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Lydia Lunch ist keine leise Person. Nie gewesen. Mit 16 geht sie nach New York, stiehlt Essen für Ihre KünstlerInnenfreunde und hat seitdem den Namen „Lunch“. In den späten 1970ern gründet sie die Band „Teenage Jesus and the Jerks“, Brian Eno produziert das Debut. Anfang der 1980er entsteht ihr eigenes Label „Widowspeak Productions“, sie beginnt mit spoken word Performances und arbeitet mit Undergroundstars wie Jim „Foetus“ Thirlwell, Nick Cave oder Kim Gordon zusammen. Sie schreibt mit Hubert Selby, Jr., und wird in den 1990ern vom „Observer“ in die Reihe der zehn einflussreichsten PerformerInnen aller Zeiten gewählt. Lunch bleibt sich in ihrer drei Jahrzehnte andauernden Karriere treu, und somit untauglich für den Mainstream. Sie performt ihr Leben, ihre Erfahrungen, radikal aber offen. Sich selbst als Mittelpunkt der Kunst zu setzen wird bei weniger bemühten Geistern schnell mal zur faden Befindlichkeitsromantik, Lydia Lunch aber kommt immer zu klaren letztgültigen Aussagen: „Freedom is just a pathological lack of paranoia.“
Vor dem Gig sitzt Lydia Lunch auf der roten Couch im kühlen Backstageraum, und lässt ihrem Flow, ihrem Punk, Ihrem „scheiß mich nix“ freien Lauf.
Laut, grimmig und klar. Lernen von Lydia.
an.schläge: Du hast einmal gesagt, „Pornographie beutet Männer mehr aus als Frauen“. Stimmt das noch?
Lydia Lunch: Ja. Im Westen ist heutzutage niemand mehr gezwungen, Pornographie zu machen, Frauen hier machen Pornos, als wäre es eine Art exhibitionistischer Orden eines künstlerischen Schaffens. Das Ziel ist unverändert: Befriedigung und Geld. Doch die Männer sehen aus wie dumpfe Idioten auf der Jagd nach dem Zaubertrank, dem „voodoo of pussy“. Während die Frauen schön sind und heiß und vortäuschen, sich ganz großartig zu fühlen – wir hören sie ja kaum wirklich kommen –, sind die Männer die verdammten Trottel. Sowohl als Darsteller als auch als Konsumenten. Sie schmeißen ihr Geld hinaus, um über jenen Frauen herum zu sabbern, von denen sie im richtigen Leben keinen zweiten Blick bekommen würden.
Ist diese begehrte „pussy“ zu haben eine Art Macht von Frauen?
Schwieriges Thema. Das Problem ist, dass Sex in Medien so leicht zugänglich ist und wir zugleich viel zu wenig über Sex reden, um ihn wirklich verstehen zu können. Frauen wird eingetrichtert, dass sie sexuell nur ja nichts hergeben dürfen, nichts verschleudern, daher entsteht dieses magische Mysterium, das macht sexuelle Situationen so obszön: Sex hat einen hohen Preis, weil er wie auf einem Podest steht. Wenn du dieses oder jenes machst, kriegst du „pussy“. Wenn du bezahlst, kriegst du „pussy“. Das ist so lächerlich. Sex ist kein Geschenk. Sex ist ein Recht! Natürlich sollte Sex ein Geschenk sein, aber weil Frauen noch immer, willentlich oder nicht, als Objekte behandelt werden, haben wir diese rückgerichtete archaische Perversion. Wir sollten schon als Kinder lernen, dass Sex Lust ist. Und Lust ist gut. Sie muss nicht gepudert und geschminkt werden, damit sie verkauft werden kann.
Wir sind also nicht bereit für Lust?
Ich bin es. Keine Ahnung, wie es um dich steht.
Ich versuche mein Bestes. Aber kann wohl noch einiges lernen heute Abend.
Wohl wahr. Am Ende meines letzten Stückes heißt es: „Pleasure is the only ultimate rebellion“.
Mit all diesen Bildern von Krieg, Horror, Armut, Klassenunterschieden und Angst werden wir selber ängstlich, wir machen uns Sorgen, sind verunsichert und nervös. Und als erstes verlieren wir dadurch unsere Fähigkeit zur Lust. Wir werden Sklaven dieser Themen, sobald dieser „Voodoo“, dieser Zauber, dieses Gold zwischen unseren Beinen durch Verneinung vernichtet wird.
Sind das die Geister in „The Ghosts Of Spain“?
Auch. Ich lebe seit vier Jahren in Barcelona, es geht um alle meine Erfahrungen und Eindrücke dort. Die Geister des Bürgerkrieges, meine Geister, die Geister real existierender Personen. Krieg. Sex. Lust. Aggression.
Sind Sex und Lust immer Ausdruck von Wut oder Aggression?
Nicht immer, aber das ist ein Ankerpunkt. Ich denke, Sex sollte aggressiv sein, an die Wurzeln gehen, gelegentlich erleichtern im Sinne eines Freiwerdens von Wut. Nichts ist falsch an wütendem Sex, nichts an „hate fucking“, solange du es richtig machst.
Im Sinne von „fucking the pain away“.
Exakt. Auch darum geht es in meinem letzten Stück über den Krieg:„the more they kill, the more I fuck“. Natürlich kann es dir passieren, dass der Schmerz danach größer ist. Das ist die absurde Dualität, der „doubledildo“ daran.
Gibt es Grenzen für deinen Körper und das, was du mit ihm ausdrückst?
Ich bin keine „modern primitive“. Ich hänge also nicht gepierced von irgendwelchen Dächern herunter. Trotz der Tattoos. Ich kenne meinen Körper und weiß, was er aushält. Mich fasziniert das Innere, ich liebe Gunther van Hagens „Körperwelten“. Ich hatte viele Operationen, mein Körper hat mir einiges an Schmerzen bereitet, ich musste also darüber hinausgehen, den Schmerz in Lust verwandeln. Ein Extrem mit dem anderen Extrem heilen.
Nicht immer die beste Medizin.
Aber Extreme müssen sein?
Nein. Ich bin die ausgeglichenste Person, die du kennst. Es geht mir nicht um Kontrolle, sondern um Gleichklang, ich will nichts kontrollieren, ich will das Chaos, das uns umgibt, verstehen! Chaos ist das Gesetz der Natur! Aus dem Kontrollwahn kommen die Probleme. Krieg ist der Versuch, Kontrolle zu erlangen: über ein Land, über Menschen, über Ressourcen, Öl. Das ist nicht meine Art zu denken. Ich sage: „Be free! Suck my dick!“ (lacht) Obwohl, ich hab ja keinen.
Doch, und ich denke er ist groß.
Danke Schwester.
Wie schreibst du? In einer Art Flow?
Ich verrate dir ein Geheimnis. Es sind neunzig Prozent Irritation. Acht Prozent noch mehr Irritation. Und zwei Prozent Arbeit. Für „spoken word“ zu schreiben erfordert Disziplin, weil es einen Anfang, eine Mitte und ein Ende braucht, eine Klammer, die alle Stücke zusammenhält. Das Schreiben selbst ist automatisiert und davor steht das Konsumieren von Information. Ich fresse förmlich Nachrichten, Bücher, Erfahrungen, und muss das dann auskotzen, in einer Art poetischen Wahnsinns. Was dabei herauskommt, ist das Leben, übersetzt in ein scheinbar spontanes Abfackeln von Emotionen und Erfahrungen. Dabei brauche ich auf der Bühne meine Texte, es ist also kein Freestyle, bei allem Platz für Improvisation. Dabei habe ich keine Antworten, mir geht es nicht um das Predigen von Lösungen. Auch nicht um Philosophie. Was ich tue, ist Emotionen und Frustrationen auskotzen. Es ist Verletzen und Reinigen der Wunden zugleich. Das ist es.
Welche Art Publikum wäre perfekt für dich?
Wir beide alleine in einem Raum! Das Publikum ist mir scheißegal! Also nicht die Leute, aber das Konzept als solches. Zehn Leute sind das perfekte Publikum. Ich in meinem Zimmer bin das perfekte Publikum. Eine/r bis hunderteine/r sind das perfekte Publikum. Alles darüber sind zu viele.
Bist du „safe“ auf der Bühne? Fühlst du dich sicher?
Ich bin überall sicher. Ich bin nirgends nicht sicher. Ich fühle mich komplett sicher, weil ich keine Angst vorm Tod habe. Und wenn du keine Angst vorm Tod hast, dann fürchtest du dich vor nichts. Ich meine, wenn du über den großen Fluss gehst, hast du keine schweißnassen Hände. Also bin ich immer sicher. Auf meinem eigenen Planeten. Ich BIN mein eigener Planet. So. Ich habe alles gesagt, mach etwas daraus. Während (beginnt tief zu grummeln) meine Stimme immer tiefer wird, wie die von William S. Borroughs, so tief, dass nur noch Hunde im Stande sein werden, mich zu hören, und das wird mein ideales Publikum sein – „the dog pound“. Und die Leute werden sagen, hier ist sie wieder und heult den Mond an. Und nur die Hunde hören, was sie sagt.
(Lydia Lunch steht auf, grinst verächtlich, redet weiter, nimmt einen Schluck Hennessy und macht sich bereit für die Fotos.)
Was willst du machen, wenn du sechzig bist, Lydia?
Wenn ich sechzig bin, will ich heroinabhängig sein. Haha. Glaub mir kein Wort, Schwester! |