Männlicher Feminismus?

Kann es profeministische Männer geben? Ja, sagt Ulrike Prattes. Denn wir brauchen Verbündete für ein Projekt, das nicht die Hälfte der Menschheit in entschuldigte Untätigkeit entlässt.

Anti-feministische Männer sind keine Neuheit – mit den momentan weltweit grassierenden Väterrechtsbewegungen zeigt sich jedoch eine sehr unschöne Spielart des Altbekannten. Männer werden als die „neuen Verlierer“ dargestellt und gar Strukturen einer vermeintlich Frauen bevorzugenden Gesellschaftsordnung erkannt. Den reaktionären und frauenfeindlichen Forderungen dieser Bewegung wird medial immer mehr Raum zugestanden – nicht zuletzt eine Folge der fehlenden Gegenöffentlichkeit. Es stellt sich also die dringende Frage nach alternativen Männlichkeiten.

Gibt es profeministische Männer?
Ist ein von Männern gelebter Feminismus möglich? Fragen, die darauf hinweisen, dass die Antwort davon abhängt, wie „Feminismus“ definiert wird. Handelt es sich dabei um eine Reaktion auf die – nur für Frauen mögliche – gemeinsame Erfahrung der Unterdrückung als „Frau“, sind Männer hier per definitionem ausgeschlossen.
Die universell gesetzte Kategorie „Frau“ ist jedoch spätestens seit der Kritik der women of color in den 1980er Jahren, die die Konstruktion einer „Normfrau“ (weiß, Mittelschicht, heterosexuell, gebildet) mit einer verallgemeinerbaren „Normerfahrung“ als hegemoniale Strategie aufzeigten, nicht mehr haltbar. Vielmehr gibt es viele verschiedene Differenzachsen, in deren Zusammenspiel Menschen ab- oder aufgewertet werden und der Kategorie Geschlecht muss dabei nicht notgedrungen immer die größte Bedeutung zukommen. Gerade der Verweis auf die Forderung nach einem differenzierten Blick auf „die Frauen“ – in deren Erfahrungen es zwar Gemeinsamkeiten, aber genauso ein Gros an Unterschieden gibt – macht deutlich, wie einheitlich dagegen landläufig „männliche Erfahrung“ gesehen wird.
Männer schlichtweg zu passiven „Objekten“ in der zu verändernden patriarchalen Struktur zu degradieren und Frauen zu den einzig möglichen aktiven feministischen Subjekten zu ernennen, wie Stephen Heath dies provokant getan hat, macht Frauen zugleich zu den alleinig Verantwortlichen für feministische Projekte. Heath warnt davor, dass ein Engagement von Männern in feministischen Zusammenhängen in paternalistischer Weise erfolgen könnte und somit nur ein weiteres Feld männlicher Dominanz geöffnet werde. Wenngleich diese Befürchtung durchaus legitim ist, wird die Argumentation häufig lediglich als Begründung für fehlendes profeministisches Engagement vorgeschoben und nicht durch ernsthafte selbstreflexive und selbstkritische Bemühungen ersetzt.

Männlichkeiten.
Bereits im Nachklang der Feminismus-Blüte der 1960er Jahre boomten Männerbewegungen, die in ihrer Anfangszeit zumeist profeministisch ausgerichtet waren. Junge Männer beschäftigten sich in anti-sexistischen Kontexten mit ihrer eigenen Position als Männer in einer Männergesellschaft und ihrer Verantwortlichkeit für die Umgestaltung derselben in Richtung Geschlechtergerechtigkeit. Die Trendwende erfolgte in den 1980er und 1990er Jahren mit Protagonisten wie etwa dem US-amerikanischen Schriftsteller Robert Bly und seinem Bestseller „Eisenhans“: Hier wurde eine männliche „Essenz“ und Kraft beschworen, die allen Männern innewohne und die es wieder zu entdecken gelte. Die aktuellen Väterrechtsbewegungen teilen mit Bly die Auffassung von Männlichkeit als einer starren und einheitlichen Kategorie.
Ganz entschieden gegen eine solche Sichtweise wenden sich unter dem Begriff der kritischen Masculinity Studies subsumierbare Forschungen, wie sie etwa Raewyn (vormals Bob/Robert) Connell betreibt. Männlichkeiten sind für die australische Soziologin nicht biologisch, sondern sozial begründet, somit veränderlich und sie werden immer in Zusammenhang mit Weiblichkeiten konstruiert. Sie sind multipel und weisen interne Hierarchien auf, was bedeutet, dass auch Ungleichheitsverhältnisse zwischen verschiedenen Männlichkeiten bestehen. Connell nennt Hegemonie, Unterordnung, Komplizenschaft und Marginalisierung als momentan elementare Verhältnisse zwischen Männlichkeiten in westlichen Industrieländern; Hegemoniale Männlichkeit bezeichnet dabei die zu einem bestimmten Zeitpunkt erfolgreichste und am meisten anerkannte Form von Männlichkeit. Wesentlich ist dabei, diese Verhältnisse dynamisch zu begreifen und nicht erneut zu fixen Kategorien – „Typen“ – erstarren zu lassen. Angesichts der internen Hierarchien darf zudem die „patriarchale Dividende“ nicht außer Acht gelassen werden, also jener Vorteil, der allen Männern in einer Gesellschaft, die Frauen unterdrückt, allein durch ihr „Mann-Sein“ erwächst – der große asymmetrische gesellschaftliche Rahmen.
Es wäre zu simpel, zu dem Schluss zu kommen, dass eben jene Männer, die aufgrund ihrer Hautfarbe, sexuellen Orientierung oder sozialen Klassenzugehörigkeit marginalisierte und unterdrückte Männlichkeiten verkörpern und von anderen, mächtigeren Männern und männlichen Strukturen dominiert werden, weibliche Unterdrückung nachvollziehen könnten und demzufolge zu profeministischem Engagement fähig wären. Was ist dann mit weißen, heterosexuellen Männern der Mittel- und Oberschicht? Bleiben sie weiterhin dazu verdammt, patriarchale Muster unhinterfragt zu reproduzieren?

„Männlicher Schmerz.“
Die irische Politologin Fidelma Ashe geht hier einen Schritt weiter. Auch Männer, die hegemoniale Männlichkeiten verkörpern, empfinden ihre Lebensführung nicht zwingend als glückbringend und angenehm, sondern können unter den Schattenseiten traditioneller Männlichkeiten (Isolierung von Kindern, Aufforderung ihre Gefühle zu unterdrücken, Wettkampf, Aggressivität etc.) leiden.
Problematisch ist, dass Begriffe wie „männlicher Schmerz“ jedoch als klar anti-feministisch gedeutet werden, da sie von reaktionären Kräften wie der Väterrechtsbewegung besetzt sind. „Männliches Leiden“ wird hier meist dazu instrumentalisiert, es der gesellschaftlichen Benachteiligung von Frauen als ebenbürtig gleichzusetzen und so die existierende Geschlechterhierarchie zu verschleiern. Im Gegenzug finden viele Feministinnen es lächerlich, „männliches Leiden“ – angesichts der viel dramatischeren Situation von Frauen – ernst zu nehmen.
Dabei wäre die Kategorie des „männlichen Schmerzes“ offen für diskursive Kämpfe innerhalb von Gender Politiken und könnte sowohl patriarchale als auch anti-patriarchale männliche Praktiken erzeugen.
Aus den Ergebnissen einer qualitativen Studie, die ich zum Verhältnis von jungen Männern und Feminismus in Österreich durchgeführt habe, werden unterschiedliche Handlungsstrategien von jungen Männern und Frauen ersichtlich, die einerseits bestehende Machtstrukturen stützen und reproduzieren, andererseits diesen entgegenarbeiten und als Potentiale für Veränderung in Richtung Geschlechtergerechtigkeit gesehen werden können. Hierbei fällt auf, dass sowohl Frauen als auch Männer (pro)feministische wie auch anti-feministische Praktiken und Argumentationen anwenden. Das profeministische Engagement einiger männlicher Diskutierenden geht dabei eindeutig über political correctness hinaus und kommt einem inneren Bedürfnis gleich – einem Bedürfnis für das mann in einer patriarchalen Gesellschaft durchaus sanktioniert wird.
Meine Forschungsergebnisse bestätigen Ashes Argumentation, dass profeministisches Engagement von Männern aus deren eigener (männlicher) Erfahrung in einer patriarchalen Gesellschaft und dem Unwohlsein damit erwächst. Es besteht ein selbstreflexives Bewusstsein um die eigene privilegierte Situation als Mann in
einer „Männergesellschaft“.
Genau wie Feministinnen sind auch profeministische Männer nicht an ihren Worten, sondern an ihrem Verhalten im Alltag zu erkennen.

Literatur
Ashe, Fidelma 2004. Deconstructing the Experiential Bar. Male Experience and Feminist Resistance. In: Men and Masculinities, Vol. 7 No. 2, October 2004. Thousand Oaks, London, New Dehli: Sage. (187-204)

Bly, Robert 1991 (1990). Eisenhans. Ein Buch über Männer.
Wien: Buchgemeinschaft Donauland [u.a.].

Connell, Raewyn (Robert) 2006 (1995). Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Wiesbaden: VS, Verlag für
Sozialwissenschaften.

Heath, Stephen 1987. Male Feminism. In: Jardine, Alice and Smith, Paul (Eds.) Men in Feminism.
New York and London: Routledge.

hooks, bell 1981. Ain't I a Woman? Black Women and Feminism.
Boston, MA: South End Press.

Dies. 2000. Feminism is for Everybody. Passionate Politics.
Cambridge, MA: South End Press.

Dies. 2004. The will to change. Men, masculinity, and love.
New York: Washington Square Press.