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„It’s retro-sexual“, so das Statement von Lady Gaga. Mit ihren selbst kreierten Kostümen setzt sie auf den Charme der vergangenen Disco-Ära und zelebriert in ihren Bühnenperformances die Ästhetiken schwuler Drag-Diven: Campness! Drama! Die 22-jährige Musikerin stammt aus gutbügerlichem italienischem Haus in New York und profilierte sich bereits als Songwriterin für u.a. für Britney Spears, New Kids on the Block oder Pussycat Dolls, während sie als Lady GaGa (nach Queens „Radio Gaga“) mit ihrer Electro-Disco-Burlesque-Show durch die Clubs in New York tourte. Auf ihrem Debütalbum The Fame (Interscope/Universal) regieren sterile 80er-Synthies und eingängige Melodien – cleverer Club-Pop mit zahlreichen Referenzen zur Pop-Geschichte, der auch fürs Radio taugt.
Historisch ist auch die Kompilation Fly Girls! B-Boys Beware: Revenge of the Super Female Rappers, mit der das Londoner Traditionslabel Soul Jazz „30 Jahre Female Rap“ auf Tonträger feiert. Rap im Hinblick auf Gender-Fragen historisch neu zu positionieren ist nach wie vor spannend und notwendig, zugleich wirkt die Herangehensweise, Musikgeschichte in Form einer klassischen „Frauen-Kompilation“ auf seine genderspezifischen Implikationen abzuklopfen, nivellierend. Schließlich sind es sehr unterschiedliche Kontexte und Stile, die von den auf der Kompilation gefeatureten MCs repräsentiert werden – von Old School und Funk über Miami Bass bis hin zu Spoken Word. In jedem Fall sind es beachtenswerte Künstlerinnen, die hier aufeinandertreffen: Sei es die erste all-female Crew Sequence (mit der jungen Angie Stone als MC), die funky JJ Fad, Roxanne Shanté, „Ladies First“-Vertreterin Queen Latifah, MC Lyte, Dimples D, Black-Poetry-Akivistin Nikki Giovanni, Tanya Winley, Philadelphia-MC Bahamadia oder der weibliche HipHop-Superstar der Gegenwart, Missy Elliott. Auch die britische Seite des Atlantiks wurde nicht übersehen, die durch die Cookie Crew und die She Rockers vertreten wird.
Mit Kingstonlogic 2.0 (Phree Music/Groove Attack) betritt eine jamaikanische Sensation die Weltbühne: Terry Lynn mischt mit fettem Sound die Dancehall auf und changiert dabei gekonnt zwischen Grime, Ragga, Disco und Upbeat-Electro. Für die Beats ist Produzent Phred alias Russell Hergert zuständig, der zwischen Zürich, Toronto und Kingston pendelt und Terry Lynn als einzigartige Künstlerin bezeichnet, die mit ehrlichen Worten die harte Realität Kingstons und die sozialen Kämpfe in Jamaica abbildet, wie es sonst nur eine Kameralinse vermag.
Ihre Songs sind keine sanften Faserschmeichler, die mit schicker Pop-Attitüde sämtliche Alltagssorgen wegfegen. Bei Terry Lynn steht das postkoloniale Erbe mit einer 45er Magnum vor der Tür: Sie erzählt uns ihre kritische Sicht aufs „System“ oder den „IMF“ (International Monetary Fund). Daher wird sie auch gerne mit anderen bemerkenswerten schwarzen Frauen der Gegenwart wie Yo! Majesty, Santigold (vormals Santogold) oder M.I.A. verglichen. Aber auch Consciousness und Soul dürfen hier nicht fehlen: Ihre Neuinterpretation von Boney M.s „Rivers Of Babylon“ kommt mit warmem Nyabinghi-Feeling daher und lädt die Herz-Batterie frisch auf.
Die Ska- und Reggae-Affinität ist einer anderen Musikerin seit ihrem Debutalbum „Alright, Still“ (2006) etwas verlorengegangen. Lily Allen setzt mit ihrer neuen Platte It's Not Me, It's You (EMI) eher auf wohlfeile Pop-Melodien und ist damit im gehobenen Mainstream angekommen. Die letzten zweieinhalb Jahre hat sie die englische Yellow Press aufgemischt, was uns jetzt den Genuss ihrer dort gemachten Beobachtungen in Songform ermöglicht. Mit „Everyone’s At It“ geht es gleich von Beginn an ordentlich zur Sache: Drogenkonsum, so klärt uns Frau Allen auf, gibt es auch in der Celebrity-Welt. Soso. Amy Winehouse war mit dieser Info etwas schneller. Ansonsten beklagt sie sich in „He Wasn’t There“ über das Aufmerksamkeitsdefizit dank abwesendem Vater und sehnt sich in „Chinese“ nach mütterlicher Liebe. Lily Allen hat sich hier sympathisch bemüht, auf dem Normalo-Teppich zu bleiben. Ihre geschmeidige Stimme und der gelungene Pop-Sound lassen das Album aber doch noch gut abheben.
LADY GAGA: THE FAME
FEMALE RAPPERS: FLY GIRLS! B-BOYS BEWARE: REVENGE OF THE SUPER FEMALE RAPPERS
TERRY LYNN: KINGSTONLOGIC 2.0
LILLY ALLEN: IT’S NOT ME, IT’S YOU
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