Piroschka aber weint

Schlechte Augen lesen unweigerlich „Topfmodel“. Denn eine Buchstabendünne beugt sich zwischen „Top“ und „Model“ über den Schriftzug, der auf großen Plakaten überall in der Stadt die Österreichversion der schlimmen Show ankündigt. Michèle Thoma hat sich junge Frauen angesehen, die bei minus drei Grad in Unterhosen einen Gipfel stürmen.

Aufgeregt vor dem ersten Mal? Mädels, I’m very excited! Mädels! Packt euch in eine Österreich-Fahne! Die hundert schönsten Mädchen Österreichs in der Fahne des wohl schönsten Lands der Welt – Mozart, Berge, Topfmodels. Kreativität. Kreativität ist verlangt. Ausstrahlung. Sehr, sehr gute Ausstrahlung. 102 cm Beckenweite! Ein breites Becken passt nicht in die Designer-Größe. Nur wenige schaffen es bis ganz nach oben. Damit ich weiterkomme, mache ich alles. Alles. Die Mädchen sollen grundsätzlich, bevor es ihnen nicht beigebracht wurde, nicht mit den Medien sprechen.
Constanzia. Victoria. Kim. Scheues Reh. Waldorfschule. Gute Elternhäuser. Gute Ställe. Gute Stuten. Fohlen. Keine Sabrina. Keine Schacklin. Das geht gar nicht, das Styling. Friseurinnen aus den Eighties sind nicht gefragt. Auf Wiedersehen. Sprachen. Wieviel Sprachen? Oh lala! Kleine Sekretärin baba und foi net! Erotikfotos ein don’t. Erotikfotos geht nicht. Auf Wiedersehen, kleine Sekretärin aus Niederösterreich mit Kleiner-Sekretärinnenfrisur-aus-Niederösterreich und mit Kleine-Sekretärinnen-Erotikfotos. Nur peinlich. Schaut her, wie peinlich! Das wusste ich nicht. Jetzt weißt du es. Zu klein. Zu breit. Das Becken. Messen, bitte. Schwarzer, nicht ganz schwarzer, obamaschönschwarzer Mann mit Ausstrahlung. Nicht der von den Deutschen, aber so wie der bei denen. Komisch, was für kalte Augen der plötzlich anknipsen kann. Er kann schließlich nicht immer mitheulen. Kannst du sie abmessen? Yes, we can. Du hast es. Sie hat es. Minus drei Grad am Kobenzl. Die Kleider sind teuer. Passt auf die Kleider auf! Diese Kleider sind sehr teuer. Mädels, ihr seid toll! Mädels, wir sind stolz auf euch. Du schaust süß aus. Du hast ein Kind? Die Mutter passt auf. Die Schwiegermutter passt auf. Die Freundin passt auf. Alle, alle passen auf. Bittebitte. Drogen. Niemals. Selbstbewusstsein. Witz. Sweet Sixteen. Dein Hippie-Styling kommt gut an. Piroschka aber weint. Ihr seid sekundär. In Dessous am Kobenzl, la notte, minus drei Grad. Stellt euch vor, es ist heiß! Immer lachen, das ist ja wohl klar. Sie können noch nicht gehen. Du hast die Schuhe verloren. Wer erobert sich ein Bett? Zu wenig Betten für alle, wie komisch. Damit ich weiterkomme, mache ich alles. Alles.
Die klassischen MitspielerInnen: Ein Topmodel mit einem Namen wie aus einem proletarischen Berliner Roman, das jetzt topmodelliert und -moderiert. Eine Führerin des Bundes österreichischer Mädels. Eine Grande Dame, die ab und zu ein mütterliches, aber doch strenges Lächeln spendet, die Frau Oberin, die keine Kellnerin ist. Der Runwaytrainer mit dem umwerfenden Namen Alamande Belfort und dem Gänsehaut erregenden Aliencharme. Ferner Make-up-Künstler, lässige Stardesigner. Hundert kleine Negerinnen, die bis auf eine ganz weiß sind. Dann 30, dann 10. Nur eine von euch kann Österreichs next Top Model werden.
Save the sisters. Run away, der Runwaytrainer kommt. Nein! Sicher nicht! Sie sind Freiwillige. Keine Rekrutinnen. Gardemaße. Hier lernt man Disziplin, das ist ja auch gut. Da muss man durch. Sie machen es, weil sie es wollen. Sie machen es, weil sie das immer schon wollten. Sie haben immer davon geträumt. Sie leben den Traum aller Frauen. Constanzia, Julia, Tamara, Kim, Birgit, Larissa, Christiane, Kordula, Victoria sind freie und selbstbestimmte junge Frauen. Piroschka muss leider, leider gehen, und zwar sofort. 24 Stunden New York für Larissa und Viktoria, die ein eigenes Styling haben und Larissa ist sogar eine Persönlichkeit, nicht wie die anderen, wie sie selber sagt. Mit dem Fiaker zum Flughafen! Das ist jetzt aber wirklich cool. Was ist dagegen zu sagen? Die anderen saugen Staub. Es ist doch wohl klar, dass Topmodel ein harter Beruf ist und man den Bürgertöchtern die Wadln a bisl fiere richten muss.
Shoppen oder Sightseeing? Shoppen natürlich!