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Vier Frauen sitzen im Schanigarten und diskutieren aufgebracht über die Zukunft des Kindergartens: „Der Rückhalt einer Gewerkschaft fehlt, wir haben alle über die Medien erfahren, dass der Gratiskindergarten kommt“, schimpft Kristina Botka vom Kollektiv „Kindergartenaufstand“.
Die – an sich begrüßenswerte – Idee der Gratiskinderbetreuung, die ab Herbst in Wien eingeführt wird, lenkt von den Verhältnissen in der Praxis ab, die sowohl für die Angestellten als auch für die Kinder alles andere als eitel Sonnenschein sind. Drei- bis Sechsjährige finden sich in Gruppen mit 23 bis 25 Kindern wieder. Wenn sie Glück haben, werden sie von einer ausgebildeten Pädagogin und einer Hilfskraft betreut. Den Hilfskräften bleiben trotz 40-Stunden-Woche oft nicht einmal 1.000,- Euro im Monat.
Aus Ärger über ihre frustrierende Arbeitssituation hat sich das Kollektiv aus Wiener Kindergartenpädagoginnen gegründet. Je nach Träger der Betreuungseinrichtung sind drei verschiedene Gewerkschaften zuständig. Der „Kindergartenaufstand“ will, abseits dieser traditionellen Stellvertreterpolitik, von der Basis aus mobilisieren und durch Protest für ihre Belange sensibilisieren. Ihnen geht es zwar auch um angemessene Bezahlung, ihre Motivation ist aber eine andere: Die Herstellung eines gesellschaftlichen Bewusstseins für ihre Arbeitsbedingungen und die Betreuungssituation „ihrer“ Kinder.
Dass die Vernetzung an der Basis einen Nerv trifft, zeigt sich an dem Interesse, das dem Kollektiv entgegenschlägt. Innerhalb von zwei Wochen wurden sechzig Leute mobilisiert, während unseres Gesprächs kommen zwei Kindergruppenleiter an unseren Tisch und bekunden ihre Solidarität.
Anforderungen.
Der Druck steigt, die Anforderungen auch. Kristina Botka, die in einem privaten zweisprachigen Kindergarten arbeitet, hält indes die häufig geforderte Akademisierung ihrer Ausbildung für wenig sinnvoll: „Egal, wie gut du ausgebildet bist, du kannst das Gelernte nicht einsetzen. Das ist bei 23 Kindern unmöglich.“ Viel wichtiger sei mehr Personal für kleinere Gruppen.
Während immer mehr Kinder sogenannte „Verhaltensaufälligkeiten“ zeigen, für die ohnehin nicht ausreichend Einzelförderung, Logopädie und Ergotherapie angeboten werden können, fragen gleichzeitig immer mehr Eltern besondere Frühförderung in Form von Musik-, Lese- und Fremdsprachenunterricht an. Das Kind soll als kleiner „Schwamm“ so viel wie möglich aufsaugen. Letztlich stimmen die teuren Förderungskurse der Eliten wenig mit dem überein, was Kinder aus entwicklungspsychologischer Sicht und neuesten Erkenntnissen der erziehungswissenschaftlichen Forschung wirklich brauchen.
Wegen der schlechten Bezahlung, dem unverhältnismäßigen Erzieherin-Kind-Schlüssel und der geringen Wertschätzung des Berufs der/des KindergartenpädagogIn kapitulieren immer mehr Auszubildende schon vor Antreten des ersten Arbeitsverhältnisses. Der hohe Anteil an weiblichen Fachkräften bestätigt das übliche Klischee, der Job sei reine Frauensache. In Deutschland hat die Bedeutung der vorschulischen Betreuung wegen ihrer Relevanz für den weiteren Bildungsverlauf der Kinder zugenommen. Das wird an der wachsenden Zahl von Projekten zur Kompensation von Bildungsbenachteiligung sichtbar. Ein gestiegenes Problembewusstsein ist zu beobachten, eine flächendeckende Umsetzung jedoch (noch) nicht absehbar. Österreich und Deutschland sind die einzigen europäischen Länder, in denen an Fachschulen und nicht an Hochschulen zur Erzieherin ausgebildet wird. Schweden hat hierbei wieder einmal eine Vorreiterrolle, allein die Berufsbezeichnung der Vorschullehrerin zeugt von höherer Wertschätzung.
Autoritär.
Nur 133 Männer in Österreich sind Kindergartenpädagogen. Je nach Bundesland gehen unabhängig vom Geschlecht nur dreißig bis sechzig Prozent der Auszubildenden in den Beruf. Die Frauen vom „Kindergartenaufstand“ berichten, dass besonders begabte und engagierte PraktikantInnen sich anders entscheiden, wenn sie den Alltag im Beruf erleben. Stattdessen werden QuereinsteigerInnen angeworben, die für viel zu wenig Geld und nach nur dreimonatigen Lehrgängen „auf die Kinder losgelassen“ werden. Ein angehender Kindergartenpädagoge bestätigt den gewonnenen Eindruck: Er hat zwar keine Probleme mit der Reputation seines Berufs, allerdings wird er wahrscheinlich nicht in einer Einrichtung arbeiten wollen: „Ich mag zwar die Arbeit mit Kindern, aber der Beruf ist sehr stressig. Man hat permanent Verantwortung zu tragen und bekommt wenig Geld. Nach der ersten Klasse gehen schon viele von der Schule ab, mittlerweile bin ich der einzige Bursche.“
Kristina Botka erkennt im bestehenden System auch eine antiemanzipatorische Haltung. Je weniger Geld und Stellen, desto weniger Betreuung, Förderung und Freiräume gibt es für individuelle Bedürfnisse: „Das bedeutet für die Kinder größere Gruppen und autoritäre Erziehungsmaßnahmen, also folgen und stillsitzen.“ Sie hat sich parallel zur Früherzieherin und Hortnerin ausbilden lassen und stellt fest, dass aktuell ein System von Autoritätshörigkeit gefördert wird. Barbara Tinhofer, die als Springerin in mehreren Gruppen tätig ist, sieht im gegenwärtigen Diskurs über die wirtschaftliche Krise nur zwei Möglichkeiten: „Entweder die Chance auf ein gesellschaftliches Umdenken oder eine Fortführung und Verschärfung neoliberaler Tendenzen.“ Die Folge könnte eine Schere im Bildungswesen sein, die schon im Babyalter geöffnet wird.
Integrativ.
Diversität von Sprache, Kultur und Herkunft als Selbstverständlichkeit zu erfahren ist nicht möglich, wenn schon die Kleinsten sich nur in homogenisierten Leistungsgruppen bewegen dürfen. Dabei spielt auch die Hierarchie der Sprachen eine Rolle: Englisch von Anfang an, Türkisch lieber nicht. Dass es primär wichtig ist, dass das Kind überhaupt spricht, wird dabei oft vergessen. Sprache ist eng verknüpft mit Bewegung, und die Frauen vom „Kindergartenaufstand“ wissen aus Erfahrung, dass ein Ausflug in den Wald für den Spracherwerb viel hilfreicher ist als der Drill zu Schreibübungen. Aber Herumtollen ist wirtschaftlich nicht verwertbar, und für Ausflüge sind zusätzliche BetreuerInnen vonnöten.
93 Prozent der Fünfjährigen in Österreich besuchen einen Kindergarten. Wäre die Chance auf individuelle Sprachförderung gegeben, könnte der Kindergarten Sprachdefizite gut ausgleichen. Dieses Problem darf nicht allein MigrantInnen zugeschrieben werden, wie auch Barbara Tinhofer feststellt: „In allen Schichten ist oftmals weder zu Hause noch im Kindergarten Zeit für längere Gespräche.“ Ihre Kollegin Vanessa Auer* ergänzt, dass viele Kinder mit „Sprachproblemen“ in Sonderkindergärten landen – wo die PädagogInnen eigentlich für den Umgang mit Behinderungen ausgebildet sind.
Solidarisch.
Wenn Kindergartenpädagogin Vanessa ihnen ihren Lohn von 1.080,- Euro netto nennt, sind die Eltern der betreuten Kinder oft schockiert. Sie wird für 33 Stunden bezahlt, von denen nur drei für Planung und Vorbereitung vorgesehen sind. Im persönlichen Gespräch wird den Müttern und Vätern eher klar, was die Pädagoginnen auch psychologisch täglich zu leisten haben. Hinzu kommt Eltern- und Öffentlichkeitsarbeit, außerdem die geringe gesellschaftliche Anerkennung. Der Kindergarten wird als „extended family“ betrachtet und steht zwischen Staat und Familie. Kristina Botka betont diese Relevanz aus feministischer Perspektive: „Der Staat ist traditionell männlich besetzt, die Familie weiblich. Selbst wenn die Betreuung öffentlich ist, wird sie von Frauen gemacht und fällt damit zurück in den Bereich der Familie.“ Und Barbara Tinhofer ergänzt: „Frauen erfahren täglich Repressalien, besonders Alleinerziehende. Den Druck von oben gibst du weiter – am Ende an das Kind.“ Somit sind Arbeiterinnen im Kindergarten oft mehrfach von Diskriminierung betroffen: als Frau, als Angehörige eines typisch weiblichen Berufsstandes, als (alleinerziehende) Mutter, als Migrantin und als Geringverdienerin.
Die Vereinte Dienstleistungsgesellschaft (ver.di) hat Anfang Mai Erzieherinnen in ganz Deutschland zum Streik aufgerufen. In Österreich gibt es bisher (noch) kein breites Bündnis. Für den „Kindergartenaufstand“ möchte das Kollektiv neben KollegInnen auch „Eltern mit an Bord holen“, so Barbara Tinhofer. Denn: „Es geht ja auch um ihre Kinder.“
* Name von der Redaktion geändert
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