Gay for a day

Orthodoxe GegnerInnen wollen Homosexuelle „zurück auf’s Klo“ schicken. Die gehen stattdessen auf die Straße. Birgit Pestal war auf der Queer-Parade in Jerusalem.

Am Donnerstag, dem 26. Juni 2008 fand die Queer-Parade „Jerusalem March for Pride and Tolerance“ statt. Zwischenfälle gab es diesmal keine, auch wenn orthodoxe Juden und Jüdinnen Gegendemonstrationen starteten.
Wie schon bei vergangenen Veranstaltungen wurde auch dieses Jahr versucht, die Parade bis zum letzten Tag zu verhindern. Das Höchstgericht hat den Antrag der Ultra-Rechten auf Verbot in letzter Minute abgelehnt. Ort und Zeit der Demonstration wurden auf der Homepage des „Jerusalem Open House“, Zentrum der israelischen LBGT-Community seit 1997, erst am selben Tag bekannt gegeben. Die Nachricht verbreitete sich rasant über Mobiltelefone und E-mails.

„I am a proud dog“.
Eine Stunde vor offiziellem Beginn der Parade trifft das Teen Team des „Open House“ beim Independence Park ein. Seine Aufgabe ist es, homophobe Graffitis auf der Demonstrationsstrecke mit Plakaten zu überkleben. „Turning Filth into Pride“ steht etwa mitten am Gehweg geschrieben. Oder: „I am a proud dog“. Etwa alle hundert Meter prangern entsprechende Botschaften auf der von Regenbogenflaggen gesäumten Gehstrecke. Ein einziges positives Aushänge-Schild ist zu sehen: „Es gibt viele Wege jüdisch zu sein“ verkündet das „Center for Jewish Pluralism“ auf einem drei Meter langen Banner. In Kürze werden hier rund 3.000 DemonstrantInnen entlangwandern und rund 2.000 Securities werden das Gelände vor ultra-orthodoxen GegnerInnen der Parade absichern.
2005 kam es im Zuge der Parade zu einer Messerattacke, der Angreifer war ein orthodoxer Jude, der laut eigener Aussage im Namen Gottes töten wollte.(1) Es gab einige Verletzte. 2006 wurde die Parade in ein Stadion verlegt, da dieses Gelände leichter zu sichern war. Damals gab es im Rahmen orthodoxer Gegenbewegungen eine Demonstration vor der Knesset, bei der Schafe, Esel und Ponys mitgebracht und mit Transparenten versehen wurden: „Proud to be an animal“. Ihr Ziel war es, die „Bestialität“ von Homosexualität aufzuzeigen. „I think we managed to push them back into the closet“, meinte damals der Anti-Parade-Kläger Yehuda Meshi-Zahav.(2)
Derartige Vorfälle steigern allerdings die Medienpräsenz der Parade – zum Missfallen der Orthodoxen. „Es ist wichtig, dass die Parade zur Routine wird“, heißt es auch im richterlichen Beschluss 2008. Viele der heute Anwesenden sind daher recht locker, andere hingegen sind angespannt, besonders diejenigen, die das erste Mal zu einer Queer-Parade nach Jerusalem kommen.
Die Rhetorik mancher jüdischer Persönlichkeiten schreckt ab: „Homosexualität ist eine Krankheit, die behandelt werden sollte“, meinte etwa der Rabbi Ratzon Arussi in einem Schreiben (April 2008) an das Onlinemedium „Ynet“. „Schwule verursachen Erdbeben“, meinte allen Ernstes Knesset Mitglied Shlomo Benizri im Februar 2008 – nachdem ein Beben der Stärke 5,3 Israel erschüttert hatte. Viele Beispiele solcher Äußerungen sind bekannt. Offenbar ist die Sexualisierung der Thematik ein wesentliches Problem. Orthodoxe Juden und Jüdinnen nehmen die Parade als peinliche Zurschaustellung pervertierter Sexualität wahr und nicht als Aufruf für Toleranz und Menschenrecht, Liebe und Respekt. 2007 verlautbarte die „Jerusalem Post“, dass rund drei Viertel der Bevölkerung in Jerusalem gegen eine solche Parade seien.(3)
„Die Leute sagen, wir provozieren. In Tel Aviv etwa sind viele Teilnehmer bei der Parade halbnackt, das gibt es in Jerusalem nicht. Wir sind uns sehr darüber im Klaren, dass Jerusalem die heilige Stadt für Juden, Moslems und Christen ist. Die ultra-orthodoxe Nachbarschaft hier ist gegen uns. Dieses Jahr wirkt es aber beruhigter auf mich. Ich glaube sie haben eingesehen, dass es kontraproduktiv ist, wenn sie zu extrem gegen uns demonstrieren“, meint Daniel D. (22), ein Mitglied des Open House.

Propaganda.
Im Independencepark wurde indes ein Gelände eingezäunt. TeilnehmerInnen der Demonstration werden von Securities am Eingang durchsucht und mit einer rosa Armschleife ausgestattet, die „bezeugen soll, dass man nicht homophob ist“, wie hier erklärt wird. Der Park füllt sich schnell, überall schimmern Regenbogenflaggen und Luftballons, JournalistInnen umkreisen aufgeregt anwesende Drag-Queens und schießen Fotos von sich umarmenden Pärchen. Verschiedenste Organisationen verteilen Flyer, laden zu Partys ein oder benutzen die Demonstration, um variationsreiche andere Botschaften unter die Menschen zu bringen. Das Spektrum reicht von pro-palästinensischen Stickern über Thora-Interpretations-Infoständen bis hin zu Gruppenkundgebungen der sozialistischen Jugend.
Eine Gruppe, die sich „standwithus“ nennt, verteilt zudem Flyer mit klaren pro-israelischen Zügen. Palästinensische Schwule, so wird hier verlautbart, werden von Extremisten zu Selbstmordattentaten gezwungen, um so „ihre Seele zu reinigen“. Jegliche Quelle oder Grundlage für diese Unterstellung fehlt.(4) Gleichzeitig wird mithilfe verzerrter und propagandistischer Darstellungstechniken und schlicht falschen Informationen zu beweisen versucht, dass Israel das liberalste Land im arabischen Raum ist: Ein deutlicher Versuch die LGBT-Demonstration für nationalistische Zwecke zu instrumentalisieren.
Auf der anderen Seite gab es auch Aufrufe zum Boykott der World-Pride-Parade (2006) in Jerusalem von Gruppen, die zwar für LBGT-Rechte sind, aber gegen die Unterdrückung der PalästinenserInnen. Sie sehen sich nicht imstande im Umfeld politischer Unterdrückung für LGBT-Rechte zu demonstrieren und riefen 2006 auch allgemein zum Israel-Boykott auf.(5)
In einem Land, in dem soviel Propaganda und Gegen-Propaganda auf der Tagesordnung zu stehen scheint, bleibt sichtlich auch die LGBT-Community nicht verschont. Tatsächlich gibt es eine latente Schwulen- und Lesben Szene in der Westbank, auch wenn diese Menschen doppelt unterdrückt sind und die Orte dieser Szene streng geheim gehalten werden. Unter den anwesenden DemonstrantInnen ist die Meinung weit verbreitet, dass viele homosexuelle PalästinenserInnen versuchen, nach Israel zu kommen. Eine Anlaufstelle für sie ist ebenfalls das „Jerusalem Open House“.

Queer-Metropole Tel Aviv.
Die israelische Gesetzeslage erlaubt keine Ehe zwischen Homosexuellen, erscheint aber deutlich liberaler als in den palästinensischen Gebieten. Israel kann eine lebendige und offene LGBT-Szene vorweisen. In allen großen Städten gibt es Zentren oder Paraden. Tel Aviv ist dabei die Queer-Metropole schlechthin: Clubs bewerben queere Parties auch in Zeitungen und mit Plakaten. In Tel Aviv entfliehen viele junge Israelis nicht nur dem militärischen Druck und dem Palästina-Konflikt, sondern auch der Heteronormativität: „Hier gibt es jeden Tag Partys. Als Schwule können wir uns in Tel Aviv fast überall frei bewegen.“ sagt etwa der Paradeteilnehmer Yoav (26), der aber auch schon Opfer von Diskriminierung und Gewalt in Tel Aviv wurde.
„In Jerusalem ist es ein Horror, lesbisch zu sein“, meint Ilana (21), die früher in Jerusalem gelebt hat und heute zwischen Haifa und Tel Aviv pendelt. „Ich und meine damalige Freundin konnten nicht einmal händchenhaltend auf der Straße gehen. Die Leute starren dich an. Sie schreien dich an. Sie werfen Steinchen. Sie geben dir das Gefühl, dass du etwas furchtbar Falsches tust. Es ist sehr bedrohlich. In Haifa und Tel Aviv schauen die Leute halt, aber das ist auch schon alles. Das Schlimme ist das Gefühl des Eingesperrtseins. Viele Leute verheimlichen ihre Sexualität und leben ihr ganzes Leben damit. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie furchtbar das ist.“ Auf die Frage wie sie sich heute bei dieser Parade fühlt meint sie: „Ich bin o.k., ich bin geoutet. Meine Familie hat zwar lange gebraucht, um mich zu verstehen, aber sie haben es geschafft, auch wenn sie es nicht einsehen, dass ich mich der Gefahr dieser Parade aussetze. Es ist so: Einen ganzen Tag lang ist es o.k., homosexuell zu sein. Einen. Den lass’ ich mir nicht verderben. Ich bin sehr, sehr froh, heute hier zu sein und werde es in vollen Zügen genießen.“

Fußnoten:
(1) http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/4653655.stm
(2) 2007 wurde in der Israel Today bereits von 7000 Polizisten zur Sicherung des Demonstration berichtet. Gleichzeitig fand 2007 die erste Gayparade in Haifa statt.
(3) www.jpost.com/servlet/
Satellite?pagename=JPost/JPArticle/ShowFull&cid=1181570267443

(4) www.standwithus.com/pdfs/flyers/LGBT_booklet.pdf
und www.standwithus.com/pdfs/flyers/LGBT_Booklet.pdf
(5) www.boycottworldpride.org.