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Es ist schwer, im dunklen Klagenfurt neben dem Stadttheater einen Parkplatz zu finden. Das Unwetter ist vorbei, doch es fallen noch einzelne dicke Tropfen vom Himmel. Unter dem beleuchteten, von Säulen getragenen Vordach des Künstlerhauses stehen dicht gedrängt schöne Kärntnerinnen und elegante Kärntner. K08 ist mit seinen acht Standorten die größte Ausstellung Kärntner Kunst seit 1945. KünstlerInnen, die alle möglichen Grenzen durchlässig machen können und medienübergreifend arbeiten, wurden in den Schauplatz Künstlerhaus eingeladen, um ihre Installationen einzubringen. Drinnen geht es rund: Aufgeregt läuft Meina Schellander hin und her, die wenigen Stiegen im Ausstellungsraum auf und ab. „Da darf ich mich aber wohl aufregen!“, ruft die „Verspannungs-Künstlerin“ und beschwert sich mit großen Gesten. Die Künstlerin Bella Ban versucht sie zu beruhigen, die Runde der Krastaler Bildhauer schaut hilflos. Zur Eröffnung der Ausstellung wurden draußen im Garten Holzbänke und Holztische aufgebaut, damit das Kärntner Publikum sein Gläschen Sekt im Sitzen schlürfen kann. Doch als plötzlich ein Platzregen niedergeht, verlegt man in Zeltfest-Manier die Sitzgelegenheiten nach innen in den Ausstellungsraum. Eine Entwürdigung des Kunstraumes, befindet Meina, deren Bilder und Skulpturen genau im Ausgangsbereich zum Garten stehen. Tagelang hat sie geschuftet, um die Raum-Figur „Eta“ aus Aluminium, Acrylglas und Nylon aus der Reihe „Figur/Raum“ aufzustellen. Ein Teil der Figur, ein fünf Meter langer Zaunbogen, besteht aus 3.000 beweglichen Teilen und ist mit metallischen Stacheln nach außen versehen. Wehrhafte Kunst, die sich gegen die festselige Vereinnahmung nicht behaupten kann. Die Künstlerin unterbricht die Entschuldigung des Eröffnungsredners mit Zwischenrufen. Später ist der schöne hohe Saal mit dem Holzboden wieder frei, vor Meinas großen Himmelsbildern mit den gestrichelten, straffierten Zeichnungen, den „inneren Frequenzen“, spielt eine Jazzband.
Diese tumultartige Szene spiegelte die Ambivalenz der Ausstellung „Emanzipation und Konfrontation. Kunst aus Kärnten 1945 bis heute“ wider. Kuratorin Silvie Aigner gelang es, in diesem Ausmaß bisher nie vorhandene Geldmittel des Landes Kärnten für die zeitgenössische Kunst zu requirieren und diffamierte, zum Teil politisch verfolgte KünstlerInnen ganz selbstverständlich, und ohne viel Aufhebens davon zu machen, einzubeziehen. Cornelius Kolig, Bella Ban oder der verstorbene Viktor Rogy hatten bisher von offizieller Seite her wenig zu erwarten, doch nun hielt Landeshauptherr und Kulturreferent Jörg Haider die Eröffnungsrede. Das künstliche Händchen, das Kolig schuf, um Haider nicht die Hand geben zu müssen, kam nicht zur Anwendung. Ein Band des umfangreichen Kataloges ist auf slowenisch, italienisch und englisch im Springer Verlag erschienen. Wie Silvie Aigner und ihrem Team dieses Wunder an Integration gelungen ist, bleibt ein Rätsel, doch eigentlich leben ja alle Beteiligten seit Jahrzehnten in Kärnten vereint miteinander und die Atmosphäre scheint widerständige Geister zu erzeugen.
Verführerisches Land-Ei.
Ein weiteres Kärntner Wunder wird das Liaunig Museum in Neuhaus bei Lavamünd nahe der Grenze zu Slowenien bei Bleiburg sein. Eine der größten privaten Kunstsammlungen Österreichs wird hier in einer eigenwilligen Architektur gezeigt. Das Museum liegt quer wie eine Röhre in der Landschaft. Meina Schellander baute in dem neugeschaffen Ort ihre Installation „Raum Omega. Ruhe sanft – du blaues Land“ auf. Ein riesiges, leuchtend blaues Ei aus Polyesterguss liegt in einer schwarzen Gummiwiege und wird geschaukelt. „In den Raumwinkel ragen vier in der Rückwand eingehängte Raummesser, aus der Rückwand quellen beschwörend schwarze Nylonschwänze“, beschreibt Schellander. Dahinter hängen blau eingefärbte Österreicher und Kärntner Fahnen von der Decke bis zum Boden. Ein drei Meter hoher, einem Golfschläger ähnlicher Aluminiumstab ist an der Rückwand verankert und schiebt einen Ball ein. „Raum Omega charakterisiert einen politischen Tatbestand und bezieht offensiv Stellung; eine sperrige und wehrhafte Haltung wird darin vermittelt.“ Meina Schellander geht mit Humor an die Kombination von Kunst und Politik heran: „Das ironisierte Ambiente wirft Fragen auf: Was hat das blaue Ei wohl anwachsen lassen? War es das schaumschlägerische Rundumspiel um eine hohe Trefferquote bei denen, die am Ball waren?“, schreibt sie. „Ein strahlend schönes blaues Ei, ein Land, dem man leicht verfällt, wiegt sich in einer gespannten Sänfte. Daraus folgt ein mögliches Schlussbild: Das Reißen der Sänfte ist vorstellbar, das Land-Ei rollt und stürzt ab.“ Die Galerie Holzer in Villach hatte bereits 1999 das blaue Ei unter ihre Fittiche genommen und ausgestellt. „Brigitte Holzer fürchtete sich damals so wenig wie ich“, meint Schellander heute zufrieden dazu. Doch nach der Präsentation in Villach wurde ein Ankauf einer anderen Installation, der Figur Eta, durch die damalige Kärntner Landesgalerie von Seiten des Landes Kärnten abgelehnt. Nun hat Herbert Liaunig den Raum Omega für sein quer liegendes Museum gekauft und die stachelbewehrte Figur Eta steht, aus Wien nach Kärnten heimgekehrt, im Künstlerhaus. Bei Eta sind linksseitig in eine zwei Meter hohe Aluminiumwand achtzig Worte negativen Inhalts von „abblockend“ bis „zerstörend“ graviert, rechtsseitig achtzig positive „Mittelworte der Gegenwart“ von „annähernd“ bis „zuwendend“.
Die wilde Figur Zeta zum Thema „Krieg: innen und außen“ (1999 bis 2003) würde auch gut nach Kärnten passen. Vielleicht auf die Universität Klagenfurt?
Gelber Erinnerungs-Faden.
„Das Nähen hat sich in den Sommermonaten, als ich auf der Akademie war, weiter entwickelt. Das hat mich geprägt. Erstens von der harten, nervös besetzten Arbeit her, für die man sehr wenig Geld bekam, und zweitens durch diese Fäden, die überall waren, wo du hingeschaut hast, im ganzen Haus. Vielleicht stammt daher dieser lineare Duktus in mir“, erzählt Meina Schellander. Die Künstlerin hängt in Ludmannsdorf fest, wo sie ihre Installation, die ein Jahr lang den Maria Saaler Dom umspannte und vernähte, am Dach des alten Häuschens ihrer verstorbenen Mutter, der Schneiderin Maria Schellander, befestigt. Ein Gemeindebediensteter wurde ihr vom Bürgermeister aus abgestellt. Eine lange Leiter lehnt am Dach. Das Feld hat sie gemäht, im Acker Verankerungen befestigt. „Es hat was von Landgewinnung“, meint sie. Eine Gedichtzeile von Gustav Janus „Z rumeno nitjo sem zasil(a) konca nastajocega dneva/Mit gelbem Faden habe ich vernäht die Enden des werdenden Tages“ inspirierte die Künstlerin den riesigen Felsendom mit einem 900 Meter langen gelben Seil zu verknüpfen. Eine fünf Meter hohe Nadel aus Holz und die im Boden verankerten Holzbuchstaben des Wortes „HomMmage“ waren vernetzt und verwebt mit dem sakralen Gebäude.
Meina Schellander hat sich nie als Malerin oder Bildhauerin bezeichnet, sondern immer als „Bauerin“. Obwohl viele ihrer Werke, wie die Vorplatzgestaltung „Flucht in die Distanz“ der HTL Ferlach, der Film „Wir in die Zeit verbannt und in den Raum gestoßen …“ zu Ingeborg Bachmann, die sie als Leitfigur des Dichtens und des Feminismus der Nachkriegsjahrzehnte bezeichnet, oder die an Simone Weil erinnernde temporäre Rauminstallation „Konnexion 2. Schwerkraft und Gnade“ in der Wiener Jesuitenkirche (bis November) an die Kunst des Feminismus erinnern, sagt sie im Gespräch: „Diese Kategorien von Frauen oder Männern in der Kunst hat es bei mir nie gegeben. Ich habe einen seriellen konzeptuellen Ansatz. Ich bin eher eine ziemliche Einzelgängerin, die von ihren Ideen bestimmt und besetzt ist.“ „Kmalu, ko bom zunaj, bom spet tukaj“, endet das Gedicht von Janus. „Werde bald auswärts sein, werde da wieder hier sein.“
Kataloge und Kunstbeispiele von Meina Schellander im Lokal „Deewan“ ihrer Tochter Natalie Deewan in Wien.
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