Feminism speaks East

Die aktuelle Ausstellung „Gender Check“ im Wiener MUMOK widmet sich Weiblichkeits- und Männlichkeitbildern in der Kunst in Osteuropa, von den 1960ern bis heute. Katharina Meißnitzer sprach mit Ausstellungskuratorin Bojana Pejic über „Heldinnen der Arbeit“ und „verletzte Männlichkeiten“.

an.schläge: Vor der Ausstellung „Gender Check“ stand eine intensive Vorbereitungsphase, wie ist dieser Prozess verlaufen?

Bojana Pejic: Vor ungefähr zwei Jahren hat die „Erste Stiftung“ KuratorInnen kontaktiert, um Konzepte für eine Ausstellung anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Falls des Eisernen Vorhangs zu erarbeiten. Ich habe „Gender Check“ vorgeschlagen: Meine Idee war es, sozialistische – offizielle wie auch inoffizielle – Kunst aus einer feministisch-theoretischen Perspektive zu betrachten und die darin herrschenden Geschlechterrollen zu untersuchen. Ich konnte die Recherchearbeit nicht alleine machen, aufgrund der verschiedenen Sprachen. Deshalb haben wir in jedem Land eine/n KorrespondentIn und eine/n ForscherIn organisiert. Dieser Forschungsprozess hat acht Monate gedauert. Jede/r ForscherIn bekam eine Liste von Themen, nach denen er oder sie suchen sollte. Auf diese Weise haben wir rund 700 Werke zusammengestellt – damit habe ich begonnen, die Ausstellung zu strukturieren. Sie wurde in drei Teile – Socialist Iconosphere, Negotiating Personal Spaces, Post Communist Genderscapes – mit fünf thematischen Kapiteln gegliedert. Das war die einzige Möglichkeit, so viel Material aus so vielen unterschiedlichen Ländern zusammenzubringen.

Welche Rollenstereotype, welche Konzepte des kommunistischen Körpers wurden in der Zeit vor 1989 dargestellt?

In der Literatur war eine sehr männliche Darstellung von Frauen sehr verbreitet, Stichwort „die Frau am Traktor“. Für mich war es wichtig zu zeigen, dass es auch andere Modelle von Weiblichkeit gab, ein ganzes Panorama. Die Emanzipation von Frauen war ein Hauptziel der kommunistischen Länder: Sie sollten in allen Professionen arbeiten, vor allem in der Industrie. Neben der „Heldin der Arbeit“ zieht sich ein zweites Thema durch die Schau: die Mutterschaft. Das dritte Thema sind erotische Bilder. Wenn wir zum Beispiel diese Fotografie von 1959 sehen, in der eine sehr sexy Frau eine Straße baut, sagen wir heute mit unserem feministischem Wissen: Das ist sexistisch. Aber wenn man dieses Bild in den sozialistischen Realismus situiert, zwischen den Heldinnen der Arbeit, zeigen diese Darstellungen eine andere Facette. Diese Frau, die aussieht wie Sophia Loren, ist auch eine Aufbauerin des Sozialismus.
Ein Kapitel der Ausstellung heißt: „Emancipation and Discontent“. Die Frau im Sozialismus war per Definition eine berufstätige Frau und Mutter, zuhause hat sie die Hausarbeit gemacht, eventuell kam politische Arbeit dazu. Es gibt ein gutes Beispiel aus der DDR, das Bild von einer Ärztin mit dem Titel „Nachtdienst“. Auf dem ist eine Frau zu sehen, die total kaputt ist, sie kann nicht mehr. Die andere Seite dieser Emanzipation war die Erschöpfung.

Finden sich in den Männerdarstellungen auch solche Brüche?

Im zweiten Teil der Ausstellung gibt es das Kapitel„Heroic Male Subject Reconsidered“. Im sozialistischen Realismus gab es immer das Paar: Sie ist immer mit der Erde verbunden, die Bäuerin, er ist immer der Arbeiter, der urbanisiert ist. Der Mann hatte die führende Rolle. Es gibt ein paar Dekonstruktionen dieser Bilder. Später ab den 1960er Jahren gibt es Selbstporträts von Männern, die auch andere Seiten zeigen. Von Bosnien bis zur Ukraine gibt es das Bedürfnis, auch intime Männlichkeit zu zeigen. Einige konzeptuelle Arbeiten aus Polen und der DDR beweisen, dass es auch starke Einflüsse aus der christlichen Ikonografie gegeben hat. Der polnische Künstler Jerzy Beres hat seine Performances immer nackt gemacht, auch draußen, in Passionen: der Künstler in der Rolle als Leidender, z.B. in den Darstellungen des heiligen Sebastian. Statt dem pompösen, heroischen Bild geht es dann um Körper und Verletztheit.

Fanden diese Aktionen der osteuropäischen Performancekunst, die Body Art der 1970er Jahre, in der Künstlerinnen wie Marina Abramovic ihre Körpergrenzen überschritten, parallel zu denen in Westeuropa statt?

Es kursiert dieses Stereotyp über osteuropäische Performancekunst, dass in Osteuropa alle MasochistInnen waren. Masochismus aus dem System heraus. Aber wenn wir westliche KünstlerInnen wie Gina Pane anschauen, die auch mit Verletzungen des eigenen Körpers arbeitete – welches System war es denn da, das sie dazu bewegt hat, diese Performances zu machen? Es war die künstlerische Entscheidung, was die Künstlerin, der Künstler mit dem eigenen Körper machen wollte. Die Ausstellung zeigt, dass Body Art und Performancekunst in West- und Osteuropa parallel gelaufen sind. Obwohl manches erst heute entdeckt wird, weil die Aktionen oft in privaten Wohnungen stattfanden.

An der Universität Oldenburg haben Sie 2007 eine Tagung zum Thema „Heldin der Arbeit – heute!“ abgehalten, bei der es um Themen wie Sexarbeit, Feminisierung der Migration in aktueller Kunst und visueller Repräsentation ging. Wie sieht es mit den Darstellungen weiblicher Lebensrealitäten nach 1989 aus?

Eine sehr vielschichtige Arbeit, in der sich die Gender-Themen und Machtverhältnisse von heute zeigen, ist Tanja Ostojics „Looking for a husband with EU passport“ (2000-2005). Ihr Projekt bestand darin, einen Mann aus dem Westen zu finden. Sie hat ein Bild verschickt, auf dem sie sich nackt, als Anti-Porno-Star präsentiert. Es haben sich tatsächlich Männer gemeldet, und sie hat einen Deutschen geheiratet. Diesen Prozess hat sie dokumentiert. Die verschiedenen Ebenen von E-Mail-Prostitution, östliche Frau heiratet westlichen Mann etc. werden damit sichtbar.
Eine meiner Lieblingsarbeiten beschäftigt sich mit Mutterschaft und Pornografie. Eva Filova aus der Slowakei hat Milchpackungen entworfen, auf denen pornografische Bilder von Brüsten abgebildet sind. Eine weitere spannende Arbeit von den Künstlerinnen Aneta Mona Chisa und Luci Tkacova war ein Projekt mit arbeitslosen Frauen in Bratislava. Sie luden sie in die Galerie ein, um traditionelle Spitzendeckchen zu häkeln, in die aber statt den bekannten Mustern die Arbeitslosenstatistik slowakischer Frauen gestickt wurden.

Wie sieht es mit dem feministischen Selbstverständnis der Künstlerinnen aus? Bezeichnen sie sich explizit als solche?

Ich bin erst spät Feministin geworden. Mein feministisches Denken hat sich durch oder wegen unserer Kriege entwickelt, als ich in Berlin war. Obwohl ich mich immer für die Kunst von Frauen interessiert habe, war mein Bewusstsein noch nicht so da. Heute sagen nicht viele öffentlich: „Wir sind Feministinnen“, weil sie nicht in eine Ecke gedrängt werden wollen. In der sozialistischen Periode wurden feministische Theorie und Bewegung immer negativ betrachtet, als ein westliches Problem, das im Sozialismus ja gelöst war, weil die Frauen arbeiten konnten und den gleichen Lohn dafür bekamen etc. Heute lehnen viele kollektive Ideologien ab, was ich aber auch für eine Ausrede halte. Die kroatische Künstlerin Sanja Ivekovic ist bereits seit den 1970er Jahren als feministische Aktivistin bekannt, und auch einige andere KünstlerInnen sind sehr politisch, ebenso sind Queer-Themen hier sehr wichtig.
Gleichzeitig sind anhand der Queer-Paraden in Osteuropa wie z.B. in Budapest und Belgrad homophobe Tendenzen massiv sichtbar geworden.
Wir haben jetzt in Osteuropa zwanzig Jahre alte Demokratien, aber die Gesellschaften sind noch immer homophob. Es gibt zwar Gesetze, aber was ich bei der Queer Parade in Belgrad gesehen habe, macht mich sehr wütend. Igor Grubic aus Kroatien hat 2004 eine Videoprojektion mit dem Titel „East Side Story“ gemacht. Er hat „Gay Pride“-Paraden in Serbien und Kroatien gefilmt, bei denen die Leute attackiert wurden und die Polizei nur zugesehen hat. Als ich diese Szenen das erste Mal gesehen habe, diese Gewalt, musste ich weinen. Diese Szenen hat er mit einer Tanzgruppe auf der Straße nachgestellt. Es gibt z. B. auch das Queer Beograd Collective, die politisch sehr aktiv sind. Jet Moon, die bei dem Symposion zu „Gender Check“ auch moderieren wird, ist da dabei.

Bojana Pejic, geboren 1948 in Belgrad, ist Kunsthistorikerin und Kuratorin, u.a. für die Ausstellung „After the wall – Art and Culture in Post-Communist Europe“. Seit 1991 lebt sie in Berlin.

„Gender Check. Rollenbilder in der Kunst Osteuropas“. 13.11.2009-14.2.2010 im MUMOK, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, MuseumsQuartier, Museumsplatz 1, A-1070 Wien. www.gender-check.at
Ab März 2010 wird „Gender Check“ in Warschau zu sehen sein.