Kontexte
Von Bettina Enzenhofer

Arbeitskollege W. ist entsetzt, als ich von Titten spreche. „Darfst du das denn?“, fragt er. Als Feministin? Ich sage, dass ich als Feministin alles darf, und er lacht über diese Aussage, und: Er versteht sie nicht. Freund G. beginnt mit mir die Diskussion über das Binnen-I: „Was sagst du eigentlich zu diesem Zwang, dass man jetzt fast überall schon beide Geschlechter benennen muss?“ Ich frage mich, wo er den „Zwang“ sieht, ich sehe den nämlich nicht. G. will keine geschlechtergerechte Sprache, weil er sie nicht schön findet. Ich rede mir den Mund fusslig, während er mir erklärt, wie Sprache funktioniert. Nur bleibt er irgendwo anno dazumal stehen, versteht zwar, dass Sprache dynamisch und veränderbar ist, will aber lieber, dass sie sich nur so verändert, wie ihm das aus ästhetischen Gründen genehm ist. Uff.
Von diversen Medien, von denen ich weiß, dass sie wenig darauf geben, kann ich mich ja fernhalten (by the way: Lieber Falter, wie lang muss ich denn noch warten, bis du eine geschlechtergerechte Sprache in deine Blattlinie aufnimmst?). Im eigenen Freund_innenkreis sind derartige Unüberlegtheiten hingegen unangenehm.
Das Gespräch mit G. geht weiter: Interessanterweise würde er sich darauf einlassen, sprachlich ausschließlich die weibliche Form zu verwenden, die findet er ästhetisch zumutbar. Am liebsten wäre es ihm allerdings, überhaupt eine neue Wortform zu (er)finden, mit der beide Geschlechter benannt werden. Ich frage ihn, wie dann all jene Menschen sichtbar gemacht werden können, die sich weder als männlich noch weiblich zuordnen lassen (wollen). An Trans- und Inter-Personen hat G. nämlich noch nicht gedacht. Ich sage, es gibt den „_“. Und erkläre, wofür der steht. Und G., Informatiker, beginnt mir auseinanderzusetzen, dass der „_“ ein Zeichen ist. Und wie denn nun ein Zeichen irgendwelche Geschlechter kennzeichnen soll. Und ich frage mich (und ihn), was denn Sprache anderes ist als Zeichen, die mit Bedeutung gefüllt werden.
Dann rede ich mit M. M. ist Feministin, politisch, interessiert. Vom „_“ hat sie allerdings noch nie gehört. Ich bin kurz verwundert, erläutere ihr die Bedeutung und denke mir dann, dass man sich wohl in ganz bestimmten Kontexten aufhalten muss, um bestimmte Diskussionen mitzubekommen.
In den an.schlägen entscheiden die Autor_innen, welche sprachliche Form der Sichtbarmachung sie verwenden, in der ÖH-Zeitung „Unique“ sehe ich sowohl den „_“ als auch das Binnen-I mit einer Selbstverständlichkeit. Aber was passiert außerhalb dieses Dunstkreises?
Meine Schwester I. hat sich lange über meine Forderung lustig gemacht. Mittlerweile hat sie ihre eigene Form entwickelt: Sie spricht beispielsweise von „Studenten und innen“. Finde ich gut, und vor allem: Es hat eine zeitlang gebraucht, aber jetzt könnte sie sich selbst auch nicht mehr als „Student“ bezeichnen.
Sprache schafft Realität. Sprache beeinflusst unser Denken und Handeln. Sprache macht sichtbar. Und wer nicht sichtbar ist, existiert nicht. Solange Geschlechtergerechtigkeit nicht auf der Agenda der politisch Mächtigen steht, müssen wir sie dort herstellen, wo wir Zugriff haben. Wir müssen uns in der Sprache sichtbar machen – aber auch auf der Straße.
Zum Beispiel anlässlich des 40-jährigen Jubiläums von Stonewall. 27. Juni 1969, New York, Stonewall Inn: Polizei, Razzia, Widerstand, Straßenkämpfe. Seither gibt es zum Jahrestag weltweit Paraden, die Raum nehmen, Sichtbarkeit und Selbstermächtigung schaffen. In der Hoffnung, durch symbolische Geschlechtergerechtigkeit irgendwann auch politische Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen.
Und ein kurzer Blick auf aktuelle Meldungen zeigt, wie notwendig das nach wie vor ist: Gefängnisstrafen bei gelebter Homosexualität, Heirats- und Kinderadoptionsverbote, Unwissen. Kürzlich sagt meine Freundin C, dass in vielen Kontexten Händchenhalten mit ihrer Partnerin nicht möglich ist. Weil das jemand sehen könnte. Und dann der Job weg wäre. Im falschen Kontext.