Cutting the Edge

Schwitzen auf der Tanzfläche mit Sonja Eismann und Ute Hölzl.

Ebony Bones ist nicht nur der neue Star am britischen Musikhimmel, sondern noch dazu fast zu gut, um wahr zu sein: Denn die aus Clapham bei London stammende afrobritische Sängerin, Multiinstrumentalistin und Performerin, gerade einmal Mitte zwanzig und auf den bürgerlichen Namen Ebony Thomas hörend, war als Star der englischen TV-Soap „Family Affairs“ schon einmal richtig berühmt – doch diese Art von Ruhm ist ihr offensichtlich egal.
Lieber konzentrierte sich die fantastisch schrill gekleidete Trash-Diva, die auf herkömmliche Vorstellungen von Schönheit wenig Wert legt, auf ihre eigene Musik. Dabei ließ sie sich nicht möglichst schnell und teuer von einem Label einkaufen, sondern bastelte unbeirrt an ihrem infiziösen „tribal pop“, bevor sie nach gut zwei Jahren intensiver Medienaufmerksamkeit jetzt mit ihrem Debüt Bone Of My Bones (Sunday Best/Pias UK) um die Ecke kommt. Das ist, wie nicht anders zu erwarten war, randvoll mit überkandidelten, treibenden und übertrieben dramatischen Kompositionen zwischen Postpunk und Afrobeat, die die selbst ernannte „Harry Potter with a vagina“ mit der ihr eigenen Verve, Bissigkeit und Ironie intoniert. Doch neben spaßigen Knallern wie „Don’t Fart On My Heart“ verhandelt Ebony auch politische Themen wie Überwachung und Willkür-Justiz der Polizei. Kein Wunder, dass angeblich auch schon Grace Jones und Barack Obama Fans sind.
Nicht weniger schrill gebärden sich, natürlich, die Chicks on Speed, mittlerweile zum Duo geschrumpft, jedoch durch unzählige Kollaborationen zum ständig in Bewegung befindlichen Kollektiv mit Wechselbesetzung angewachsen, auf ihrem mittlerweile fünften Album. Kaum zu glauben, dass Melissa Logan und Alex Murray-Leslie von ihren Home Bases in Hamburg und Barcelona aus neben ihren zahllosen Projekten zwischen Galerien, Performances und Veranstaltungsreihen sogar noch Zeit für ein Doppel-Album gefunden haben. Cutting The Edge (Chicks on Speed Records/Indigo) nimmt dabei immer wieder Bezug auf die Nebentätigkeiten der Chicks – der Song „Super Surfer Girl“ mit seinem 60s-Girl-Group-Vibe fällt dabei beispielsweise mit ihrer Tätigkeit als Designerinnen für das Surfwear-Label Insight zusammen, im Spoken-Word-Stück „How To Build A High Heeled Shoe Guitar“, in dem übrigens genau dies beschrieben wird, spiegelt sich ihre wachsende Beschäftigung mit der Crafting-Bewegung wider, die für sie eine neue Form des Feminismus symbolisiert. Musikalisch sind die Chicks ihrer Strategie der Aneignung und Umdeutung existierender Genres treu geblieben – so gibt es diesmal u.a. Rave Techno, Bubblegum Pop und Düster-Elektro zu hören, alles durch die Mangel der Musik-Kunst-Fashion-Tausendsassas gedreht.
Mit Mode und Fashion hat mittlerweile auch Indie-Darling Beth Ditto einiges am Hut. Viel ist passiert in den letzten drei Jahren, seit Gossip ihr Album „Standing in the Way of Control“ veröffentlich haben, mit dem ihnen, leicht verzögert und von England ausgehend, endlich der lang verdiente Durchbruch in den Indie-Mainstream gelungen ist. Doch damit war noch längst nicht genug. Via NME-Cover und Medienhype saß Sängerin Beth Ditto plötzlich bei diversen Pariser Fashionshows in der ersten Reihe und wurde als neue Muse von Lagerfeld und McQueen gefeiert. Es liegt in der Natur der Sache, dass die Entdeckung Dittos durch den Mainstream nicht ohne Missverständnisse und vor allem missglückte, rein auf das Aussehen anspielende Metaphern („weibliches Michelinmännchen“) ablaufen hat können. Man kann das zwiespältig sehen, doch zumindest hat diese neue Form der Berühmtheit nichts an den Ditto’schen Haltungen ihrer Authentiztät verändert: So lehnt sie z.B. eine Kooperation mit Top Shop ab, weil diese keine Kleider in ihrer Größe führen. All das könnte durchaus vom neuen Album Music for Men (Columbia/Sony) ablenken – aber schon mit der Single „Heavy Cross“ zeigt das Trio, dass sie dort weitermachen, wo sie vor Jahren angefangen haben: reduzierter Disko-Punk, knappe, präzise Gitarren und dazu Dittos mächtige Stimme. „Music for Men“, inklusive kleinem feministischen Witz im Titel, ist ein Album voller funkelnder Pop-Perlen geworden, garniert mit Blues-Elementen, R’n’B-Tupfern, ein bisschen Electropop und etwas 1980er Disco, wortgewaltig wie eh und je.
Gossip rocken, und das ist gut so. Und hoffentlich bald wieder in unserer Nähe, denn es geht nichts über ein Gossip-Live-Konzert.