Sexarbeiter_innen aus unterschiedlichen Bereichen der Sexindustrie: Escorts, Tänzer_innen, Pornodarsteller_innen, Pro-Doms und Pro-Subs, Sexarbeiter_innen, die auf der Straße und in Wohnungen arbeiten. In der feministischen Auseinandersetzung zu Sexarbeit lassen sich zwei gegensätzliche Positionen ausmachen: Zum einen die Abolitionistinnen, die Prostitution primär als Ausbeutung und patriarchales Gewaltverhältnis sehen. Diese Position betont auch sehr stark die Existenz des Frauenhandels, besonders im Zusammenhang mit migrantischen Sexarbeiter_innen. Zum anderen die Aktivist_innen aus der Sexarbeiter_innen-Bewegung, die den abolitionistischen Ansatz kritisieren und vor allem die Rechte von Sexarbeiter_innen bzw. die Legalisierung von Sexarbeit in den Mittelpunkt stellen. Sie argumentieren, dass Sexarbeit (meistens) frei gewählt ist. Im Rahmen der SWOU haben Sie einen Workshop geleitet(1), der sich eben diesem Disput widmet. Die Polarisierung zwischen den so genannten Abolitionistinnen und Feministinnen, die die Rechte von Sexarbeiter_innen stärken wollen, bringt weder Feministinnen noch Sexarbeiter_innen weiter. Zudem simplifiziert diese Dichotomie die Debatte. Als Sexarbeiter_innen und Aktivist_innen, die für deren Rechte kämpfen, stellen wir natürlich die Behauptung, dass Sexarbeit Gewalt gegen Frauen sei, in Frage. Denn Sexarbeit ist in erster Linie Arbeit, und diese beinhaltet ein bestimmtes Wissen und Können, auch wenn sie mit Ausbeutung verbunden ist. Das Thema Menschen- bzw. Frauenhandel ist in der Debatte über Sexarbeit zu einem Ablenkungsmanöver geworden: Die Obsession in dieser Frage offenbart eher die Ängste des Westens vor Massenmigration sowie den Drang, Frauen vor der Sexarbeit „retten“ zu wollen, statt die unterschiedlichen Beweggründe, warum Frauen, Männer und Transpersonen in die Sexindustrie gehen, zu verstehen und zu analysieren, welche anderen Möglichkeiten ihnen sonst offen stehen und welche nicht. Seit einigen Jahren ist im akademischen feministischen und queeren Diskurs ein gesteigertes Interesse an Pornografie und ein regelrechter Hype um „Post-Porno“ zu beobachten. Gibt es eine gemeinsame Basis zwischen Akademiker_innen, feministisch-queeren Aktivist_innen und Sexarbeiter_innen? Ich denke, es gibt viele Gemeinsamkeiten unter jenen Sexarbeiter_innen, die sich als queer und/oder als „sex radicals“ definieren. Allerdings ist das für den Großteil der Sexarbeiter_innen nicht der Fall – sie sehen ihren Job primär als Arbeit und nicht als Ausdruck eines sexuellen Begehrens oder einer Identität. Solche Differenzen sollte die Sexarbeiter_innen-Bewegung jedenfalls erkennen und miteinbeziehen. Inwiefern unterscheidet sich denn die Situation der Sexarbeiter_innen in Großbritannien von der in anderen EU-Ländern? Die Frage ist sehr komplex. Die gesetzliche Lage sieht in fast jedem Land anders aus, wie auch die Präsentationen aus Dänemark, Deutschland, Frankreich und England beim Eröffnungsabend der SWOU deutlich machten. Derzeit wird in Großbritannien versucht, die Nachfrage nach Sexarbeit zu kriminalisieren, d.h. es werden die Kunden (statt der Prostituierten) strafrechtlich belangt. Vorbild dafür ist das schwedische Modell, das 1999 eingeführt wurde. Das ist ein großes Thema. Dieses Modell ist aktuell sehr populär unter ProstitutionsgegnerInnen, und Aktivist_innen der Sexarbeiter_innen-Bewegung in ganz Europa kämpfen dagegen an. Wie können Aktivist_innen trotz der unterschiedlichen gesetzlichen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen gemeinsam Bündnisse schmieden? Wir tun es bereits – mit Veranstaltungen wie der SWOU und unserem geplanten neuen Vernetzungsforum im Internet(2), mit Konferenzen, Websites und Blogs. Trotz der Differenzen ist es ein gemeinsamer Kampf. Der Großteil der Sexarbeiter_innen in der EU sind Migrant_innen, oft mit illegalisiertem Aufenthaltsstatus. Versteht sich die Sexarbeiter_innen-Bewegung demnach auch als eine antirassistische, pro Migrations-Bewegung? Absolut – sie muss es sogar sein. Die Anerkennung der Rechte von undokumentierten migrantischen Sexarbeiter_innen ist eines der wichtigsten und kritischsten Ziele der heutigen Sexarbeiter_innen-Bewegung. Daher müssen wir auch mit Aktivist_innen aus den verschiedenen migrantischen Communitys, den Bewegungen für die Rechte von Migrant_innen und anderen Gruppen zusammenarbeiten. In Großbritannien ist das schon der Fall – und der Kampf geht weiter! (1) Diskussionsworkshop „Taking the feminist anti-prostitution argument seriously“ am 4. April, London Action Ressource Center |