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Seit es das Kino und den Film(1) gibt, diente die Leinwand nicht nur als Projektionsfläche des Filmmaterials, das durch den Projektor getrieben wurde. Sobald die anfangs noch kurzen Filme Geschichten zu erzählen begannen, wurde die weiße Fläche zum Sehnsuchtsort und Katalysator heimlicher Wünsche, Ängste, unausgelebter Obsessionen und Möglichkeiten. Als am 15. März 1922 in Berlin der Stummfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ uraufgeführt wurde (F. W. Murnaus Filmklassiker mit Max Schreck in der Hauptrolle, bis heute der überzeugendste Vampir-Darsteller schlechthin), wurde das Kino um eine Dimension erweitert: Untote Wiedergänger tauchen seitdem in regelmäßigen Abständen ganz selbstverständlich als Abbildung der dunklen Seite der menschlichen Existenz in Filmen auf. Durch den gebündelten Strahl der Projektionslampe wird den Schattenwesen vorerst durch die Dauer des jeweiligen Films zum unendlichen Leben verholfen, und sie können ihren Durst nach Blut – und damit Leben – durch diese Materialisierung vor unseren Augen stillen und so ihr Unwesen treiben.
Nicht zufällig sagt Elfriede Jelinek: „Die Leinwand ist der Ort, wo etwas erscheint und spurlos wieder verschwindet. […] Die Gestalten kommen und sagen etwas, und wir, die da sitzen, fliegen, an unsere Augen gefesselt, über sie hin als wären sie gar nichts, und dann fliegen sie sogar selbst, die Schattenwesen, es ist nicht zu glauben! Obwohl wir es sehen. Film ist überhaupt: Gespenstersehen.“(2)
Ihre große Affinität zu Gespenster- und Gruselfilmen weist Jelinek nicht nur in diesem Text zum 100-jährigen Bestehen des Kinos 1995 aus. 1987 erschien ihr Theaterstück „Krankheit oder moderne Frauen“, in dem sie satirisch aus dem Fundus der Vampirliteratur schöpft: Hier treffen Emily und Carmilla aufeinander und werden zum lesbischen Vampirinnen-Paar. Die Verschränkung von Text, Sprache, Körper im unmittelbaren Erleben des Gesehenen zieht sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Werk:
„Gespensterfilme sind Berührungen, denn wir Zuschauer wollen ja, daß uns etwas geschieht, nicht daß wir nur einfach etwas anschauen.“(3)
Der Vampir als aufgerichteter Phallus.
Mit der Romanveröffentlichung von Bram Stokers „Dracula“ (1897), der auch als Vorlage für „Nosferatu“ diente, war die Figur des männlichen Vampirs geboren. Er verkörperte alles, was im sittenstrengen viktorianischen England am moralischen Pranger stand: Ehebruch, Blutschande, Vergewaltigung, Pädophilie und offen zur Schau gestellte (nekrophile) Sexualität. 25 Jahre später verkörperten Max Schrecks starre, eher noch zombiegleiche Bewegungen einerseits die Angst vor dem Fremden, dem Tod, andererseits war die erotische Komponente erstmals bildhaft angelegt und durchaus nicht zu übersehen. Als das Phantom der Nacht in Ellens Schlafzimmer eindringt – Murnau lässt den Schatten von Nosferatus Hand gierig nach der Brust der Frau greifen –, wird sie von ihm im Bett überwältigt. Neun Jahre später stattete Tod Browning seinen Dracula-Darsteller Bela Lugosi mit deutlich verstärkten sexuellen Attributen aus: Elegantere, dynamischere und weichere Bewegungen, ein riesiges Cape, eifrig geschwungen, die melancholische Dandynote unterstreichend, ein alles durchdringender, hypnotisierender Blick – damit gelingt es Dracula/Lugosi, reihenweise Frauen eher beiläufig „zu erobern“.
Die ultimative Steigerung ins Animalisch-Brutale erfährt die Figur des Vampirs in der von Terence Fisher (eine Hammer-Reihe, erstmals 1958) verfilmten Version des Dracula-Stoffes in der Verkörperung durch Christopher Lee. Blutrot sind die Augen, eine gefährlich lauernde Aura umhüllt die gespannte Körperlichkeit des Blutsaugers, der stets bereit ist, seine hauerartigen, gut sichtbaren Eckzähne in weiße, unschuldige Frauenhälse zu bohren. Schnell muss er zuschlagen, um seinen Angreifern, allen voran dem bigotten Moralisten Van Helsing, immer einen Schritt bzw. Biss voraus zu sein.
Alle Opfer in diesen erwähnten Filmen sind weiblich, tugendhaft und jungfräulich oder kurz vor ihrer Verheiratung, wie etwa Mina, die Braut Jonathan Harkers. Einzig die Figur der Lucy Westenraa, schon in Stokers Roman als Freundin Minas verankert, verkörpert die sexuell neugierige, von mehreren Männern begehrte und ihnen den Kopf verdrehende junge Frau. Als sie zur Vampirin geworden ist und ihrem erotisch konnotierten blutdürstigem Verlangen uneingeschränkt nachzukommen versucht, kann sie dem schrecklichen und endgültigen Tod durch Pfählung und anschließender Enthauptung nicht entgehen.(4) Mit der zu Tode penetrierten untoten Frau ist die patriarchale Ordnung letztendlich wiederhergestellt. Aber nicht immer war der Vampir männlichen Geschlechts.
Carmilla und die Folgen.
Im März 1872 veröffentlichte der irische Schriftsteller Sheridan Le Fanu seine Novelle „Carmilla“ in der Zeitschrift „The Dark Blue“ in drei Teilen. In dieser Erzählung wird die weibliche Hauptfigur Laura, die mit ihrem Vater in einem abgelegenen Schloss in der Steiermark lebt, mit sechs Jahren von einer schönen nächtlichen Erscheinung in die Brust gebissen. Allerdings hinterlässt dieser Biss keine sichtbaren Spuren am Körper des Mädchens. Zwölf Jahre später bringt ein Kutscher die scheinbar verletzte Carmilla in das Heim der einsamen Laura. Sie werden enge Freundinnen, als Carmilla und Laura entdecken, dass sie den gleichen Traum geträumt hatten. Carmilla ist die Inkarnation einer längst verstorbenen Verwandten, der Gräfin Millarca Karnstein, die sich ihr Überleben über die Jahrhunderte hinweg durch das Blut junger Mädchen sichert. Um der romantischen Zuneigung zur wiedererstandenen Vampirin ein Ende zu bereiten, wird der hinzugezogene Arzt, Dr. Hesselius, dazu veranlasst, das Grab der Gräfin zu öffnen und sie zu vernichten.
Ab 1932 taucht das Carmilla-Motiv in abgewandelter Form wiederholt in Vampirfilmen auf.(5) In Elfriede Jelineks eingangs erwähntem Theaterstück stehen die beiden Frauen Emily und Carmilla in einem gleichberechtigten Verhältnis zueinander, frei nach dem Motto: Ich sauge, also bin ich. In den 1960er und 70er Jahren häufen sich die Verfilmungen von lesbischen Vampir-Stoffen, die mehrheitlich ein Täterin/Opfer-Schema aufweisen. Sie erweisen sich damit als Verlängerung des männlichen Blicks, als Projektion der Schaulust des Betrachters. Bonnie Zimmermann stellt in ihrem Text „Töchter der Nacht: der lesbische Vampirfilm“ nach einer Aufzählung von Filmen mit lesbischen Vampirinnen ernüchtert fest, „[…] daß der lesbische Vampirfilm viele Stereotypen, die den Lesben seit mindestens dem letzten Jahrhundert anhaften, wieder aufgreift: lesbische Sexualität sei infantil und narzißtisch; lesbische Liebe sei steril und morbid; Lesbierinnen seien reiche und dekadente Frauen, die wehrlose junge Mädchen verführen. Aber die Tatsache, daß der lesbische Vampirmythos ein so nachdrückliches Comeback erlebt und in den frühen 70er Jahren so populär wird, ist für mich ein Hinweis darauf, daß die spezifische historische Situation der 60er und 70er Jahre neue Impulse erbracht hat: den Feminismus und den Schritt der Lesben ins Bewußtsein der Öffentlichkeit.“(6)
Dass diese Ermächtigung als gesellschaftliche Bedrohung gesehen werden kann, liegt nahe. Wenn Frauen sich nicht mehr durch den gebärenden Akt, sondern durch einen Biss ihr Leben verlängern bzw. Unsterblichkeit erlangen, entziehen sie sich ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung zur Verfügbarkeit innerhalb einer Jahrhunderte überdauernden Vorstellung der patricharchalen Ordnung.
Aufbruch in eine neue Dimension.
In Abel Ferraras Film „The Addiction“ (USA, 1995) wird die junge Philosophie-Studentin Kathleen Conklin (Lili Taylor) vom weiblichen Vampir Casanova (Annabella Sciorra) am Nachhauseweg angefallen und zur gequälten Grenzgängerin zwischen den Welten verdammt. Ferraras Deutung des vampirischen Daseins formuliert die Unterdrückung und Ausbeutung der Frau in einer allgemeineren Form von Kapitalismuskritik: „It offers, for cinema, a balance sheet of the twentieth century. The priciple of vampirism – a particularly rich figurative schema – signifies the Vietnam War, Nazism, drugs, all contagious diseases such as AIDS, American imperialism, and poverty. Ferrara’s work, in coming to grips with modern evil, can be envisaged as an ever more carefully argued-out description of capitalism as catastrophe.“(7)
Ferrara setzte damit eine These von Karl Marx frei um, nach der Kapitalismus vampirisch funktioniert. Einen ähnlich radikalen Versuch unternahm Claire Denis in ihrem 2001 entstandenen Film „Trouble Every Day“, in dem das kannibalistische Element – Aussaugen des Lebens, Einverleibung des Körpers des Anderen – als zentrales Motiv herausgearbeitet wird. Coré (Béatrice Dalle) wird von ihrem Mann Léo (Alex Descas) in einem Zimmer von der Welt weggesperrt. Als sich ein junger Mann Zutritt verschafft, kommt es nicht nur zu dem von ihm erhofften Geschlechtsverkehr mit der unbekannten, geheimnisvollen Frau. Der Liebesakt wird zum blutigen Festmahl: Laut schmatzend labt sich die Frau am sprudelnden Blut seiner zerbissenen Kehle. Sehnsucht und der unstillbare Durst nach dem ultimativen, finalen Begehren stehen hier im Vordergrund. Nicht die Unsterblichkeit, sondern die Aneignung des anderen Körpers ist hier bis hin zum Baden im Blut des Opfers das konsequent verfolgte Ziel.
Beide Filme verlassen nicht nur die gewohnte Erzählstruktur des Vampir-Themas, sie künden auch von einer Welt, in der die biopolitische Ausbeutung so weit fortgeschritten ist, dass am Ende weder Frau noch Mann unbeschadet aus der Geschichte hervorgehen können: weder Gerechtigkeit noch Erlösung, jedenfalls nicht auf diesem Planeten.
Fußnoten
(1) Die erste öffentliche Filmvorführung in Frankreich der Brüder Lumiére fand im Grand Café am Boulevard des Capucines am 28. Dezember 1895 statt.
(2) Jelinek, Elfriede: Zu Carnival of Souls. www.elfriedejelinek.com
(3) ebd.
(4) „Dracula“, Regie: Francis Ford Coppola, USA 1992
(5) „Vampyr – Der Traum des Allan Grey“, Regie: Carl Theodor Dreyer, F/D 1932. In diesem Film wurde das lesbische Motiv komplett ausgeblendet.
(6) Zimmermann, Bonnie: Töchter der Nacht: der lesbische Vampirfilm. In: Frauen und Film 28, Frankfurt/Main 1981, S. 8. In diesem Text findet sich eine spannende Filmografie zum lesbischen Vampirfilm.
(7) Brenez, Nicole: Abel Ferrara. University of Illinois Press, Urbana 2007. S. 8-9. |