 |
Vor fünfzig Jahren wurde Barbie erfunden und ziemlich genau ebenso lange wird sie nun schon gleichermaßen begehrt und gehasst. Die Liste der Anklagepunkte gegen die meistverkaufte Puppe der Welt ist lang, und besonders feministische Kritikerinnen sehen in ihr all das verkörpert, wogegen die Frauenbewegung seit Generationen gekämpft hat: Sie ist weiß, blond und blauäugig (wohingegen viele Frauen das nicht sind), hat Pferde, Traumhäuser, Cabriolets sowie ein niemals endendes Arsenal von Klamotten und Schuhen (das sich viele Frauen niemals werden leisten können) und liebt einen braungebrannten Kerl mit Sixpack und Colgate-Lächeln (wohingegen viele Frauen lieber andere Frauen lieben).
Hauptpunkt der Anklage des feministischen Tribunals ist jedoch Barbies Körperbau. Mit ihrem Atombusen, der Mini-Taille und den überlangen Beinen verkörpere sie ein Schönheitsideal, das in der Realität nie erreicht werden könne; eine lebende Frau mit diesen Körpermaßen, so wird immer wieder vorgerechnet, könne keinen Schritt gehen ohne umzufallen und sei auch sonst nicht lebensfähig. Die Gegnerinnen sehen in ihr deshalb 206 Gramm pures Gift für das Körperbewusstsein junger Mädchen, deren Taille nie so schmal, Beine nie so lang und Oberweite nie so ausladend sein werden. Viele sähen Barbie am liebsten verboten.
Ist die von der Firma Mattel rund um Barbie gesponnene Erzählung heteronormativ und regt zu unkritischem Konsum an? Ja, sicher. Und obwohl sich Mattel seit Mitte der 1980er Jahre mit ethnisch diversen Barbie-Freundinnen um mehr Political Correctness und neue nicht-weiße Zielgruppen bemüht, sind die Sidekicks Shani, Kayla und Lea sicher niemals so cool und begehrenswert wie die kaukasische Schnitte, die den Mittelpunkt ihrer Clique bildet.
In diesen drei Punkten sei der Anklage also recht gegeben. Trotzdem ist Barbie in erster Linie immer noch eine Puppe – und mit dieser lässt sich theoretisch (fast) jedes Szenario nachspielen, das seiner Nutzerin beliebt. Mich zum Beispiel hat die von den HerstellerInnen propagierte Verwendung der Puppe zum An- und Auskleiden, Schminken und Frisieren gar nicht interessiert. Stattdessen habe ich meiner einzigen Barbie einen pflegeleichten Kurzhaarschnitt verpasst und sie gemeinsam mit der ohnehin viel cooleren kleinen Schwester Skipper in Ronja-Räubertochter-Manier durch den Wald reiten oder auf Bäume klettern lassen. Später haben wir dann – wie vermutlich neunzig Prozent aller mit Barbie spielenden Mädchen – unsere Barbies und Kens vor allem dazu genutzt, das nachzustellen, was wir nachts unerlaubterweise auf RTL2 gesehen hatten. Aber wer sagt, dass Barbie statt mit Ken nicht auch mit Shani, Kayla oder Lea ins Bett gehen könnte?
Der Punkt ist: Die Erzählung rund um Barbie mag noch so heteronormativ, ethnisch diskriminierend und konsumverherrlichend sein. Der Fantasie sind trotzdem nur wenige Grenzen gesetzt, und was die Besitzerinnen letztlich mit ihren Barbies anstellen, ist allein ihnen überlassen. Mit Barbie ist es in dieser Hinsicht wie mit der Fernsehserie „Sex and the City“. Auch deren Erzählung propagiert ein unrealistisch dünnes Körperbild, stellt Frauen als Shopaholics dar, die sich lieber ein paar Jimmy Choos kaufen als ihre Miete zu zahlen und suggeriert, dass wahres Glück schlussendlich nur durch die Heirat des Traumprinzen zu erlangen sei. Trotzdem bleiben nicht wenige Zuschauerinnen von all dem unbeirrt – und schaffen es dennoch, unter diesen geschlechterkonservativen Narrations-Schichten noch Sedimente eines feministischen Subtextes freizulegen.
Das einzige, was sich in der Tat kaum umkodieren lässt, sind Barbies Körpermaße. Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass Barbie bzw. die Firma Mattel in diesem Punkt ihrer Zeit voraus waren: Die Puppe sah schon zu einer Zeit, als Models noch nennenswerte Hüften und Oberschenkel hatten, so virtuell aus, wie die digital übertünchten Körper und Gesichter, von denen wir heute umringt sind.
Natürlich ist diese Entwicklung schlimm, weil sie die Illusion erzeugt, es sei normal, kindlich-schmale Hüften, dellenfreie Oberschenkel, aquamarinfarbene Reh-Augen und einen perfekten Teint zu haben – und so nach und nach auch unsere Vorstellung von Normalität verschiebt. Und natürlich ist auch Barbie in dieser Hinsicht schlimm.
Sie deshalb aus Kinderzimmern verbannen zu wollen, wie die Anklage fordert, wäre aber in etwa so sinnvoll, wie kleinen Mädchen einen Kartoffelsack über den Kopf zu ziehen und zu hoffen, dass sie auf diese Weise von den Auswirkungen manipulierter Medien-Bilder verschont bleiben. Wer als Frau in dieser Gesellschaft aufwächst, wird täglich mit unrealistischen Entwürfen weiblicher Schönheit konfrontiert. Die einzige Hoffnung bleibt da, Mädchen möglichst viel Selbstbewusstsein mit auf den Weg zu geben, ihnen zu signalisieren, dass sie so geliebt werden, wie sie sind – und dann zu hoffen, dass sie zu selbstbewussten jungen Frauen aufwachsen, die keine lebenden Puppen sein wollen. Denn Barbie und der ganze Rest werden so schnell nicht weggehen.
Chris Köver ist gemeinsam mit Sonja Eismann und Stefanie Lohaus Chefredakteurin des „Missy Magazines“. Nebenher arbeitet sie als freie Autorin, u.a. für „Die Zeit“, „Zeit Campus“ und „Neon“. |